Neue IWD-Studie untersucht Durchdringungsgrad computergesteuerter Arbeitsmittel

Computerisierung läßt noch zu wünschen übrig

24.09.1982

KÖLN (CW) - "Kollege" Computer hat entgegen aller Erwartung noch nicht in großem Stil Einzug in Wirtschaft und Verwaltung der Bundesrepublik gehalten. Selbst dort, wo heute schon mit "computergesteuerten Maschinen und Anlagen" gearbeitet wird, sind die befürchteten Auswirkungen auf die Beschäftigung ausgeblieben. Darüber hinaus hat sich die "Dequalifizierungs-These", wonach der Computer traditionelle berufliche Qualifikationen generell entwerte, nicht bestätigt. Dies sind zentrale Befunde einer jetzt vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aufbereiteten Untersuchung über die "Verbreitung programmgesteuerter Arbeitsmittel".

Die Mikroelektronik bestimmt unsere Zukunft "auf Gedeih und Verderb", befand der jüngste Forschungsbericht an den Club of Rome. Umgemünzt auf deutsche Verhältnisse bedeutet das: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines so stark exportorientierten Landes wie der Bundesrepublik Deutschland hängt davon ab, ob es bei der Entwicklung und Nutzung neuer Techniken eine führende Stellung einnimmt.

Dieser existentiellen Frage nach dem Stand der "dritten industriellen Revolution" ist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Repräsentativbefragung von 30000 Erwerbstätigen aller Berufsgruppen und Branchen nachgegangen. Überraschendes Ergebnis: Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich rein quantitativ auf einer insgesamt verhältnismäßig niedrigen Stufe der Mechanisierung.

In Zahlen: 75,3 Prozent der Erwerbstätigen können der Mechanisierungsstufe "keine" bis "geringe" Mechanisierung/Automatisierung zugeordnet werden. Das heißt, sie arbeiten hauptsächlich mit "einfachem Handwerkszeug/Arbeitsgerät" (zum Beispiel Hammer, Feile, Schreibzeug) beziehungsweise mit "angetriebenem Handwerkszeug" (zum Beispiel Handbohrmaschine, Schreibmaschine). 18,3 Prozent der Erwerbstätigen lassen sich einer "mittleren" bis "gehobenen" Mechanisierungs-/Automatisierungsstufe zuordnen.

Lediglich 5,8 Prozent der Erwerbstätigen befassen sich mit hochmechanisierten beziehungsweise automatisierten Tätigkeiten. Das bedeutet: Sie arbeiten hauptsächlich mit

mikroelektronisch gesteuerten Maschinen (EDV-Anlagen, NC-Maschinen). 32,5 Prozent der Erwerbstätigen, die hauptsächlich "programmgesteuerte Arbeitsmittel" verwenden, nutzen Schreibautomaten, Textverarbeitungsgeräte und Composer; 28,8 Prozent arbeiten mit Computern, EDV-Anlagen, Terminals und

Bildschirmen. Mit verfahrenstechnischen Großanlagen arbeiten 12,9 Prozent dieser Erwerbstätigen, mit programm- beziehungsweise computergesteuerten Maschinenanlagen 20,9 Prozent.

Eine Erklärung für diese "Automatisierungs-Pyramide" liefert eine Theorie des amerikanischen Sozialwissenschaftlers W. F. Ogburn, der bereits Mitte der zwanziger Jahre festgestellt hatte, daß die Verarbeitung von technischen Neuerungen ("Diffusion von Innovationen") durchweg nicht mit den technischen Möglichkeiten Schritt hält. Ogburn führte das Nachhinken der Praxis hinter dem technischen Entwicklungsstand (social beziehungsweise cultural lag) auf die hohe Eigen-Stabilität sozialer Systeme (Einstellungen, Werte, Normen) und die geringe Flexibilität der Bildungssysteme zurück.

Heute, knapp 60 Jahre später, hat diese These offenbar nichts von ihrer Aktualität verloren. Die IAB-Untersuchung zeigt nämlich, daß die Automatisierungsschwerpunkte gerade dort liegen, wo soziale Netze und damit auch Arbeitsorganisationen noch verhältnismäßig instabil, also flexibel, sind und Techniken bereits länger auf dem Markt existieren, somit die Phase des "social lag" bereits durchschritten ist.