Wie die IT die Automobilbranche aufmischt

Das Internet of Things erobert die Straße

Michael Ramsperger ist Senior Director für Central EMEA und Country Manager von Pivotal Deutschland. Er beschäftigt sich vor allem damit, wie Unternehmen in Zukunft ihr Geschäftsmodell mit Hilfe von IT weiterentwickeln können und wettbewerbsfähig bleiben. In seinen Beiträgen schreibt er deshalb rund um die Themen digitale Transformation, agile Software-Entwicklung, Big Data, Cloud Computing und Open-Source, aber auch Connected Cars oder die Digitalisierung in der Automobilindustrie, im Versicherungswesen beziehungsweise im Handel.
Es sind DIE Themen auf den Veranstaltungen der Automobilbranche: Connected Cars und autonomes Fahren. Noch vor wenigen Jahren galt das Interesse von Autoliebhabern vor allem den inneren Werten unter der Motorhaube und dem Design - heute rückt die digitale Ausstattung der Autos zunehmend in den Fokus.
Das Internet of Things ist die Grundlage für das Connected Car.
Das Internet of Things ist die Grundlage für das Connected Car.

Für Automobilhersteller bedeutet der neue Fokus der Kunden viele neue Herausforderungen, insbesondere, da ihnen innovative IT-Unternehmen - vor allem aus dem Silicon Valley - hier immer mehr Konkurrenz machen. Doch es geht auch anders: Wenn Automobilhersteller und IT-Unternehmen zusammenarbeiten.

IoT-Plattformen als Grundlage für Connected Cars

Das Internet of Things ist die Grundlage für das Connected Car, das uns nicht mehr nur schnell, sicher und schick von A nach B bringen soll, sondern jetzt auch den Status einer Kommunikationszentrale einnimmt. Die Datenübertragung funktioniert in zwei Richtungen:

  • Die Autos selbst sammeln während der Fahrt Daten über die aktuelle Situation auf der eigenen Route und gleichen diese über das Internet mit weiteren Informationen ab, die aus anderen Quellen stammen. Daraus ergibt sich erst das große Gesamtbild.

  • Die Fahrer werden in Echtzeit durch ihre Autos über die aktuelle Verkehrslage, Parkplatzsituation und über den Zustand des Fahrzeugs informiert. Zudem sind intelligente Prognosen darüber möglich, wann und wo Staus entstehen oder wo Gefahren beispielsweise durch Aquaplaning bestehen. Dazu verknüpft das Connected Car Informationen über Pannen und Unfälle oder die Auswirkungen von Straßenoberflächenschäden mit den Daten zur geplanten Route.

Es geht also zunächst um das Sammeln von Daten und dann um die Auswertung sowie intelligente Verknüpfung - in Echtzeit, sodass dem Fahrer der Mehrwert sofort zur Verfügung steht. Am Besten gelingt dies über Cloud-native Plattformen sowie Data Science Algorithmen. Cloud-nativ steht für die Komposition eines Systems, welches elastisch und skalierbar ist und gleichzeitig hochgradig robust, indem es annimmt, dass Infrastruktur, Netze oder ganze Regionen anfällig und austauschbar sind. Es steht für ein ganzheitliches Framework bei dem Software-Entwicklung, Continuous Deployment, Prozesse und Ressourcen über eine strukturierte Plattform mit hohem Automatisierungsgrad ineinandergreifen. Cloud-native Vorreiter mit ihren jeweiligen Eigenentwicklungen sind Unternehmen wie Netflix und Amazon.

Intelligente Prognosen und erhöhte Sicherheit

Die Connected-Car-Anwendung von Mercedes schickt Fahrzeuginformationen in die Cloud, die dann intelligent aufbereitet werden.
Die Connected-Car-Anwendung von Mercedes schickt Fahrzeuginformationen in die Cloud, die dann intelligent aufbereitet werden.
Foto: Screenshot/Mercedes Benz

Die Basis für die IoT-Plattform beim Connected Car bildet idealerweise die Cloud-native Plattform, auf der die einzelnen Bestandteile aufbauen. Neben den IoT-Komponenten, Sensoren, mobilen und eingebetteten Geräteanwendungen werden Big- und Fast-Data-Services benötigt, auf denen Data Science Algorithmen den analytischem Output liefern. Das IoT-Backend bildet die Plattform, auf der die Services miteinander interagieren, indem Sensor- & Log-Daten durch (Data-)Microservices verarbeitet werden. Die Plattform ermöglicht darüber den Betrieb über den gesamten Lebenszyklus der Applikationen durch Load Balancing, Message Queues, Health Monitoring, Scaling und Application Performance Management.

Ein gutes Beispiel ist hier die Connected-Car-Anwendung von Mercedes-Benz. Die auf Basis der Cloud-nativen Plattform entwickelte App stand bereits vier Monate nach der Vorstellung des ersten Prototyps kostenlos zum Download bereit.

Das Connected Car von Mercedes-Benz funktioniert folgendermaßen: Über die On-Board-Diagnose des Fahrzeuges (bei älteren Fahrzeugen) oder direkt über eine API mit dem Auto werden Informationen beispielsweise Umdrehungen pro Minute, Geschwindigkeit, Treibstoffverbrauch, Beschleunigung und Temperatur des Motors gesammelt. Ein Smartphone bzw. eine Smart Watch reichert anschließend die gesammelten Daten mit GPS-Informationen an und lädt sie in die Cloud.

Auf Basis der gesammelten Daten sowie der aktuellen Verkehrslage können intelligente Prognosen erstellt und dem Fahrer im Auto zur Verfügung gestellt werden. Zudem profitieren Nutzer von Echtzeitinformationen über den aktuellen Zustand ihres Wagens, die sie auch bequem über die App abrufen können, wenn sie nicht im Fahrzeug sitzen. Anwendungen wie die Standheizung sowie das Öffnen und Schließen der Türverriegelung werden aus der Ferne gesteuert. Updates werden schnell und unkompliziert 'over the air' durchgeführt. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das autonome Fahren rückt in greifbare Nähe, die Fahrsicherheit wird verbessert und es können automatisierte Notfallmanagement-Funktionen entwickelt werden, die bei einem Unfall oder einer Panne die richtigen Dienste informieren.

Neue Ansätze sind gefragt

Von grundlegender Bedeutung ist nicht nur, dass Daten schnell gesammelt werden. Essenziell ist, dass sie so schnell analysiert und interpretiert werden können, dass Fahrer in Echtzeit über wichtige Vorkommnisse informiert werden und einen Mehrwert generieren. Doch traditionelle Automobilhersteller sind keine Experten für Datenerhebung und -verarbeitung. Trotzdem: In naher Zukunft müssen sie die Daten von Millionen von Fahrzeugen gleichzeitig verarbeiten, was herkömmliche Systeme überfordert. Sowohl für die Gestaltung neuer Anwendungen, die die Wünsche der Kunden erfüllen, als auch für die Schaffung neuer Plattformen, die die Datensammlung und -verarbeitung gewährleisten, sind Automobilhersteller auf IT-Unternehmen angewiesen, die ihnen zu Verfügung stellen, was sie für innovative Real-Time Connected Car-Anwendungen benötigen.

Doch die IoT-Plattformen müssen sogar noch einen Schritt weiter gehen: Auf Basis der erhobenen Daten wollen die Automobilhersteller schnell neue Software und Services entwickeln, die genau auf die Kundenbedürfnisse abgestimmt sind. Dafür müssen Entwicklungszyklen deutlich verkürzt und die bereits vorhandene Software beständig weiterentwickelt werden. Idealerweise sollten kleine Updates und Batches bereits täglich bereitgestellt werden.

Die schnellen Entwicklungszyklen haben nicht nur den Vorteil, dass Unternehmen schneller und agiler reagieren. Auch Sicherheitslücken können sehr viel schneller entdeckt und geschlossen werden. Das Thema IT-Security darf bei allem Enthusiasmus für IoT nicht in den Hintergrund geraten. Vor allem beim Connected Car kann es um Menschenleben gehen, wenn Daten in die falschen Hände geraten und Manipulationen eines Fahrzeugs möglich werden. Auch die IoT-Plattformen müssen kontinuierlich gegen Angriffe von außen abgesichert sein. Zudem sollten die Käufer von Connected Cars darüber aufgeklärt werden, welche Daten wo hinfließen, wie sie verarbeitet und analysiert und wo sie langfristig gesichert werden.

Die Transformation endet nicht mit der IT

Moderne Unternehmen sind sich deutlich bewusst, dass die IT und zukunftsweisende Trends wie IoT, Cloud und Big Data heute die treibenden Kräfte und essenziell sind, um weiterhin erfolgreich zu sein. Allein durch neue Möglichkeiten der IT entstehen vollständig neue Unternehmensmodelle, die Marktnischen für sich erobern und sich anschließend ausbreiten.

Das Connected Car sowie Carsharing-Services sind nur die ersten Beispiele aus dem Automobil-Sektor für transformative Unternehmens-Modelle. Bei den traditionellen Automobilherstellern müssen die Prozesse und der Aufbau der Abteilungen an die neuen Herausforderungen und Aufgaben angeglichen werden, da die IT eine viel wichtigere Rolle im Unternehmen einnimmt und teilweise Abläufe anders bestimmt. Natürlich passieren diese Änderungen nicht über Nacht. Automobilhersteller müssen sich bewusst sein, dass es sich hier um eine Reise handelt, die auch länger dauern kann und bei der sie auch Fehlschläge erwarten. Doch aus Fehlern lernt man und am Ende stehen zufriedene Kunden, neue Produkte, ein modernes Unternehmensmodell und der Erfolg. (mb)