Neu gegen Alt

Cloud Computing reißt frische Rivalitäten auf

07.10.2010
Fast nur Experten kennen es - aber jeder hat es schon mal benutzt: Cloud Computing ist ein heißer Trend in der IT-Branche.

Die Dienste aus der Netz-"Wolke" versprechen nicht nur große Einsparungen. Sie sind ein neuer Markt, um den sich alte und neue Rivalen reißen.

Werner Vogels, CTO Amazon.com (Foto: Guido van Nispen via Wikimedia Commons)
Werner Vogels, CTO Amazon.com (Foto: Guido van Nispen via Wikimedia Commons)

In der IT-Industrie ist ein neuer Konkurrenzkampf voll entbrannt - und es geht um einen Milliardenmarkt. Die weltweite Infrastruktur der Informationstechnologie - Netze, Server, Dienstleistungen - steht vor einem drastischen Wandel. Immer mehr davon - ob Software-Einsatz, das Nutzen von Rechnenleistung oder das Abspeichern von Daten - findet nicht auf den eigenen Computern der Unternehmen oder Verbraucher statt, sondern wird aus dem Netz abgerufen. Wie Strom aus der Steckdose. Die Arbeit wird dann irgendwo in vielleicht tausende Kilometer entfernten Server-Farmen erledigt, in einer "Wolke" aus Daten und Rechenkapazitäten. Deshalb spricht man vom Cloud Computing.

Der Zug in die "Wolke" ist bereits abgefahren, die Wachstumsraten sind enorm. 55 Milliarden Dollar werde das Geschäft in vier Jahren Wert sein, prognostizierte Deutsche-Telekom-Chef René Obermann am Mittwoch bei einer Konferenz zum Cloud-Computing in Köln. Die Telekom wolle dabei ganz vorne mitmischen. Microsoft-Chef Steve Ballmer machte die Revolution quasi amtlich. Die "Cloud" sei nichts geringeres als "unausweichlich", verkündete der Windows-Boss mit seinem üblichen Showman-Charme.

Nur: Diese vielen Milliarden Dollar und Euro werden nicht zusätzlich in die "Wolke" aufsteigen. Es geht um eine radikale Umverteilung der IT-Budgets großer und kleiner Unternehmen. Wer heute groß im Geschäft ist, könnte morgen leer ausgehen. Der Wandel ist so tiefgreifend, dass er nach Ansicht einiger Branchenbeobachter unzerstörbar wirkende Bastionen der Industrie zu Sand schleifen könnte. Daher wird mit harten Bandagen gekämpft. Und das lässt sich sogar bei einer vom Prinzip her harmonischen Veranstaltung wie der in Köln nicht verhehlen.

Denn nachdem Obermann und Ballmer eine glänzende Zukunft für die Netz-Dienste - und auch die "Cloud made in Germany" - beschworen hatten, betrat Amazon-Technologiechef Werner Vogels die Bühne. Und teilte aus. "Dinosaurier sind nicht sehr gut darin, die Zukunft vorherzusagen", ließ er beiläufig fallen. Ein kaum getarnter Seitenhieb auf Ballmer, dessen Konzern sich lange darauf fokussierte, die Programme ganz im Gegenteil zur "Wolken"-Philosophie vor allem direkt auf dem PC laufen zu lassen.

Inzwischen schwenkte auch Microsoft um, baute die Plattform Azure für alle Arten von Cloud-Diensten auf, erweiterte die Bürosoftware Office um Web-Komponenten und bietet auch Verbrauchern Speicherplatz sowie Anwendungen im Netz an. Doch die Initiative lag in den vergangenen Jahren bei Herausforderern wie Google oder dem Unternehmenssoftware-Anbieter Salesforce.com, die konsequent Dienste aus dem Netz anboten und damit Kunden gewannen. Google nahm mit seinen Programmen auch gezielt Microsofts Geldbringer Office ins Visier.

Amazon, eigentlich der weltgrößte Online-Einzelhändler, ist mit seinen Amazon Web Services (AWS) auch ein führender Anbieter von Cloud-Infrastruktur. Damit konnte Vogels eine weitere Spitze gegen den Microsoft-Chef loslassen: Es gehe doch eigentlich gar nicht um die Zukunft, "wir haben jetzt schon eine Menge Kunden, die in die 'Wolke' gezogen sind". Vogels - äußerlich so groß und kantig wie Ballmer, nur mit einem silbernen Dreitagebart - sieht seinen Dienst ganz klar als agilen Herausforderer von Platzhirschen wie Microsoft. Oder auch Obermanns Telekom, bei dem er ebenfalls zielsicher das Fettnäpfchen suchte. "Die traditionellen Telekommunikationskonzerne scheinen in ihren alten Geschäftsmodellen festzustecken", quittierte Vogels. Auch wenn das auf die Telekom mit ihrer Geschäftskundensparte T-Systems noch deutlich weniger zutrifft als auf viele Wettbewerber.

Amazon stieß in das Geschäft übrigens quasi aus Eigenbedarf vor. Mit dem rasanten Wachstum des Handelsgeschäfts habe man irgendwann gemerkt, dass die ganze Computertechnik zuviel Geld, Zeit und Energie verschlang, erzählte Vogels. Einer der wertvollsten Pluspunkte des neuen Konzepts sei Freiheit, denn in der Cloud sei man nicht mehr in der Welt eines einzelnen Anbieters von Software oder Geräten "eingesperrt". (dpa/tc)