Deutsche-Bank-Vorstand: Der Parketthandel ist ein Auslaufmodell

Das Internet pusht die Kapitalmärkte

11.01.2002
MÜNCHEN (CW) - Durch die Internet-Technik hat sich die weltweite Börsenlandschaft verändert. Direktbanken, Online-Broker sowie elektronische Handelsplattformen gewinnen an Bedeutung und gefährden das Geschäft der monopolistischen Nationalbörsen. Laut einer Studie der Deutschen Bank dürfte es mittelfristig zu einer Marktbereinigung kommen.

Höhere Transparenz, schnellere Verbindungen, kürzere Reaktionszeiten und sinkende Transaktionskosten sind die wesentlichen Effekte, die das Internet auf den Finanzsektor hat. Auch die Erleichterung des grenzübergreifenden Handels hat die Web-Nutzung vorangetrieben.

In der Studie "Internationale Kapitalmärkte der Zukunft - der Einfluss des Internets" wagt Josef Ackermann, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank AG, einen Ausblick auf die Entwicklung der Börsenlandschaft in den nächsten Jahren. Seine zentrale These besagt, dass das Internet die internationalen Kapitalmärkte nachhaltig verändern werde: "Diese Trends lassen sich nicht mehr umkehren". Zu den Nutznießern dieser Entwicklung werden vor allem die Privatanleger zählen, die von dem erleichterten Zugang zu Informationen profitieren dürften.

Auch die anderen Marktteilnehmer, also Börsen, Banken und institutionelle Investoren, können laut Ackermann ihre Vorteile aus den effizienter werdenden Kapitalmärkten ziehen. Die Angleichung der Handelskonditionen sowie die Standortunabhängigkeit erleichtern die Arbeit für große wie kleine Marktteilnehmer gleichermaßen. Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnik haben dazu geführt, dass die Welt zu einem "global financial village" zusammengerückt ist. Außerdem steht zu erwarten, dass die Märkte künftig nicht mehr national, sondern sektoral geprägt sein werden. Investoren werden sich bei ihren Anlageentscheidungen anhand von Branchenausrichtungen der Plätze orientieren.

Doch dies ist nur die eine Seite der Auswirkungen, die das Internet auf die Marktteilnehmer hat. Denn gleichzeitig hat die Einführung der neuen Techniken in das Broker-Geschäft die Markteintrittsbarrieren für Newcomer deutlich gesenkt. Direktanlagebanken, Online-Broker sowie elektronische Handelsplätze (ECN = Electronic Communication Networks) schossen in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden und lehrten die traditionellen Player - zumindest am Anfang - das Fürchten.

Doch den sinkenden Aufwendungen für den Wertpapierhandel oder Neuemissionen stehen enorme und stetig steigende Kosten für den technischen Aufwand gegenüber - egal wie hoch die Zahl der Kunden ist. Nach der ersten Welle, die den jungen Online-Anbietern Neukunden mit monatlichen Wachstumsraten in zweistelliger Höhe bescherten, hat sich diese Euphorie deutlich abgekühlt.

Die Verschnaufpause nutzten die traditionellen Geldinstitute. Laut Ackermann betreuen sie mittlerweile in Deutschland mehr als fünf Millionen Online-Kunden und besitzen damit einen Marktanteil von über 50 Prozent.

Nicht nur für die Banken - als Zwischenhändler für Börsengeschäfte -, sondern auch für die Börsen selber wird sich einiges ändern. Für Ackermann liegt der Trend klar auf der Hand: "Der Parketthandel dürfte ein Auslaufmodell sein." Die neuen alternativen Handelsplattformen werden zu Lasten der traditionellen Kapitalmärkte an Gewicht gewinnen. Mittelfristig erwartet der Deutsche-Bank-Mann eine Konsolidierung des Marktes, "sei es durch einen betriebswirtschaftlichen Exodus oder durch ein Zusammengehen mit anderen Plattformen". (rs)