Industrie 4.0 ist Chance und Risiko zugleich

"Das Wettrennen um Betriebsdaten und Plattformen ist in vollem Gang"

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Wer jetzt nicht den Schatz seiner Betriebsdaten hebt und darauf basierend Serviceprodukten entwickelt, überlässt diesen lukrativen Markt Dritten, warnt Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Präsidiumsmitglied des ITK-Branchenverbands Bitkom.

CW: Industrie 4.0 wird von Ihrem Unternehmen, aber auch von Verbänden wie dem Bitkom oder Organisationen wie Acatech enorm gepusht. Manchmal gewinnt man den Eindruck, da ist auch Alarmismus im Spiel. Was ist der Hintergrund?

Frank Riemensperger: Bei Industrie 4.0, auch Machine to Machine Communication und Embedded Systems, geht es nicht nur um den Fertigungsprozess von intelligenten Produkten in intelligenten Fabriken. Entscheidend ist, welch Riesenchancen mit Internet-basierten Service-Geschäftsmodellen entstehen - rund um die intelligenten Produkte herum, wenn sie die Fabriken verlassen haben. Wir betreten jetzt die Welt der Smart Services, das ist es, was viele im Moment bewegt. Wir können an der Consumer-Welt beobachten, wie wertvoll ein Kunde werden kann, der an der digitalen Nabelschnur seines Smart Device hängt. Wie viele App- und Cloud-Anbieter machen rund um die Ökosysteme von Apple und Google gute Geschäfte?

Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Präsidiumsmitglied des ITK-Branchenverbands Bitkom.
Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Präsidiumsmitglied des ITK-Branchenverbands Bitkom.
Foto: Accenture

CW: Industrieunternehmen sollen also mit Hilfe der IT ihre Wertschöpfungsketten verlängern?

Blue Box – die „Alles-Easy-Private Cloud“? - Foto: Nmedia_Fotolia.com

Blue Box – die „Alles-Easy-Private Cloud“?

Frank Riemensperger: Ja. Momentan sehen wir ein unglaubliches Wettrennen um die Betriebsdaten unserer überall auf der Welt eingesetzten intelligenten Produkte - Röntgenapparate, Blechbiegemaschinen, Fahrzeuge etc. Wer hat Zugriff auf diese Daten? An welche Plattformen werden die intelligenten Produkte angeschlossen? Wer kann uns diese Plattformen bauen, auf der Daten gesammelt, ausgewertet und über Realtime-Analytik verarbeitet werden? Und dann geht es um die Frage, wer zu solchen Ökosystemen Services organisieren kann, die dem Arzt, dem Ingenieur oder dem Werksleiter weiterhelfen. Dieses Wettrennen ist in vollem Gang, und man muss da mitmachen! Tut man es nicht, überlässt man die Wertschöpfung, die in den Betriebsdaten steckt, anderen.

…in der Leistungskette nicht nach hinten drängen lassen

CW: Was würde das bedeuten?

Frank Riemensperger: Wenn andere diese Betriebsdaten haben, werden sie versuchen, den Produkthersteller in der Leistungskette nach hinten zu drängen. Er wird vom Premium-Anbieter zum Zulieferer mit entsprechend geringeren Gewinnmargen. Wie das funktioniert, lässt sich gut in der Smartphone-Welt nachvollziehen: Die Endgeräte treten hinter die Apps und die Ökosysteme dahinter zurück. Das läuft in allen Industrien ähnlich.

Denken Sie an die Energieversorger, die mit dem Trend zu Smart Metering Gefahr laufen, dass sich Dritte zwischenschalten, um Kunden zu helfen, den Stromverbrauch zu kontrollieren und zu reduzieren. Oder an die Autobranche, wo die Unterhaltungs- und IT-Industrie immer größere Teile der Wertschöpfung für sich beansprucht und es teilweise sogar schafft, Informations- und Entertainment-Systeme in den Mittelpunkt zu rücken - anstelle des Fahrens.

CW: Deutschland ist als IT-Standort nicht unbedingt Weltspitze. Was muss geschehen, damit Firmen das Potenzial ihrer Betriebsdaten heben können?

Frank Riemensperger: Wir haben hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine sehr gute Forschungsinfrastruktur. Deutschland kann die Smart-Service-Welt, in der komplexe intelligente Produkte mit datenbasierten Diensten zu Gesamtpaketen verknüpft werden, anführen. Jetzt geht es darum, schnell in die Smart Services einzusteigen und diese auch zu kommerzialisieren. Im Klartext heißt das: Unternehmen müssen Daten um ihre Produkte herum sammeln, veredeln und monetarisieren.

Um an die Betriebsdaten zu kommen, muss ich keine Router bauen. Es geht um Anwendungs- und Datenkompetenz, um Algorithmen und Analytik. Wer die Plattformen betreibt, an die die intelligenten Produkte angeschlossen sind, der hat auch die Möglichkeit, die Daten zu sammeln. Diese Plattformen sind ja Kontrollpunkte für den Anschluss und für das Sammeln von Daten. Daraus lassen sich dann Services generieren.