Satire

CW-Wert

07.06.2002

Dem geneigten Leser dieser perpetuierenden Spalte wider den tierischen IT-Ernst dürfte nicht entgangen sein, dass sich die Humoresken des besten aller möglichen IT-Fachblätter vorzugsweise um das Internet ranken.

Das soll nicht heißen, dass wir dieses Medium voller Snobismus gering schätzten, uns gar lustig machten über eine Wirklichkeitsform, die wir zugegebenermaßen in deren Anfangszeiten auch schon mal als zartes und schützenswürdiges Pflänzchen beäugten. Heute weiß jeder, dass das WWW die globale Begegnungsstätte der sich vereinigenden Völker ist.

Jeder? Nein! Richter aus dem ehemaligen kleinen römischen Militärlager Londinium auf einer unbedeutenden Insel in der Nordsee machen dieser Tage durch allergrundsätzlichste Einlassungen in Sachen Internet auf sich aufmerksam. Dort nämlich entzog ein hohes Gericht einer allein erziehenden Mutter das Sorgerecht, weil diese aus Einsamkeit "virtuelle Beziehungen" zu Männern pflegte. Dies stelle potenziell eine Bedrohung für Kinder dar, denn sie könne ja an einen Mann geraten, den sie kaum kenne.

Nun ist jedem hier in Deutschland anders als in England natürlich sonnenklar, dass Cybersex ekliger Schweinkram ist. Trotzdem wagen wir zu fragen, ob das menschliche Paarungsverhalten nicht in fast allen Fällen einander zunächst unbekannte Kombattanten zusammenführt. Bei manchen dauert dieser Zustand der Fremdheit ja sogar eine lebenslange Ehe lang an.

Wir hier können dem Internet in diesem Fall also nicht einmal die allergeringste Schlechtigkeit andichten. Und empfehlen den Londoner Richtern, sich im Internet sachdienlichen Rat über das Agens und die befreiende Wirkung menschlicher Triebhaftigkeit zu holen.