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IDC-Studie

Das Internet der Dinge wird Realität

23.05.2016
Laut einer IDC-Studie gehört das Internet der Dinge in der Fertigungsindustrie bereits zum Mainstream. Laut Oliver Edinger, Leiter IoT und Industrie 4.0 bei SAP Deutschland, ist der Innovations-Olymp aber längst noch nicht erreicht.

Die diskrete Fertigung war im vergangenen Jahr der größte Treiber des Internets der Dinge. Nach einer aktuellen Analyse von IDC gaben Fertiger mit Abstand am meisten Geld für die Vernetzung ihrer Anlagen und Maschinen aus, gefolgt von Einzelhändlern, Logistikern und Unternehmen aus dem Gesundheitssektor. Da 2016 bereits eine Mehrheit von Produktionsunternehmen die technische Basis für das Internet der Dinge im Einsatz haben werden, spricht IDC bereits von Mainstream.

Foto: IDC, 2016, SAP SE

Internet der Dinge: "Gutes Verständnis" in der diskreten Fertigung

Der Leiter von IoT und Industrie 4.0 der SAP in Deutschland Oliver Edinger spricht hingegen zunächst von einem "guten Verständnis", das zweifellos inzwischen in der Branche zu finden sei. Ob in der Optimierung der Fertigungsprozesse oder bei der Reduzierung von Ausschuss, in der Umsetzung der Losgröße 1 unter den Bedingungen der Massenfertigung, dem Energie-Monitoring oder der Erhebung von so genannten OEE-Daten, also Informationen über die Effektivität von Anlagen: Mittels Internet of Things (IoT) werden viele gängige Handgriffe bei Fertigern effizienter bewältigt.

Doch hört IoT bei ihnen nicht am Firmentor auf: In der Lager- und Transportlogistik geht es den Herstellern darum, Ersatz- und Bauteile im Lager verfügbar zu haben und die fertigen Endprodukte möglichst schnell zum Kunden zu bringen. "Unternehmen müssen schon bevor sie LKWs an die Laderampe heranfahren lassen, wissen, ob diese richtig bestückt ist, so dass keine Wartezeiten entstehen", erläutert Oliver Edinger, Leiter IoT und Industrie 4.0 bei der SAP Deutschland. "Transparenz darüber, was wann wo ist, wann zum Beispiel ein LKW tatsächlich am Verladeort ankommen wird, ist essenziell", meint Edinger. Ist die komplette Zu- und Ausliefererkette vernetzt, sieht der Kunde auf seinem Display, wie lange der Transport der bestellten Produkte noch benötigen wird.

Last but not least wird diese durchgehende Vernetzung "schlichtweg nötig sein, um den Kunden künftig zufrieden zu stellen", ist der IoT-Leiter überzeugt. Der SAP-Manager ist überzeugt, dass der "IoT-Innovationsolymp" aber erst dann erreicht ist, wenn Unternehmen intelligente Produkte anbieten, sich die eigenen Dienstleistungen produktdatengetrieben ständig verbessern oder den Kunden mehr Wissen über den zu erwartenden Betriebszustand der Produkte bereitgestellt werden kann. Aber auch die Erweiterung des eigenen Geschäftsmodells hin zur "Outcome Based Economy", in der Kunden für Leistungen und nicht mehr für Produkte zahlen, ist ohne das Internet der Dinge vielfach unmöglich.

IDC: Disruptive Technologien bedrängen jedes dritte Unternehmen

Das Beispiel der Fertiger zeigt, dass das Internet der Dinge nicht nur die Kernprozesse betrifft, sondern das gesamte Unternehmen. Tatsächlich wird nach Prognose von IDC innerhalb der nächsten drei Jahre jedes dritte Unternehmen durch digital fokussierte Mitbewerber bedrängt. Die Entwicklungen der so genannten disruptiven Technologien sind schwer vorherzusagen. Doch spielt das Internet der Dinge eine wichtige Rolle: So waren im vergangenen Jahr bereits knapp 60 Prozent der von IDC befragten Entscheider davon überzeugt, dass das Internet der Dinge für ihr Geschäft strategisch sein wird und knapp jeder Vierte sieht in dem Thema eine starke Kraft für Veränderung.

Kostendegression für das Internet der Dinge: Der Preissturz steht erst noch bevor

Nicht jede Branche entwickelt sich gleich schnell, wie auch der "Mainstream-Zeitstrahl" von IDC zeigt. Konsumgüter beispielsweise rangieren zwar an Rang zwei und sollen voraussichtlich in zwei Jahren das Internet der Dinge wie selbstverständlich nutzen. Derzeit sind die Kosten, die mit der Vernetzung von Produkten und Konsumenten einhergehen, vielfach noch zu hoch. "Es bringt nichts, einen "intelligenten" Turnschuh für 130 Euro zu verkaufen, wenn die Technologie dahinter zehn Euro pro Jahr kostet", erläutert Edinger und spricht von der so genannten Kostendegressionskurve. Umso mehr Produkte das Internet der Dinge nutzen, umso mehr rechnet sich dessen Einsatz. Die stark gesunkenen Preise für Sensoren haben bereits gezeigt, welche Auswirkung eine große Nachfrage hat. "Doch der große Preissturz im Internet der Dinge steht erst noch bevor", so der IoT-Experte.

Foto: SAP SE

Noch stärker macht sich der Preis beim Handel bemerkbar. "Als Branche mit einer traditionell geringeren Marge drehen die Unternehmen ihren Euro mehrfach um, bevor sie ihn investieren", so Edinger. Viele Supermärkte in Frankreich setzen zum Beispiel heute schon auf das elektronische Etikett. Eine digitale Einkaufsliste unterstützt Kunden beim Betreten des Ladens darin, die Produkte zu finden und Hinweise für Sondergebote zu bekommen. Per "Triangulation", etwa über einen Sender am Einkaufswagen oder eine Smartphone-App bekommen die Händler Informationen darüber, wo sich die Kunden aufhalten und verharren, während sie an anderen Produkten achtlos vorbeigehen. Noch sind das meist Pionierprojekte, so dass IDC erst für 2020 davon ausgeht, dass IoT zum Mainstream gehören wird.

IoT erst 2020 Mainstream: Gesundheitsbranche im hochregulierten Umfeld

Die diskrete Fertigung ist in Hinsicht auf die Etablierung des Internets der Dinge die fortschrittlichste Branche. Auch der Bereich Gesundheit wird - so IDC - noch vier Jahre benötigen, bis IoT in der Mehrheit der Unternehmen eingesetzt werden wird. Die Ursachen dafür liegen jedoch weniger in der Kostenfrage als viel mehr darin, dass es sich um ein "hochreguliertes Umfeld" handelt, wie SAP-Manager Edinger erläutert. Sämtliche Lösungen müssen sich lokalen Gesetzgebungen und Regulationen unterwerfen, in Deutschland etwa dem Medizinproduktegesetz. In den USA muss zunächst die entsprechende Behörde, die Food & Drug Administration (FDA), die Genehmigung für ein neues Produkt erteilen. Diese Kontrollen benötigen Zeit, bestätigen aber gleichzeitig Ärzten und Patienten, dass die eingesetzte Technologie für spezielle Indikationen Sinn macht. "Chronisch Kranke können ihre Vitalwerte überprüfen und sie dem Arzt über Smartphone-Anwendungen und eine Internet-of-Things-Plattform zur Verfügung stellen - das Thema Personalized- und Outcome-based-Health hat großes Potenzial", so Edinger. Ein entsprechendes Projekt haben etwa Roche und SAP für Zuckerkranke in Deutschland bereits umgesetzt.