"Frei + Fit im Web 2.0"

Datenschützer auf Deutschlandreise

Simon Hülsbömer
Simon verantwortet redaktionell leitend die Themenbereiche IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz. Er hat aber auch Trends wie Big Data, Analytics und Cloud Computing sowie IT-Projekte in den Fachabteilungen im Blick. Außerdem betreut der studierte Media Producer den täglichen Früh-Newsletter und ab und an die iPad-Ausgaben der COMPUTERWOCHE. Aufgaben als Online-News-Aushelfer, in der Traffic- und Keyword-Analyse, dem Content Management sowie die inoffizielle Funktion "redaktioneller Fußballexperte" runden sein Profil ab.
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Der Fachjournalist und Datenschutz-Aktivist Joachim Jakobs möchte mit einer großen Städte-Tour Deutschlands Freiberufler fit für die Informationsgesellschaft machen. Ein virtuelles Modell für sein "Datenschutzmobil" hat er schon, das nötige Kleingeld fehlt aber noch. Wir haben ihn zu den Hintergründen befragt.

CW: Wie ist die Idee zur Datenschutz-Kampagne "Frei + Fit im Web 2.0" entstanden?

JOACHIM JAKOBS: Die Idee kam mir beim Schreiben des Buches "Vom Datum zum Dossier". Ich habe mir daraufhin einen wissenschaftlichen Beirat und Medienpartner für die Kampagne gesucht.

CW: Was motiviert Sie als Fachjournalist persönlich, diese Sisyphos-artige Aufklärungsarbeit zum Thema Datenschutz und Privatsphäre zu leisten?

JAKOBS: Jeder sagt mir zwar "Das Brett ist zu dick - die Facebook-Freunde lassen sich davon nicht beeindrucken". Ich will das aber nicht akzeptieren - zumal ich fürchte, dass die möglichen Konsequenzen der vollständigen Auflösung unserer Privatsphäre extrem heftig sein könnten. Da könnten Finanz- und Bankenkrise wie ein Spaziergang wirken.

CW: Wie meinen Sie das? Wie steht es um den Datenschutz in Deutschland?

Joachim Jakobs will Freiberufler über die Gefahren des Web 2.0 aufklären.
Joachim Jakobs will Freiberufler über die Gefahren des Web 2.0 aufklären.
Foto: Joachim Jakobs

JAKOBS: Das hängt immer davon ab, was der Mensch tut - und wie interessant seine Daten für die Angreifer sind. Die des privaten Anwenders sind am wenigsten interessant, sind aber auch am wenigsten geschützt. Deswegen fällt der für die Angreifer eher unters "Massengeschäft" der erpresserischen Systemverschlüsselung. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen sind da schon interessanter: Deren Maschinen sind nicht immer besser gewartet als die der Privatanwender, die Unternehmer sind aber mit ihrer wirtschaftlichen Existenz darauf angewiesen, dass sie an ihre Systeme kommen. Sie wissen wohl regelmäßig nicht, dass die technische Leistungsfähigkeit, mit der sie riesige Datenvolumina in Sekunden verarbeiten, sich durchaus auch gegen sie richten kann: Zum einen lässt sich die menschliche Unwissenheit automatisiert ausnutzen (Social Engineering), zum anderen können ungestopfte Lücken mit Scannern oder schwache Passwörter mit Passwort-Datenbanken automatisiert gefunden werden.

Generell gilt: Je mehr Geld, Macht und Einfluss die Zielperson hat, desto höher ihr Risiko. Das trifft übrigens auch uns Journalisten: Das digitale Leben des Wired-Autors Mat Honan wurde beispielsweise innerhalb von nur einer Stunde zerstört. Da die Angreifer offenbar auch an Honans Adressbuch herankamen, müssen sich aber jetzt auch seine Gesprächspartner und Kollegen darum sorgen, ob eine Nachricht von Honan auch tatsächlich von ihm stammt - jeder Anhang, jeder Link in jeder Mail von ihm kann nun infiziert sein. Honan bedroht seine Umgebung.

CW: Sie sprechen mit Ihrer Kampagne vorrangig Freiberufler an. Welche genau?

JAKOBS: Wir wollen die reale Welt vollständig virtuell abbilden. Deshalb möchte ich mit der Kampagne in erster Linie Freiberufler ansprechen, die Software entwickeln, implementieren oder nutzen, um industrielle Anlagen zu steuern oder personenbezogene Daten verarbeiten. Es ist mir egal, ob sie selbständig oder abhängig beschäftigt sind. Einzig die Funktion als Wissensarbeiter ist entscheidend.

CW: Wie soll eine Veranstaltung im Rahmen der Tour ablaufen?

JAKOBS: Wenn die Kampagne einmal läuft und ich mit meinem Datenschutzmobil von Stadt zu Stadt fahre, wie am Fließband: Morgens um 9 Uhr die erste Vorlesung mit einer Dauer von 60 Minuten, dann 30 Minuten Diskussion, um elf die zweite und so weiter. Pro Tag will ich fünf Veranstaltungen durchziehen, pro Stadt eine Woche bleiben. Ziel eines jeden Vortrags soll es sein, dass die Teilnehmer ein Sicherheitskonzept für ihr eigenes Unternehmen erstellen, ihren betrieblichen Aufbau und die involvierten Abläufe überprüfen, in sichere Technik investieren und einen "Computerführerschein" erwerben.

CW: Woran scheitert es noch?

JAKOBS: Ich benötige eine flächendeckend vertretene Hotelkette mit je einem Seminarraum bis 50 Personen und ich brauche 225.000 Euro - sprich 15 Investoren, die jeweils 15.000 Euro zuschießen. Genau daran scheitert es aber im Moment. Die Bundesregierung will nichts mit meinem Projekt zu tun haben und die Industrie genauso wenig. Über die Gründe kann ich nur spekulieren - ich vermute, das hängt wesentlich damit zusammen, dass Herr Friedrich (Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, Anm. d. Red.) fürchtet, dass die Leute kritischer über Vorratsdatenspeicherung und Elektronische Gesundheitskarte dächten, wenn sie mehr über die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen wüssten. Die Industrie andererseits vertritt natürlich häufig eigene Interessen - Stichwort "intelligente Stromnetze".

CW: Zumindest das Design für Ihr "Datenschutzmobil" steht bereits. Wer hat es entworfen?

Foto: 3D-Modell: Dosch Design / Grafik: Hannes Fuß, CC-BYNCND

JAKOBS: Das 3D-Modell stammt von Dosch Design und die Grafik von Hannes Fuß. Jeder interessierte ist herzlich eingeladen, das Datenschutzmobil auf seine Internetseite zu kopieren - wir haben es unter der CC-Lizenz BYNCND 2.0 veröffentlicht.

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