MWC

Datendienste versetzen Mobilfunk-Branche in Goldrausch

15.02.2010
Apple hat es mit dem iPhone vorgemacht - und nun will die gesamte Mobilfunk-Branche von den mobilen Datendiensten profitieren.
Auf ihrem Gipfeltreffen in Barcelona wittert die Mobilfunkbranche Morgenluft.
Auf ihrem Gipfeltreffen in Barcelona wittert die Mobilfunkbranche Morgenluft.

Auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona, der wichtigsten Mobilfunkmesse der Welt, preschen die großen Firmen hastig vor, um das Neuland zu erobern. Viel steht auf dem Spiel. Es geht um Milliarden neuer Kunden und die künftige Geschäftsgrundlage. Der Goldrausch hat alle erfasst.

So schloss sich Nokia, der weltgrößte Handy-Hersteller, mit dem führenden Chiphersteller Intel zusammen, um eine Software-Plattform zu gründen. Der kalifornische Softwarekonzern Adobe versammelte in Barcelona große Mobilfunkpartner hinter seiner Programmierplattform "AIR". Und eine Allianz führender Mobilfunkprovider gründete die "Wholesale Applications Community", die als Gegenentwurf zum iTunes Store von Apple verstanden werden kann.

Nokia und Intel entwickeln unter dem Namen MeeGo eine Plattform, auf der alle Geräte vom Smartphone bis zum Fernseher, vom Autoradio bis zur Musikanlage laufen können. Die Botschaft: Eine Lösung für alles, keine Konkurrenz wird gebraucht. Die beiden Industrie-Riesen versuchen damit aber auch einen Befreiungsschlag. Zuletzt haben viele Branchenexperten Nokia im Schatten von Rivalen wie Apple mit seinem iPhone gesehen. Und auch Intel bekam im Smartphone-Markt bisher kaum einen Fuß auf den Boden, weil die Chips des Weltmarktführers als zu stromhungrig gelten.

Nokia weiß, dass sich eine starke Marktposition in wenigen Jahren - und Handy-Austauschzyklen - in Luft auflösen kann. Klar, Nokias Symbian-Betriebssystem führt den Smartphone-Markt noch mit einem satten Anteil von 47 Prozent an. Doch erst ein paar Jahre ist es her, da hielt Symbian noch dominierende zwei Drittel.

Es war Apples iPhone, das den Damm zum Massenmarkt brach, mit seiner einfachen Bedienungsführung und dem iTunes App Store, in dem Entwickler ihre Programme für das Handy anbieten können. Das Handy wurde damit vom Telefon vor allem zu einem Mini-Computer. Seit vergangenem Jahr schießen App Stores verschiedener Hersteller wie Pilze aus dem Boden.

Microsoft, der Gigant der PC-Welt, bäumt sich nach mehreren mageren Jahren im Mobilfunk ebenfalls noch mal auf. Mit Windows Phone 7 Series will Konzernchef Steve Ballmer die entflohenen Nutzer wieder zurückgewinnen. Der Clou: Ein integrierter Zune-Mediaplayer und Xbox-Spielekonsole. Also in etwa das Erfolgsrezept von Apples iPhone.

Samsung Electronics, die Nummer zwei im Handy-Markt, versucht es in Barcelona ebenfalls mit einem eigenen Betriebssystem, "Bada" (koreanisch für Ozean). Google gewinnt mit der Industrieallianz um das Betriebssystem Android immer schneller Marktanteile. Gute Karten hat Android unter anderem durch die Vormachtstellung von Google bei Internet-Suche und -Werbung.

In Barcelona zeigte sich Branchenexperte Michael Garten skeptisch, ob neue Plattformen wie Bada und MeeGo langfristig überleben werden. "Im Markt ist Platz für drei, vielleicht vier verschiedene Plattformen - und nicht mehr."

Über mobile Datendienste wie Internet auf dem Handy redet die Branche schon seit Jahren. Der Unterschied: Jetzt steht der Markt tatsächlich vor einem explosionsartigem Wachstum. 2009 war jedes siebte verkaufte Handy ein Smartphone - in diesem Jahr dürfte es mindestens jedes vierte sein. Zum Jahr 2013 soll der Marktanteil bereits bei 40 Prozent liegen. Im kommenden Jahr wird schätzungsweise deutlich mehr als eine halbe Milliarde Menschen unterwegs mit Breitband-Verbindungen im Internet sein - die Voraussetzung für reibungslose Datendienste.

Die deutlich teureren Smartphones sind jetzt schon ein lukratives Geschäft. Sie werden in diesem Jahr bei einem Marktanteil von 27 Prozent den Herstellern mehr als die Hälfte der Umsätze und 64 Prozent des Gewinns bringen, errechnete das Beratungsunternehmen Informa.

Um die Kehrseite des Booms werden sich vor allem die Mobilfunkbetreiber kümmern müssen. Die explodierende Datenmenge bringt die Netz-Kapazitäten manchmal schon heute an ihre Grenzen und der Daten-Tsunami rollt erst noch an. Die Antwort ist der UMTS-Nachfolgestandard LTE (Long Term Evolution). Erste LTE-Netze werden gerade getestet, der kommerzielle Start der Dienste steht in den kommenden Jahren an, wird aber wieder hohe Investitionen erfordern - die die Nutzer über die Datentarife bezahlen dürften. (dpa/tc)