Kult und Emotionen

Das "neue iPad" als Popstar

15.03.2012
Die technischen Werte sind beim neuen Apple-Tablet nicht alles. Wenn das dritte iPad am Freitag in den Handel kommt, geht es auch um große Gefühle und tiefe Bedürfnisse.
Das "neue iPad" mit seinem höher auflösenden "Retina"-Display
Das "neue iPad" mit seinem höher auflösenden "Retina"-Display
Foto: Apple

Das iPad bewegt die Herzen: Wenn am Freitag der Verkauf des neuen Tablet-Computers beginnt, pilgern wieder große Käuferscharen in die acht Apple-Geschäfte in Deutschland. Schon bei der iPad-Premiere vor zwei Jahren sicherte sich der flache Computer schnell den Status eines "Kultgeräts". Trotz einzelner technischer Unzulänglichkeiten wie der fehlenden Unterstützung für die neuen LTE-Mobilfunknetze in Deutschland ist die Strahlkraft der iPad-Aura ungebrochen.

Bereits die mit Spannung erwartete Vorstellung der dritten iPad-Generation erinnerte den Präsentationsexperten Ole Tillmann an ein quasi-religiöses Ereignis: "Wie die Dimensionen einer Kathedrale auf ihre Besucher beeindruckend wirken, so wirkt die Größe der Leinwand unterbewusst auf uns. Sie lässt uns (relativ) klein fühlen. Die Botschaft: Apple steht über allem." Und die Botschaft wird überall weiterverbreitet: Während der Präsentation am Mittwoch vergangener Woche zählte der Kurzmitteilungsdienst Twitter zeitweise mehr als 10.000 Tweets pro Minute mit dem Begriff iPad.

Drei Tage später stellten sich in London die ersten iPad-Fans an - Ali und Zohaib ließen sich nach einem Bericht des Internet-Portals "slashgear.com" vor dem Apple Store in der Regent Street nieder, ausgestattet mit Klappstuhl und warmer Kleidung.

"In der Informationsgesellschaft wird die Technik zum Popstar", sagt der Blogger und Journalist Richard Gutjahr, der Anfang April 2010 der erste iPad-Käufer in New York war und nicht nur deswegen als "Apple-Fanboy" gilt. "Leute wie Steve Jobs oder Mark Zuckerberg prägen mit ihren Entwicklungen unser Leben genauso, wie das die Beatles oder die Rolling Stones getan haben. In einer Welt, in der jeder für sich sein Ding macht, sehnen sich die Leute nach gemeinsamen Erlebnissen und Dingen, die sie teilen können."

Die Technik selbst tritt da in den Hintergrund. Deswegen, so sagt Gutjahr, spreche der Tablet-Computer von Apple gerade auch ältere Menschen und Kinder an, die das Gerät schon eher beherrschen könnten als das Sprechen. Die Bedienung des Touchscreens sei nicht nur intuitiv, sondern fühle sich fast schon organisch an. "Das iPad wird immer mehr zum Fenster zur Welt."

Dazu passt die hohe Bildschirmauflösung beim neuen iPad, die auch in der Vergrößerung noch feinste Details darstellt. Gutjahr betont daneben besonders die Möglichkeit zur Rundum-Vernetzung - auch wenn das neue iPad mit den in Deutschland üblichen Frequenzen für den Mobilfunk-Turbo LTE nichts anfangen kann: "Dieses dritte iPad hat sämtliche Kommunikationsschnittstellen, die es jemals in einem mobilen Gerät gegeben hat." Ein Fenster zur Welt zu sein, bedeutet, ein Fenster zur Cloud zu sein, zu allen im Netz verfügbaren Informationen, Kommunikationsdiensten und Anwendungen.

Dass das iPad auch ganz sinnliche Bedürfnisse befriedigt, sagt Sebastian Buggert vom Rheingold-Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen: "Der Touchscreen wird gestreichelt, es entsteht fast eine zärtliche Schnittstelle zur Technik. Man hat das Gefühl, ins Internet hineinzugreifen." Dies gehe dann vielfach auch mit "einer gewissen Unterwerfung unter die Marke Apple" einher.

Der Frankfurter Soziologe und Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sieht "eine Eigenheit unserer Warengesellschaft" darin, "dass wir unsere Sinnlichkeit an käufliche Dinge wie ein Auto oder wie jetzt dieses Apple-Gerät heften". Er fügt auf Anfrage von dpa hinzu: "So werden wir von unseren eigenen Machwerken verlockt und auch verhöhnt." Nicht selten entstehe "eine starke emotionale Bindung an leblose Dinge bis hin zum Liebesgefühl, Dinge, die dadurch verlebendigt und auch sexuell begehrt werden". Das sei keineswegs krankhaft, weil "diese Vorlieben gewissermaßen in unserer Kultur allgemein angelegt sind".

Wo die Erwartungen so groß sind, bleiben Enttäuschungen nicht aus. "Ich habe das neue iPad am ersten Tag vorbestellt und hätte es nicht tun sollen", schrieb der Student Oliver Schwuchow im Blog "mobiFlip.de". Er wollte das neue Gerät unbedingt am 16. März in der Hand halten, was bei der Online-Bestellung auch so angezeigt war. Weil Schwuchow aber nicht mit Kreditkarte zahlte, sondern mit einer Überweisung, wurde der Liefertermin dann auf den 3. April geändert.

Übertriebene Emotionen provozieren auch die Gegenreaktionen. Während die einen das neue Gerät nicht schnell genug bekommen können, verweigern sich andere wie der Twitterer Julius H. dem Kult: "Sicher ist das neue ipad ganz nett, aber dieses ultimate-ipad-ever und it-will-change-peoples-lives geschwätz nervt". (dpa/tc)