Nächste Ausfahrt - Walldorf

CW-Interview mit Michael Kleinmeier

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Michael Kleinemeier, Geschäftsführer der SAP Deutschland AG, erinnert sich an seine ersten Jahre in Walldorf und wie er die verschiedenen Generationswechsel erlebt hat.

CW: Was hat Sie Anfang 1989 gereizt, bei SAP anzufangen?

Kleinemeier: Dietmar Hopp meinte damals, wenn ich in der Nähe sei, solle ich doch mal vorbeischauen. 1988 war ich eigentlich schon auf dem Weg nach München und hatte einen Vertrag mit einem anderen Unternehmen in der Tasche, bin dann aber hier am Walldorfer Kreuz abgebogen ...

CW: ...und bei SAP hängen geblieben?

Michael Kleinemeier, Geschäftsführer der SAP Deutschland AG.
Michael Kleinemeier, Geschäftsführer der SAP Deutschland AG.
Foto: SAP

Kleinemeier: In der Tat. Vorstand und Gründer Dietmar Hopp hat sich viel Zeit genommen und mich für SAP begeistert. Er hatte auch triftige Argumente, warum ich hier bleiben sollte. "Was willst du in München?", hat er mich gefragt. "Dort kannst du dir sowieso keine Wohnung leisten. Bleib doch lieber hier." Als ich aus dem Gespräch herauskam, wusste ich: Hier bleibst du.

CW: Neben der Wohnsituation gab es aber sicher auch noch andere Gründe?

Kleinemeier: Die SAP stand 1988, als ich mein Bewerbungsgespräch geführt habe, kurz vor dem Börsengang. Man hat gemerkt, dass der Vorstand wusste, worum es in dieser Phase ging. Außerdem war einfach eine Begeisterung im Unternehmen zu spüren. Ich habe dann einen Vertrag unterschrieben, dass man zuständig ist für Systemanalyse, Entwicklung, Beratung, Schulung, Vertrieb und eigentlich für alles - bis aufs Essen kochen.

CW: Auf der Produktseite stand damals der Wechsel von R/2 auf R/3 an.

Kleinemeier: Diese Entwicklung bedeutete natürlich auch einen gewaltigen Kraftakt für die SAP. Ich weiß noch, wie Hasso Plattner damals hin und wieder durch die Flure lief und rief: "Wo habt ihr eure Aufträge? Wir brauchen noch was." Es war wirklich eine spannende Zeit. Wir hatten gerade ein neues R/2-Release herausgebracht. Und mit einem Mal wollten die Kunden keine Mainframe-Produkte mehr. Uns allen war natürlich klar: R/2 muss uns noch ein paar Jahre ernähren, und parallel müssen wir schnell R/3 auf den Weg bringen.

CW: Welche Rolle spielte dabei der SAP-Vorstand?

Kleinemeier: Gerade die Kombination der beiden Vorstände funktionierte gut. Hopp, der die langfristigen Strategieweichen stellte, und Plattner, der das technische Abenteuer suchte.

CW: Wenn Sie die SAP heute mit der von vor 20 Jahren vergleichen, was sind die größten Unterschiede?

Kleinemeier: Vor 20 oder 25 Jahren steckte jeder noch viel tiefer in den Softwareprodukten. Man musste sich für Diskussio-nen immer gut vorbereiten. Jeder hatte ein immens großes Wissen über alle Produkte und Prozesse - auch die Vorstände. Heute ist das bei der Breite der Produktpallette gar nicht mehr möglich, heute haben wir mehr Spezialisten. Die Gründergeneration hat den Charakter der SAP zu dieser Zeit tief geprägt.

Ich werde nie den Termin vergessen, als ich gemeinsam mit Hopp beim Kunden saß und er anmerkte, er wolle ein einstelliges Handicap beim Golf erreichen. Da war mir auf einen Schlag klar, dass er seinen Ausstieg plante.

CW: Hat es einen Bruch gegeben, als sich die Gründer zurückzogen?

Kleinemeier: Es war ein sanfter Übergang in eine neue Management-Kultur. Mit Henning Kagermann als neuem Co-CEO hat sich im Grunde auch schon der Abschied von Plattner angedeutet. Man hätte fürchten können, dass SAP damit seine Anker verliert. Aber Plattner hatte versprochen, immer sehr nah am Unternehmen zu bleiben. Und wie wir heute wissen, hat er sein Versprechen gehalten.

CW: Heute ist der Vorstand international geprägt. Spürt man da einen anderen Geist, oder gibt es nach wie vor eine typische SAP-Kultur?

Kleinemeier: Es gibt sicher ein paar Dinge die sich geändert haben, aber es ist nach wie vor der Ursprungsgeist zu spüren, der geprägt ist von Vertrauen, dem Bestreben, jedem seine Freiräume zu lassen, und auch eine gewisse Fehlertoleranz zuzulassen. Aber natürlich hat sich die Unternehmenskultur auch verändert - gerade vor dem Hintergrund der Globalisierung und Internationalisierung. Deutschland ist für SAP nach wie vor ein Fixstern, heute aber ein Fixstern in einem ganzen Sternensystem. (mhr)