Daimler-Chrysler: Startup-Atmosphäre beim Großkonzern

09.03.2001 | von Katharina Leimbach
Das Image eines angestaubten Autobauers hat Daimler-Chrysler bei Studenten nicht mehr. Unter Deutschlands Anwenderunternehmen ist der Konzern derzeit der beliebteste Arbeitgeber für die Hochschulabgänger aus dem IT-Umfeld. Ein breites Aufgabenspektrum und die Chance, international tätig zu sein, spielen dabei eine große Rolle.

Eine Woche Auburn Hills, zwei Tage am Schreibtisch in Stuttgart, dann nach Spanien ins Werk Vittoria, und erneut Abflug in Richtung Chrysler-Zentrale: Für Peter Müller-Brühl sieht so der normale Arbeitsalltag aus – ständig unterwegs zwischen verschiedenen Konzernstandorten. Seit vergangenem Sommer ist er ”der verlängerte Arm” von Daimler-Chryslers oberster IT-Chefin Sue Unger und folglich ”am besten immer dort, wo sich meine Chefin gerade nicht aufhält”, so Müller-Brühl.

Michael Zaug
Michael Zaug

Der 33-Jährige ist sicherlich kein durchschnittlicher Konzernmitarbeiter aus dem Informatikumfeld, eher ein Überflieger. Doch er steht nach Ansicht von Michael Zaug, in der Stuttgarter Zentrale zuständig für das Recruiting von IT-Personal, stellvertretend für viele andere deutsche Hochschulabgänger, die es reizt, ”beim Daimler zu schaffen”: ”Interessante Projekte und die Internationalität des Unternehmens sind für die meisten jungen Bewerber die wichtigsten Kriterien”, so Zaug. Von Arbeitsplatzsicherheit spricht heute kaum jemand beim Vorstellungsgespräch.

Ungers Assistent hat seit seinem Start bei Daimler-Chrysler Anfang 1997 eine ganze Reihe interessanter Aufgaben übertragen bekommen: Im Nutzfahrzeugbau hat er zunächst Analysen für die Euro-Einführung erstellt, bevor er in Australien die Markteinführung der beiden Transporter Vito und Sprinter so organisierte, dass sie innerhalb kürzester Zeit ”von null auf 14 Prozent Marktanteil” kamen: Neben den Marktanalysen, der Werbekampagne und dem Aufbau einer Abteilung mussten Bestellsysteme entwickelt und an die Prozesse innerhalb des Konzerns angeglichen werden. Müller-Brühl hat dabei nicht mehr selbst Programmcodes geschrieben oder Schnittstellen programmiert, sondern eng mit dem lokalen Chief Information Officer (CIO) zusammengearbeitet. Denn von Haus aus ist er kein Informatiker, sondern nach eigenen Aussagen ”Betriebswirt mit Techie-Appeal”. Daher hat er seinem Europäischen Studiengang für Betriebswirtschaft (ESB) mit jeweils zweijährigen Aufenthalten in London und Reutlingen und einem Intermezzo bei Bertelsmann in Moskau sowie Gruner + Jahr in New York denn auch ein MBA-Programm mit dem Schwerpunkt System Development Design im kanadischen Ottawa folgen lassen. Hier hat er praxisorientiert studiert und nebenbei die ersten Dotcoms beraten. Und im Rahmen eines Studienprojekts in London, so erinnert sich Müller-Brühl, hat er beispielsweise für einen Squash-Club ein Programm zur Court-Verwaltung entwickelt.

Personalleiter Zaug stellt Bewerber mit einer solchen Vita natürlich mit Handkuss ein: ”Neben dem Blick auf Zeugnisse und Universitätsabschluss schauen wir darauf, ob der Bewerber Praktika nachzuweisen hat und ob er zum Beispiel auch schon mal aus dem Schwabenländle rausgekommen ist – idealerweise im Rahmen eines Auslandsstudiums.” Solche Voraussetzungen sind seiner Meinung nach wichtig, weil die jungen IT-ler im Konzern stets im Team arbeiten, das häufig international besetzt ist. Ein gutes Maß an Flexibilität und die Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen, sind daher beim Einstieg bei DaimlerChrysler ein Muss. Multikulturelle Erfahrungen, wie sie Müller-Brühl gemacht hat, sind vor allem wichtig bei der Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Erdteilen. Da der Jung-Manager alle Anforderungen par Excellence erfüllte, fand er sogar Aufnahme in die so genannte internationale Nachwuchsgruppe, deren Teilnehmer ein 15-monatiges Traineeprogramm quer durch verschiedene Abteilungen des Konzerns weltweit durchlaufen, um für Führungsaufgaben vorbereitet zu werden. Zwischen 15 und 25 junge IT-Spezialisten sind laut Zaug jedes Jahr darunter. ”Wer hier die Erwartungen erfüllt, kann innerhalb von kurzer Zeit Team- oder gar Abteilungsleiter werden”, erklärt der Personalexperte.

Doch ob Nachwuchsgruppe oder nicht – Zaug wünscht sich von allen Hochschul- und Fachhochschulabsolventen eine weitere Eigenschaft, die auch Müller-Brühl mitbrachte: ”Das Denken in Prozessen ist heute wichtiger denn je.” Die Informatiker im Konzern basteln nicht an Softwarelösungen als Selbstzweck, sondern unterstützen die in den Fachbereichen definierten Prozesse. ”Letztlich ist die IT ein Dienstleister”, definiert Müller-Brühl sein Technologieverständnis, das sich mit dem von CIO Unger deckt. So ist er beispielsweise für die Koordination der im vergangenen Jahr aus der Taufe gehobenen neuen IT-Strategie verantwortlich. Für Müller-Brühl ist der Arbeitgeber Daimler-Chrysler nach mehr als vier Jahren nach wie vor interessant, weil ”man mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert wird und so täglich dazulernt”. Wer nur ein wenig über den eigenen Tellerrand schaue, könne ”unglaublich viele Chancen und interessante neue Aufgaben für sich entdecken”. So ist er nach seinem Aufenthalt in ”Down Under” in Deutschland zum konzernweiten Projektteam zur Einführung von Systemen für das Management von Kundendaten (Customer-Relationship-Management) gestoßen. Und von dort aus landete er bei der deutschen Vertriebsorganisation in Berlin als Leiter Strategie Vertrieb Lkw, wo er als ”Power-User” die zuständige IT-Mannschaft mit ”interessanten Fragen bombardierte”: Müller-Brühl war auch hier daran gelegen, die IT zur Verbesserung des Kerngeschäfts der Vertriebsorganisation heranzuziehen.

Das Beispiel zeigt nach Ansicht von Zaug auch, dass junge IT-Spezialisten beim Autobauer keine Einbahnstraße erwartet: Der Wechsel von der 4500 Mann starken IT-Division von Sue Unger in einen anderen Bereich ist ebenso möglich wie die Rückkehr. Notwendig ist dafür neben der Aufgeschlossenheit für Neues und einem gelegentlichen Blick in die innerbetrieblichen Stellenausschreibungen im Intranet auch die ständige Weiterentwicklung. ”Gemeinsam mit der Fachabteilung überprüfen wir bei Berufsanfängern in der Regel nach ein bis zwei Jahren erstmals, in welche Richtung wir den jeweiligen IT-Spezialisten weiter entwickeln können”, erzählt Zaug. Dabei werden auch Weiterbildungsmaßnahmen herangezogen, die entweder vom konzerneigenen Bildungswesen oder aber von Externen angeboten werden. Für das mittlere und obere Management hat der Autohersteller zudem die Daimler-Chrysler- University installiert. Einen Zwang zur Weiterbildung gibt es allerdings nicht. ”Das wäre für die unterschiedlichen Anforderungen an die Mitarbeiter nicht adäquat”, argumentiert Zaug. Der Personalbereich setzt stärker auf die Eigeninitiative der Mitarbeiter.

Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen in Deutschland klagt Daimler-Chrysler nicht über den Mangel an IT-Spezialisten, obwohl der Bedarf hoch ist. ”Wir haben keine Probleme, weltweit mehrere Hundert Hochschulabsolventen im Jahr einzustellen”, sagt Zaug. Nach seiner Einschätzung liegt das nicht zuletzt auch daran, dass das Einstiegsgehalt für Diplominformatiker überdurchschnittlich hoch ist, wie eine Benchmark-Studie kürzlich ergeben hat. Auch Spezialisten mit Berufserfahrung zieht es zum schwäbischen Autobauer: In jüngster Zeit registriert Zaug vor allem viele Initiativbewerbungen aus Internet-Unternehmen. Für Müller-Brühl ist das keine Überraschung: ”Bei uns kann man Dotcom-mäßig arbeiten, hat aber gleichzeitig die Chance, an komplexen und internationalen Projekten mitzuwirken.”