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Wunsch und Wirklichkeit

Das Internet der Dinge – Lohnt sich die Aufregung?

Christoph Witte arbeitet als Publizist, Sprecher und Berater. 2009 gründete er mit Wittcomm eine Agentur für IT /Publishing/Kommunikation. Hier bündelt er seine vielfältigen Aktivitäten als Autor, Blogger, Sprecher, PR- und Kommunikationsberater. Witte hat zwei Bücher zu strategischen IT-Themen veröffentlicht und schreibt regelmäßig Beiträge für die IT- und Wirtschaftspresse. Davor arbeitete er als Chefredakteur und Herausgeber für die Computerwoche, Deutschlands wichtigster IT-Publikation für Unternehmen. Außerdem ist Witte Mitbegründer des CIO Magazins, als dessen Herausgeber er bis 2006 ebenfalls fungierte.
Das „Internet der Dinge“ verbindet Geräte und Gegenstände. Doch für Privatanwender sind die Kosten hoch, die Infrastrukturen zu komplex. Wer profitiert wirklich davon?

Der Begriff Internet der Dinge, im Englischen Internet of Things (IoT), beschreibt nichts anderes als die Verbindung physikalischer Geräte mit dem Internet, so dass ihre virtuellen Repräsentanzen Daten ins Netz übertragen können, miteinander kommunizieren oder remote von Menschen und anderen Maschinen angesprochen und bedient werden können. Theoretisch wäre es möglich, dass jedes physikalische Objekt im Internet ein virtuelles alter ego hat, das über das Netz angesprochen, ausgelesen und gesteuert werden kann.

Glaubt man den Fachleuten, ist das - seit mit dem Internetprotokoll IPV6 genügend Internetadressen vorhanden sind - technisch realisierbar. Natürlich scheitert die Vernetzung von allem mit allem noch an "Details" wie der absolut notwendigen Sicherheit, Standards oder verfügbaren Funkfrequenzen. Aber das sollte niemandem den Blick auf die eigentliche Frage verstellen: Warum und wofür brauche ich das?

Hohe Kosten und komplexe Infrastruktur

Wir können natürlich alle demnächst unsere Heizungen über das Handy steuern, Rollladen rauf und runter lassen, um möglichen Einbrechern vorzugaukeln, dass wir zuhause sind, während wir auf den Malediven schnorcheln. Außerdem können wir uns vorstellen, wie unsere Kühlschränke beim Kühlregal im Supermarkt Joghurt und Butter ordern und diese sich praktisch selbst, weil sie die Lieferadresse kennen und den Fahrdienst eigenständig bestellen, in unseren hypervernetzten Kühlschrank expedieren.

Klingt traumhaft, beantwortet aber die Warumfrage deshalb noch nicht, weil man sich nur schwer vorstellen kann, dass es genügend Konsumenten gibt, die die hohen Investitionskosten in Infrastruktur, Software und intelligente Sensorik durch die Bezahlung für solche Service refinanzieren.

Leichter dürften sich funktionierende Geschäftsmodelle im Unternehmensumfeld oder im medizinischen Bereich finden lassen.

Herzschrittmacher per remote beeinflussen

Ein Herzschrittmacher, der sich remote beeinflussen lässt, kann nicht nur praktisch, sondern auch lebensrettend sein. Außerdem würde er Krankenhäusern ermöglichen, mehr Patienten pro Arzt zu betreuen. Das sind schon zwei Gründe für eine Investition. Wenn Unternehmen den Status ihrer Produkte aus der Ferne überprüfen und bei Fehlern oder Mangelleistungen diesen Zustand auch noch korrigieren können, dann steigert das die Produktivität der Wartungstruppe ganz ungemein. Ähnliches gilt für Logistiker, die ihre Container und kleineren Behältnisse per Internet-Ping lokalisieren und umdirigieren können.

Bedenkt man zusätzlich die Fortschritte in der Produktion, die sich durch die Vernetzung der Dinge untereinander erzielen lassen, müssten sich selbst Technik-Skeptiker von dem Potenzial des Internets der Dinge überzeugen lassen.

Für mich persönlich eines der überzeugendsten Argumente für das Internet der Dinge ist allerdings die Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren. Wir erinnern uns - Komplexität bedeutet, dass man das Gesamtverhalten eines Systems nicht prognostizieren kann, obwohl man alle seine Einzelkomponenten und ihr Verhalten kennt.

Wenn sich die Dinge eigenständig vernetzen können, weil wir sie virtualisiert haben und wir ihnen Verhaltensregeln einbrennen können, die sicherstellen, dass keine Katastrophen geschehen (zum Beispiel ein Herzschrittmacher versehentlich angehalten wird) dann können sie uns helfen, Komplexität zu beherrschen - eine Fähigkeit, die wir angesichts der weiter explosionsartigen Technisierung unserer Welt dringend benötigen.

Natürlich müssen wir die erwähnten wichtigen "Details" klären, bevor wir die kleinen und großen Dinge mit Intelligenz ausstatten und auf die Menschheit loslassen. Doch jenseits aller Geschäftsmodelle lohnt die Aufregung um das Internet der Dinge. Es ist vielleicht der einzige Weg, weiter mit unserer immer komplexer werdenden Welt zurecht zu kommen.