Anpacken, Dazugehören, Kollegialität

Das finden Praktikanten cool

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Knapp 17.000 Studierende haben gewählt: die Firmen PTV Group, Accellence und Mitcaps bieten das coolste IT-Praktikum. Diesen Wettbewerb hatte das Job-Portal Alphajump ausgeschrieben.
Was junge Menschen von einem Praktikum erwarten, hat das Job-Portal Alphajump erfragt.
Was junge Menschen von einem Praktikum erwarten, hat das Job-Portal Alphajump erfragt.
Foto: Anchiy - shutterstock.com

Wenn Stefan Kiesecker von seinem Praktikum erzählt, betont er stets: "Besonders gut hat mir gefallen, dass man als Praktikant im normalen Tagesgeschäft eingesetzt wird und keine für Praktikanten zugeschnittenen Aufgaben bekommt." Der junge Mann studiert Geoinformationsmanagement in Karlsruhe. Praxiserfahrung sammelte er bei der ortsansässigen PTV Group. Der Logistik-Spezialist setzte sich beim Wettbewerb um das "Coolste IT-Praktikum 2016" an die Spitze. Das Job-Portal Alphajump hat knapp 17.000 Studierende, Absolventinnen und Absolventen um ihre Wertung gebeten. 64 Unternehmen standen zur Begutachtung. "Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, bei der Ptvproup ,nur ein Praktikant' zu sein", sagt Kiesecker über den Wettbewerbssieger.

Damit bringt er die wichtigste Aussage der Studierenden auf den Punkt: sie wollen anpacken. Das dürfen sie auch bei Accellence, einem Lösungsanbieter für Informations- und Kommunikationstechnik aus Hannover, und dem Mainzer Netzwerk-Spezialisten Mitcaps. Sie stehen neben der Ptvgroup auf dem Treppchen. Dass es sich bei allen drei Firmen nicht um Dickschiffe handelt, überrascht Mitcaps-Geschäftsführer Wilfried Röttgers nicht. Mittelständler und Startups bieten einige Vorteile, findet er: Wer für kleinere Teams arbeite, könne häufig schneller mehr Verantwortung übernehmen und somit auf einem breiteren Feld neues Wissen erwerben.

Vom Praktikum in die Festanstellung

Für alle drei Unternehmen ist das Mittel Praktikum weit mehr als ein "Nice to have". Es ist ganz klar eine Rekrutierungsmaßnahme. Dass Studierende in Festanstellungen übernommen werden, ist keine Seltenheit. Die Firmen sehen darin eine "Win-Win"-Situation für sie und für die jungen Leute. Röttgers spricht auch gar nicht von Praktika, sondern von "Arbeitsplätzen für Nachwuchstalente mit Weiterbildungswunsch und -potenzial".

Doch der Blick der drei Ausgezeichneten reicht noch weiter. Dazu Nicole Seiler von der PTV Group: "Uns ist der Kontakt zu Universitäten und Hochschulen sehr wichtig, viele Abteilungen arbeiten im Rahmen von Projekten mit Hochschulen auf der ganzen Welt sowie mit Forschungseinrichtungen wie dem FZI in Karlsruhe zusammen."

Klagen über falsche oder praxisferne Lehrinhalte? Nichts für Seiler. Ihr Unternehmen trägt lieber zur Verbesserung bei. Den Bachelor-Studiengang "Verkehrssystem-Management" an der Hochschule Karlsruhe mit Start im Wintersemester 12/13 hat die PTV Group unterstützt und bei der Zusammenstellung der Lehrfächer mitgestaltet - passend zur späteren Berufspraxis. "Wir stellen für die Labore kostenfrei unsere Software zur Verfügung, PTV Visum für die Verkehrsplanung und PTV Vissim für die Verkehrssimulation, sowie ein Kontingent von Dozenten für diese Bereiche", so Seiler. Da sei es nur logisch, dass viele Studierende dieses Studienganges auch ein Praktikum bei der PTV Group machen.

Auch Accellence versteht das Praktikum als "Mittel zur strategischen Mitarbeitergewinnung" und frühen Nachwuchsförderung, wie Benjamin Lilienthal sagt. "Die Praktikanten erfahren etwas über das Berufsleben und können sich gestaltend in der Gemeinschaft einbringen. Wie lernen junge Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Vorstellungen kennen und profitieren unter anderem von deren inspirierenden Anregungen und Ideen", führt er aus.

"Kaffee kochen können wir selber"

Alle drei Firmen stellen das Lernen in den Fokus der Zusammenarbeit. Wie strukturiert das läuft, schildert Lilienthal so: "Die Praktikanten werden, soweit dies fachlich möglich ist, in die Projektteams integriert und können so zeigen, was sie können und wollen. Sie werden dabei von einem geprüften und erfahrenen Ausbilder betreut, der das Praktikum inhaltlich strukturiert, damit alle angestrebten Ziele erreicht werden." Dieser Ausbilder engagiert sich darüber hinaus als Vermittler zwischen Praktikanten und Belegschaft. Er agiert quasi als Auszubildendenvertreter und übernimmt die Vermittlung der fachlichen Grundlagen. Denn, so Lilienthal: "Kaffee kochen können wir schließlich alle selber."

Auch Mitcaps-Chef Röttgers betont: "Arbeiten bei Mitcaps heißt wirklich arbeiten sowie Verantwortung übernehmen und nicht die Zeit absitzen." Das junge Unternehmen stemmt internationale Projekte, kommuniziert wird viel auf Englisch. "Wir holen uns die Welt nach Mainz", schmunzelt Röttgers. Derzeit ist eine tunesische Praktikantin im Haus, die fest eingestellt werden soll. Über ein Fortbildungsprogramm des Rheinland-Pfälzischen Wirtschaftsministeriums arbeitet auch eine junge Russin für Mitcaps. Man sei ein "ziemlich bunter Haufen", sagt Röttgers.

Ein Bachelor-Studium lässt wenig Zeit für Praktika

Bei der PTV Group lernen die Studierenden neben den fachlichen Inhalten auch das Arbeiten nach agilen Methoden. Sie sind ab dem ersten Tag reguläres Teammitglied, nehmen an den "Dailys" teil und verantworten, sobald eingearbeitet, selbstständig Teilaufgaben. Dabei klingt Kritik an der Neugestaltung des Studiums durch. "Ein Praktikum von vier Wochen ist nicht effektiv, so lange dauert oft schon die Einarbeitungsphase", sagt Seiler. "Wir versuchen, uns an die stark gekürzten Zeiträume, die den Studierenden im Rahmen des Bachelor- oder Master-Studiums zur Verfügung stehen, anzupassen. Aber je mehr Zeit die Studierenden haben, desto mehr können sie lernen und desto effektiver ist das Praktikum."

Und wie steht es um die angeblichen Lifestyle-Bedürfnisse der Generation Y? Die PTV Group bietet ihnen Kantine, Kaffeebar und ein Fitnesscenter. Expraktikant und Student Kiesecker lobt trotzdem etwas Anderes: Den "kollegialen Zusammenhalt" und "ständiges Feedback zu erbrachten Leistungen". Er schreibt nun seine Bachelorarbeit bei dem Unternehmen.