Satire

CW-Wert

07.07.2000

Ein Mann sagte seiner Freundin auf Befragen, er sei gestern Abend in einem bestimmten Kino gewesen. "Ach", erwiderte die Frau, "das ist ja schön, dass du da nicht mit abgebrannt bist." An schloss sich ein längeres Beziehungsgespräch.

Wüssten wir es nicht längst, könnten wir daraus etwas lernen: Moderne Männer lügen schlecht. Odysseus hatte noch Format. Als Penelope sich sinngemäß erkundigte, "warum er so spät aus Honolulu käme/und ob er sich denn gar nicht mehr schäme" (Joachim Ringelnatz), da schüttelte er 28000 Verse aus dem Ärmel, die es in sich hatten. Das meiste, was er die letzten 20 Jahre in unablässiger Gemeinwohlorientierung getan haben wollte, war offenbar frei erfunden - aber so gut, dass man es gerne hörte. Penelope erneuerte denn auch zügig "den Brauch des früheren Lagers".

Wie tief sind wir gesunken von Odysseus'' wortmächtig-kreativer, heiter geselliger Amoral zu den verkniffenen Dementis und Rechtfertigungen unserer Zeit. Heute besteht ein scheinbares Geständnis aus 28 Phrasen, in deren Mitte die Botschaft versteckt ist, man habe doch einmal jemanden getroffen, wisse aber nicht, wer das sei. Eine andere Art von Heuchlern bestreitet erst gar nichts mehr. Oracle hat eine Detektei beauftragt, den Büromüll von mit Microsoft verbündeten Organisationen an sich zu bringen und für den laufenden Kartellrechtsprozess auszuwerten. "Informationen ans Licht zu holen" sei eine "Bürgerpflicht", argumentiert nun Oracle-Chef Larry Ellison. Monopolisten sind gewiss eine Plage. Aber die, die bloß gern welche wären, könnten uns ebenfalls gestohlen bleiben.