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Compaq-Anwender sorgen sich um die Zukunft ihrer IT

18.07.2001
Nachdem Compaq angekündigt hat, die Alpha-Prozessorlinie aufzugeben, haben insbesondere Anwender der Betriebssysteme Open VMS und Tru-64-Unix große Sorgen, in der nächsten Zeit die richtige Strategie für ihre IT zu bestimmen.

Von CW-Redakteur Jan-Bernd Meyer

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nachdem Compaq angekündigt hat, die Alpha-Prozessorlinie zugunsten von Intels Itanium-Chip aufzugeben, haben insbesondere Anwender der Betriebssysteme Open VMS und Tru-64-Unix große Sorgen, in der nächsten Zeit die richtige Strategie für ihre IT zu bestimmen. Das geht aus einer Befragung der Compaq-Benutzergruppe Decus hervor. Viele liebäugeln mit einem Wechsel auf die Hardware eines anderen Herstellers.

Konkurrenzunternehmen wollen bereits aus der Verunsicherung der Alpha-Kundschaft Kapital schlagen. IBM beispielsweise startet - zunächst in den USA - eine Migrationsoffensive für Alpha-Anwender. Hewlett-Packard (HP) wird mit einem ähnlichen Angebot innerhalb der nächsten Wochen ebenfalls versuchen, Compaqs wichtigste, weil größte Kundschaft auf seine Plattform zu ziehen. (Mehr dazu lesen Sie in der COMPUTERWOCHE Nr. 29 vom 20. Juli 2001.) Ein Sprecher von Sun Microsystems sagte, man habe selbst Werkzeuge, um Compaq-Anwendern bei der Migration auf Sun-Maschinen zu helfen.

Eine Online-Befragung der Mitglieder der Compaq-Benutzergruppe Decus belegt zudem, dass sich Alpha-System-Anwender große Sorgen wegen der Zukunft der Open-VMS - und Tru-64-Unix-Betriebssysteme und damit ihrer eigenen IT-Landschaft machen. Jürgen Beumelburg, der erste Vorstand der Decus, sagte, an der Umfrage hätten sich 241 Mitglieder beteiligt. Geantwortet haben Compaq-Großkunden, Partner des Herstellers sowie Kunden, die Compaq-Produkte über Partner beziehen. Die antwortenden Anwender stammen aus allen Industriesegmenten und der Forschung. In ersten Reaktionen auf Compaqs Ankündigungen hätten viele Anwender geäußert, sie würden sich den Wechsel auf die Hardware eines anderen Anbieters überlegen, sagte Beumelburg.

174 Befragte gaben an, sie seien von Compaqs Plattformwechsel direkt betroffen, "viele davon halten Compaqs Schritt hin zur Intel-Welt für bedenklich und können ihn nicht nachvollziehen". Sie befürchten "das Ende der Alpha-basierten Betriebssysteme und beklagen den Verlust von Technologien", so Beumelburg. Unter den übrigen Antwortenden gebe es allerdings nicht wenige, die hoffen, der vollständige Wechsel auf die Intel-Prozessoren könne ein "positives Signal" für den Fortbestand von Open VMS und Tru-64-Unix bedeuten.

Räumt Compaq bereits

seine Alpha-Lager?

Stutzig macht einige Compaq-Anwender auch, dass der Hersteller begonnen hat, Alpha-Kunden besondere Konditionen für den Fall einzuräumen, dass sie sich jetzt von ihrer alten Alpha-Hardware trennen und noch neue Systeme ordern. Ein Anwender aus Brandenburg sagte der CW, Compaq beginne bereits, seine Lager leer zu räumen. "Aber wer kauft denn jetzt noch Alpha-Server?", fragte der IT-Verantwortliche, dessen Abteilung die Niederlassungen seiner Firma in ganz Deutschland mit Rechenleistung versorgt.

Er könne sehr gut verstehen, wenn sich Compaq-Anwender jetzt nach anderen Hardwarelieferanten umsehen würden. Denn zusätzlich zu der unwägbaren Zukunft gebe es im Zusammenhang mit der Alpha-Plattform schon heute große Probleme. So hätten Compaq und Oracle per 31. Dezember 2000 den Support sowohl für die Open-VMS-Betriebssystem-Version 7.1 als auch für Oracle 7.3 gekündigt. Er sei in der Folge Mitte Mai 2001 gezwungen gewesen, seine Cluster-Systeme auf Open VMS, Version 7.21, sowie auf Oracle 8.16 und wegen erheblicher Fehlern in dieser Version auf 8.17 umzustellen.

Dieser Wechsel sei mit "erheblichen Kosten" verbunden gewesen. Trotz des sehr hohen Preises für den System- und Datenbankwechsel offeriere die Betriebssystem-/Datenbankkonstellation nur noch eine sehr wenig zufrieden stellende Leistung. "Wir haben mit dieser Konstellation ungeheure Zeitprobleme. Das Preis-Leistungs-Verhältnis, das Compaq/Oracle mit ihrem Betriebssystem- und Datenbank-Duo bieten, ist überhaupt nicht mehr in Einklang zu bringen mit den hierfür anfallenden Kosten."

Firmensprecher Herbert Wenk sagte, eine Erklärung für die Probleme mit der Open-VMS/Oracle-Kombination könne sein, dass der Anwender alte Alpha-Systeme mit Prozessoren der EV5-Generation benutze, die nicht für die neueste Oracle-Datenbankversion geeignet sei. Oracle erklärt, es habe seine Datenbank ab Oracle 8i Release 3, (8.1.7) auf den Befehlssatz neuer Alpha-CPUs optimiert und werde nur von Alpha-CPUs ab der Generation EV56 unterstützt. Die aktualisierte Oracle-Version sei somit nicht abwärtskompatibel zu älteren Alpha-Servern. Diese Erklärung trifft allerdings auf die Systeme des Norddeutschen IT-Managers nicht zu, da diese bereits EV6-Prozessoren nutzen. Oracle habe ihm gerade erst zwei Patches geschickt, die das Problem lösen sollten.

Zu den Preisnachlässen auf neue Alpha-Server erklärte Compaq-Sprecher Herbert Wenk, dies sei ein völlig normaler Vorgang. Hierbei handle es sich lediglich um eine Aufrüstaktion auf schnellere, weil höher getaktete Alpha-Prozessoren. Für solche Systeme biete Compaq seinen Bestandskunden Sonderkonditionen.