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Vor Wahlen am 20. August

Cyber-Krieg um Afghanistan

14.08.2009
Die Aufständischen können den Kampfhubschrauber nicht sehen, es ist mitten in der Nacht. Die Piloten glauben, dass die Männer auf einer Straße in der südafghanischen Provinz Sabul eine Sprengfalle legen.

Die Bordkamera läuft, während sich der Verdacht erhärtet. Über Funk sagt ein Besatzungsmitglied: "Wir greifen an." Eine Hellfire-Rakete detoniert, ein Bordgeschütz schießt, die vier Männer am Boden sterben. Der Film vom Mittwoch vergangener Woche ist keine geheime Verschlusssache, sondern für jedermann im Internet zu sehen: Auf Youtube sowie eingebettet in die neue Facebook-Seite der Internationalen Schutztruppe ISAF.

Die ISAF hat schon jede Menge "Fans" bei Facebook.
Die ISAF hat schon jede Menge "Fans" bei Facebook.

Vor der Afghanistan-Wahl am kommenden Donnerstag (20.8.) tobt der Krieg um Afghanistan auch virtuell. Die ausländischen Truppen haben Facebook, Twitter und Co. für sich entdeckt. Bei der ISAF ist US-Kapitänleutnant Adam Clampitt für die Neuen Medien zuständig. Er kennt sich mit Vermarktung aus, der Reservist arbeitet im Zivilleben bei einer PR-Firma. Der 34-Jährige ist der Vater der Facebook-Seiten der ISAF sowie der US-Truppen in Afghanistan.

Nur zwei Monate nach dem ersten Auftritt haben sich mehr als 25.000 Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook als "Fans" bei "U.S. Forces - Afghanistan" angemeldet. Das sei mehr als "bei jedem anderen Militärkommando der Welt", sagt Clampitt stolz. Die ISAF ist erst seit wenigen Tagen bei Facebook vertreten, legt aber ebenfalls stetig zu. Filme, Fotos, Audio-Dateien und Texte über die Einsätze bieten sowohl die Facebook-Seite der US-Armee wie der ISAF. Pressemitteilungen erscheinen auf Facebook manchmal Stunden, bevor sie bei Journalisten als E-Mails ankommen. Firewalls der Militärs verzögern die Auslieferungen der Mails, während die Informationen bei Facebook sofort hochgeladen werden.

Facebook bietet nicht nur schnelle Informationen für jeden, sondern auch die Möglichkeit der Rückmeldung. Auf der Seite der US-Truppen kommentieren fast nur Unterstützer den Einsatz. So schreibt jemand namens Greg Red: "Die Feier der islamischen Terroristen dort drüben scheint zu Ende zu gehen." Andere berichten über die Sorge um Familienmitglieder, wenn sie Mitteilungen über Opfer lesen. Manche danken den Truppen für die Facebook-Seite. "Von einer Mutter, deren Sohn seit März in Afghanistan ist. Danke, dass Ihr uns eine Verbindung zu den Soldaten gebt, die für uns kämpfen."

Facebook ist nicht das einzige neue Medium, das die Truppen nutzen. Kurzmeldungen der ISAF und der US-Streitkräfte kommen via Twitter aufs Handy. Bilder sind auf dem Fotoportal Flickr, Videos auf Youtube abrufbar. "Das Ziel ist, eine ganz neue Zielgruppe zu erreichen, die ihre Nachrichten nicht über traditionelle Wege bezieht", sagt Clampitt. "Es revolutioniert die Art und Weise, wie wir den Einsatz (der Öffentlichkeit) vermitteln."

Das Internet sei außerdem ein wirkungsvoller Weg, "der Propaganda der Aufständischen zu begegnen", sagt Clampitt. So machten die Taliban kürzlich die ausländischen Truppen für einen Granatenangriff mit zivilen Opfern im Südosten des Landes verantwortlich. Ein von der ISAF dann im Netz veröffentlichtes Video habe aber gezeigt, dass jemand aus der Menge den Sprengsatz gezündet habe, sagt der US-Offizier. "Das hat die Taliban sofort zum Verstummen gebracht."

Doch verstummt sind die Aufständischen, die anders als die Facebook-Truppen in den Landessprachen kommunizieren, noch nicht. Ihre einstmalige Technikfeindlichkeit haben die selbst ernannten Gotteskrieger seit Jahren abgelegt. Zeitweise waren auf der Taliban-Internetseite Meldungen in fünf Sprachen zu finden, darunter Englisch. Derzeit sind die "Nachrichten" nur noch in den Landessprachen Dari und Paschtu nachlesbar. Links zu Meldungen über Selbstmordanschläge, deren Opferzahlen hoffnungslos übertrieben sind, werden rot hervorgehoben. Die Seite wird immer wieder gesperrt und muss die Adresse wechseln. Sie ist mit aggressiven Computerviren verseucht, die kaum von den Taliban selbst stammen dürften.

Trotz der virtuellen Angriffe gegen ihre Seite geben die Aufständischen ihren "Cyber-Krieg" nicht auf. Ihr jüngster Coup: Die "Stimme der Scharia" über das Internet wieder zum Leben zu erwecken. So hieß der afghanische Sender unter den Taliban bis zum Sturz ihres Regimes Ende 2001. "Dies ist das Stimme-der-Scharia-Radio des Islamischen Emirats Afghanistan", sagt heute wieder der Ansager der Abendnachrichten, die unter anderem "Nachrichten von der Front" versprechen. Zwischen Wortmeldungen werden Gesänge gespielt, in einem Lied heißt es: "Dein Blut ist auf dem Boden vergossen worden, und es sieht aus wie Tulpen." Niemand könne das "Land der Löwen" erobern.

An einem Abend melden die Taliban-Nachrichten vier getötete deutsche Soldaten südlich von Kundus - der Angriff hat tatsächlich stattgefunden, doch niemand wurde auch nur verletzt. "Sie können uns in der ganzen Welt 24 Stunden lang über das Internet hören", sagt der Sprecher später. Damit hat er Recht. Trotzdem klingen seine Worte ungewollt ironisch. Schließlich waren es die Taliban, die unter ihrem Regime die Nutzung des Internets in Afghanistan verboten hatten. (dpa/tc)