Interview mit Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien

"Das Einfache wird sich durchsetzen"

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Welche Strategien auf dem Weg in die Mobile-Welt sind sinnvoll? Claudia Linnhoff-Popien, Professorin für Mobile und Distributed Systems an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, diskutierte mit COMPUTERWOCHE-Redakteur Jürgen Hill.

CW: Die Industrie feiert Mobility als großen Trend. Glaubt man Systemintegratoren, dann wurde bislang vor allem die E-Mail mobilisiert. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien
Prof. Dr. Claudia Linnhoff-Popien
Foto: LMU

LINNHOFF-POPIEN: Nein, wir sind derzeit an vielen Industrieprojekten beteiligt. Unserem Institut wird geradezu die Türe eingerannt, weil Anwendungsbranchen nach Lösungen suchen, um Geschäftsprozesse zu mobilisieren. Das sehe ich als klaren Trend. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass sich das mobile Internet massiv durchsetzen wird.

CW: Gibt es Branchen, die besonders weit fortgeschritten sind?

LINNHOFF-POPIEN: Die Nachfrage ist über alle Branchen hinweg weit gestreut. So versucht etwa die Finanzbranche, Versicherungen mobil anzubieten. Und die Logistikbranche, also Speditionen oder auch der Münchner Flughafen, schauen sich ihre Lagerbestände und andere Bereiche an und überlegen, wie diese zu mobilisieren sind. Ein anderer Bereich wäre das Gesundheitswesen. Das Interesse an mobilen Anwendungen ist letztlich branchenübergreifend.

CW: Womit ist das aktuelle Interesse zu erklären?

LINNHOFF-POPIEN: In meinen Augen brachten die Endgeräte den Durchbruch. Smartphones und Tablets sind sehr günstig geworden. Gleichzeitig können sie die komplette Computerfunktionalität tragbar darstellen. In einem Smartphone finden Sie heute eine große CPU-Leistung kombiniert mit viel Speicherkapazität. Zugleich haben Sie jede Form von Interoperabilität, gepaart mit jeglicher Form von Konnektivität.

Unter diesen Voraussetzungen wird die Qualität Ihrer Arbeit nicht mehr dadurch eingeschränkt, dass Sie unterwegs sind und nicht am Schreibtisch sitzen. Die Qualität der Arbeit ist also die gleiche, und der Preis dafür ist vertretbar. Einige Hürden verhindern momentan jedoch noch den großen Durchbruch.

CW: Welche Hürden sind das?

LINNHOFF-POPIEN: Hier ist beispielsweise eine Art Wildwuchs bei den Betriebssystemen zu nennen. Zudem fehlt eine Standardisierung hinsichtlich der Sicherheitssysteme. Darüber hinaus gibt es immer noch Fragezeichen, ob man eine Anwendung auf einem spezifischen mobilen Endgerät anbieten kann. Hier existieren viele Insellösungen, aber noch kein Ansatz, der sicherstellt, dass man Services für 99 Prozent der Endgeräte mobil offerieren kann. Nehmen Sie nur die verschiedenen Marketplaces oder App Stores als Beispiel. Diese Stores erlauben es nur, Apps für jeweils ein Betriebssystem anzubieten - sei es nun iPhone, Android oder eine andere Plattform. Ein Anbieter muss also einen mehrfachen Programmieraufwand betreiben, bis er sagen kann, dass er 99 Prozent der Anwender aller Endgeräte erreicht.

CW: Ist das nicht der Preis, den wir dafür bezahlen, dass es bei den Mobilgeräten kein Monopol gibt wie auf dem Desktop?

LINNHOFF-POPIEN: Nein, ich glaube, hier sollten wir uns eher an der Entstehung des Webs orientieren. Es muss ein neues "mobiles Web" entstehen. Das Web hat auch angefangen, indem es unterschiedliche Kommunikationsformen nutzte - diese Vielfalt führte aber nicht zum Erfolg. Erst als HTTP und HTML entwickelt wurden und alle über eine Schnittstelle und Plattform kommunizierten, kam der große Durchbruch. Im mobilen Umfeld haben wir jetzt verschiedene Hersteller und Betriebssysteme sowie unterschiedliche Entwicklersichten. Dementsprechend wurden Produkte etabliert und Systeme geschaffen - jetzt sollten wir die verschiedenen Welten wieder zusammenführen, um Dienste einfacher anbieten zu können.