Wachsender Wettbewerbsdruck auch von Mainframern nervt DEC & Co.:

Communications für Mini-Erfolg entscheidend

30.08.1985

MÜNCHEN (rs) - Rauhe Zeiten stehen Mini-Anbietern bevor. DEC-President Ken Olsen prognostiziert einen "blutigen Verdrängungswettbewerb" (siehe CW Nr. 34/85, S. 1). Von allen Seiten geraten die Mini-Produkte unter Druck. Hauptproblem ist indes weniger die Technik als vielmehr Big Blue.

Technische Entwicklungen wie der Mikroprozessor oder die VLSI-Chips (Very Large Scale Integration) sowie ein ständiges Absinken der Hardwarekosten haben mit dazu beigetragen, daß die Minicomputer sowohl von der Mainframe- als auch von der Mikrocomputerseite her in die Zange genommen werden.

Angesichts dieser neuen Marktsituation zeigte sich, daß es nicht ausreichte, Produkte in einem eng begrenzten Leistungsspektrum anzubieten. Neue Mitbewerber in diesem Marktsektor wie IBM, Sperry oder Burroughs, die zum einen billigere Versionen ihrer Mainframes auf den Markt brachten und sich zum anderen auch in Richtung Mikrocomputer orientierten, oder auch Rair mit seinen sogenannten Supermikros zwangen die traditionellen Mini-Anbieter, ihre Marktstrategie zu ändern. Insbesondere IBM versucht massiv, mit seinen 4361- und 4381-Rechnern in die angestammte Domäne der DEC & Co. einzubrechen.

Als Reaktion auf den "Markt-Druck" begannen die betroffenen Unternehmen, ihre Produktlinien sowohl am oberen als auch am unteren Ende zu erweitern. So verfügt Mini-Marktführer DEC beispielsweise über die VAX 8600 mit etwa 4,2 Mips (Millionen Instruktionen pro Sekunde) zu einem Preis von rund 1,3 Millionen Mark sowie am anderen Ende der Palette über die Microvax II (Leistung etwa 1 Mips, CPU-Preis rund 80 000 Mark). Von Data General, das seine Produktpalette nach oben mit der MV/10000 abschließt, erwarten Insider für Oktober eine Mini-Eclipse. Dieses System werde dann zwar nicht die Performance der Microvax II aufweisen, dafür aber deutlich billiger sein.

Auch traditionelle Großrechnerhersteller wie IBM oder Sperry verfolgen eine ähnliche Politik. So hat IBM eine Tischversion des Systems /36 angekündigt, die bei einem Einstiegspreis von rund 30 000 Mark den Anschluß von vier Mikrocomputern ermöglichen soll.

Es gibt zwei wichtige Gründe, warum bislang der oft prophezeite Niedergang der Minis und ihrer Hersteller ausblieb: Zum einen unterschätzen manche Beobachter gern den Wert einer großen installierten Basis, zum anderen sind sie sich nicht über die Bedeutung einer umfangreichen Softwarebibliothek im klaren. "Anwender", so lautet ein vielzitierter, mittlerweile abgedroschener, aber dennoch richtiger Satz, "wollen keine Hardware kaufen, sondern Lösungen".

Für Mikroanbieter bedeutet dies, daß sie sich auch um neue Anwendungen und Nutzungsmöglichkeiten ihrer Systeme bemühen müssen. Mit- unter scheinen diese Unternehmen an einem Punkt zu stehen, den die etablierten Computerhersteller schon vor Jahren verlassen haben. Das technische Können ist da, aber es mangelt an der Fähigkeit, dieses Know-how so umzusetzen, daß mit DV-Technik weniger erfahrene Anwender tatsächlich mit den Systemen arbeiten. Die noch geringe Verbreitung leistungsfähiger Supermikrosysteme erklären Analysten mit dem mangelnden Softwareangebot.

Für das Ende dieses Jahrzehnts sagen Beobachter das Überleben von nur fünf Minicomputer-Unternehmen voraus. Der Rest wird entweder vom Markt verschwunden oder in anderen Unternehmen aufgegangen oder in speziellen Marktnischen aktiv sein. Als echtes Problem für die Mini-Hersteller wird dabei Big Blue angesehen - und nicht etwa die Bedrohung am unteren Ende durch Supermikros.

Dabei spielt, wie teilweise im Großcomputerbereich auch, nicht etwa die technische Qualität der Produkte von IBM eine Rolle. Vielmehr halten eine aggressive Preisgestaltung oder diffuse Statements zur zukünftigen Produktpolitik den User in Atem - und tragen mit dazu bei, die Investitionspläne der Anwender einzufrieren, auch bei den Mini-Anbietern.

Eine Reihe von Insidern wie Forrester Research teilen diese Ansicht nicht. Für sie ist die zeitweise zu spürende Zurückhaltung der Anwender eine "reine Rebellion". Denn immer noch versuchten etablierte Hersteller, ihre Kunden mit leeren Versprechungen und verstaubten Lösungen abzuspeisen. Konzepte wie Wang-Office von Wang, All-ln-One von Digital Equipment, CEO von Data General oder Disoss von IBM würden nicht schnell genug für die Kunden entwickelt, die sowohl die Leistungsfähigkeit eines Mikros als auch die Möglichkeit, Daten verarbeiten zu können, gleich wo sie gespeichert sind, nutzen wollen.

Einig sind sich die Analysten in der Beurteilung der Voraussetzungen, die ein Unternehmen im Minicomputer-Sektor erfüllen müsse, um überleben zu können: "Communications" heißt das Schlüsselwort.