Neue Arbeitswelt

Coworking - Wir nennen es Office

12.11.2009
Wer als kreativer Freier allein arbeitet, aber nicht vereinsamen will, kann das unter Seinesgleichen tun: im Coworking Space Betahaus in Berlin etwa, für ein Dutzend Euro pro Tag.

In dem lichtdurchfluteten Café im Erdgeschoss läuft dezente Musik, hinter der Bar heizt sich die Espressomaschine auf, an zwei der hellen Holztische sitzen junge Menschen hinter ihren Laptops. Auf einer Tafel an der Wand steht nicht nur die Speisekarte, sondern auch das Passwort fürs WLAN. Geschirr klappert, ein frischer Luftzug weht durch den Raum. 10 Uhr morgens im "betahaus" an der Prinzessinnenstraße in Berlin-Kreuzberg. Es ist erstaunlich ruhig.

Ein knallgrüner, ein pinker und ein hellblauer Klebestreifen auf dem verkratzten grauen Boden weisen dem Besucher den Weg zu seinem Schreibtisch. Denn manch einer kennt seinen heutigen Arbeitsplatz noch gar nicht, wie Felice Götze, Regisseur und Drehbuchautor. Er pendelt aus beruflichen Gründen zwischen München und Berlin und ist heute zum ersten Mal hier, weil er nicht alleine in seiner Wohnung vor dem Computer sitzen will. Der 34-Jährige trägt Bart, ein grünes T-Shirt, Sneakers und unter dem Arm sein Notebook.

Folgt man der hellblauen Linie vorbei am Tresen durch den Flur, öffnet sich eine großzügige Industrieetage: "office 1". Hier reihen sich Dutzende von schwarzen Tischplatten auf Böcken mit noch mehr braunen Bürostühlen aneinander. Einige sind an diesem Morgen schon besetzt. Die weißen Wände sind nackt, eine offene Laderampe gibt den Blick auf den Hinterhof frei. Über jedem Tisch baumelt eine Dreifach-Steckdose und eine Glühbirne von der Decke. Der digitale Bohemien muss nur noch seinen Rechner hochfahren.

Der ehemalige Gewerbehof ist ein sogenannter Coworking Space: Ein Ort, an dem Freiberufler, vorwiegend aus der Kreativbranche, arbeiten - die meisten von ihnen nicht gemeinsam, aber immerhin nebeneinander. Hier sitzt der Grafiker zwischen einer PR-Beraterin und einem Fotografen, am Nachbartisch entwickelt ein junger Mann Software. In einer Ecke brütet eine studentische Initiative über ihren Notebooks, einen Raum weiter wird am Geschäftsmodell für eine Restaurantkette gefeilt.

Das ist der Kerngedanke von Coworking: Das soziale Netzwerk - nicht digital, sondern analog. Nicht Xing oder Facebook, sondern direkter Kontakt im "betahaus". Aus diesem Grund ist auch Blogger Thomas Rohde (35) zum Probearbeiten da: "In der Bibliothek zu arbeiten wäre günstiger - was dort fehlt, ist das Vernetzen. Ich würde gerne Leute treffen, die ähnlich drauf sind wie ich: aus der Kreativ- und Medienbranche, die irgendwas auf eigene Faust machen."

Laut Bundesverband der Freien Berufe gibt es derzeit über eine Million selbstständige Freiberufler in Deutschland, etwa ein Viertel davon arbeitet in freien Kulturberufen. Viele von ihnen haben ähnliche Schwierigkeiten, sie kämpfen mit der Kehrseite der Unabhängigkeit: Im Home-Office drohen Vereinsamung und Ablenkung durch Wäscheberge, und bei Problemen fehlen Ansprechpartner. Von der prekären finanziellen Situation ganz zu schweigen.

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