Citrix treibt Virtualisierung auf die Spitze

Wolfgang Miedl arbeitet Autor und Berater mit Schwerpunkt IT und Business. Daneben publiziert er auf der Website Sharepoint360.de regelmäßig rund um Microsoft SharePoint, Office und Social Collaboration.
Auf der Kundenkonferenz Iforum stellte Citrix sein Konzept "Dynamic Desktop" vor: Dank mehrerer Virtualisierungstechniken sollen damit endlich die Unzulänglichkeiten von Thin Clients verschwinden.

Citrix-Chef Mark Templeton ist eigentlich ein eher dezenter Typ, der mehr zu guten Argumenten neigt als zum branchenüblichen Marketing-Getöse. Sein schelmisches Lächeln konnte er aber während seiner Keynote-Ansprache zur diesjährigen Kundenkonferenz Iforum in Orlando, Florida, nicht verbergen, als er den 3500 Teilnehmern vorführte, wie eine wirklich schnelle Migration von Windows Vista vonstatten gehen kann: "Wir zeigen Ihnen, wie Sie ei- nen XP-Desktop in 30 Sekunden auf Vista migrieren", kündigte der Citrix-CEO an, um anschließend tatsächlich einen kompletten Systemwechsel im Eiltempo zu demonstrieren. Der Showeffekt gelang, und Templeton schob sogleich die triumphierende Kernbotschaft nach: "Microsoft braucht Citrix, um den anstehenden Vista-Rollout in großen Organisationen zu meistern."

Codenamen entschlüsselt

• Trinity: Erweiterung der Terminal-Server-Architektur um gehostete Einzelinstanzen von Windows XP auf Basis von Virtual Machines (VMs) oder Blades;

• Kent: Kooperation mit IBM für eine katastrophensichere Client- Infrastruktur auf Basis eines USB-Stick-Notfallsystems;

• Ohio: Nächste Version 4.5 des Presentation Server auf der Basis des Windows-Servers Longhorn;

• Pictor: Erweiterung des Presentation Server um 3D-Fähigkeiten für professionelles CAD und andere Grafikanwendungen;

• Libra: Verbessertes Load-Balancing;

• Gemini: Aufzeichnung von Terminal-Sitzungen zur besseren Systemüberwachung;

• Sagitta: Erweiterungen für die Systemadministration;

• Tarpon: Virtualisierung auf Ebene von Anwendungen und Benutzereinstellungen. Derart gekapselte Windows-Anwendungen lassen sich ohne Installationsskript und Client-Manipulation vom Server aus an Windows-Arbeitsplätze verteilen.

Was ist ein Thin Client?

Thin Clients galten lange Zeit als Antipoden des Fat-Client-PC mit Windows: Ein minimales, wartungsfreies Embedded-System steuert an Industrie- und Büro-Arbeitsplätzen ein Terminal, wobei der Desktop und die Anwendungen aus der sprichwörtlichen (LAN-)Steckdose kommen. Mittlerweile verschmelzen jedoch Thin-Client- und PC-Technik immer mehr. Auf dem Iforum stellte die Firma VXL beispielsweise einen Hybrid-Client vor, der mit einem lüfterlosen VIA C7-Prozessor mit einem Megahertz Taktrate ausgestattet ist und in seinem Flash-ROM-Speicher das Windows-Derivat Windows XP Embedded beherbergt. Unternehmen können auf diese Weise leistungshungrige Anwendungen lokal bereitstellen, während sich geschäftskritische Software vom Terminal-Server aus über ein Citrix-Fenster publizieren lässt.

Hinter dieser Vorführung steckt das Projekt "Trinity" - es handelt sich dabei um eine von mehreren Neuerungen, die für eine technische Neuausrichtung von Citrix stehen. Vereinfacht gesagt bedeutet Trinity die Dreieinigkeit unterschiedlicher Desktop-Bereitstellungstechniken. Die erste davon basiert auf dem altbekannten Citrix-Prinzip der Server-basierenden Windows-Desktops und -Anwendungen.

Desktop-Delivery

Citrix nennt das neuerdings auch Virtualisierung und fragt - nicht ganz zu unrecht: "Wer hat’s erfunden?" Die beiden neuen Varianten des "Desktop-Delivery" markieren einen historischen Schnitt: Anstelle eines Terminal-Servers, den sich bis zu 500 Benutzer teilen müssen, führt man nun individuelle Systeminstanzen ein, die jedem Benutzer einen eigenständigen, aber gehosteten Windows-PC zur Verfügung stellen. Der Bedarf danach dürfte groß sein, denn bei klassischen Büroanwendern gilt der Terminal-Server bis heute als Spaßbremse.

Citrix verspricht mit Trinity eine skalierbare Client-Umgebung, die sich den Leistungsanforderungen des Benutzers anpasst, indem dieser beim Login je nach Bedarf auf eine von drei Bereitstellungstechniken geschaltet wird. Im Fall von Lowend-Ansprüchen wie etwa in Call-Centern verteilt wie gehabt der "Presentation Server" die Desktop-Software an die Arbeitsplätze.

Terminalprinzip bleibt gewahrt

Die mittlere Variante beruht hingegen auf virtueller Maschinentechnik (wahlweise VMware, Xensource oder Virtual PC). Auf einem Server lässt sich so eine größere Zahl an eigenständigen Windows-XP-Instanzen installieren. Sind die Leistungsansprüche noch höher, kommen in der Highend-Ausführung exklusiv Blade-PCs im Server-Rack zum Einsatz. Das Terminal-Grundprinzip bleibt in beiden Szenarien gewahrt, wobei aber anstelle des integrierten Remote-Desktop-Features von Windows XP das Citrix-eigene, effizientere ICA-Protokoll verwendet wird. Die Kernkomponente von Trinity ist der "Desktop Broker", der für das Routing der Benutzer sowie das Management der Multi-Client-Umgebung zuständig ist. Citrix spricht in diesem Zusammenhang auch von lose gekoppelten Systemen, da der Benutzer je nach Arbeitssituation und Bedarf sein individuelles Windows aus einer der drei Server-Umgebungen beziehen kann.

Der von Templeton vorgeführte Vista-"Migrationszauber" ist vor diesem Hintergrund schnell erklärt: Der Anwender arbeitet in einem mittels VMware bereitgestellten XP-Image. Anwendungen, Daten und Einstellungen sind vom System entkoppelt, indem unter anderem die Citrix-eigene Virtualisierungstechnik "Tarpon" benutzt wird.

Vergleichbar mit Softricity

Diese ist vergleichbar mit dem Microsoft-Neuerwerb "Softricity" - sie schottet Anwendungen und Benutzerdaten vom eigentlichen Windows-System ab und erleichtert somit Migrationen und Neuinstallationen sowie den Austausch von System-Images. Der Administrator muss dabei den Benutzer lediglich kurzzeitig aus einer Windows-XP-Sitzung ausloggen, das Betriebssystem-Image in VMware gegen ein neues wie etwa Vista austauschen und abschließend alle individuellen Daten und Einstellungen auf das neue Image umlenken - schon ist der Vista-Client einsatzbereit. Der "Desktop Broker" ist bereits als kostenlose Erweiterung für den Presentation Server 4.0 erhältlich, die gesamte Lösung soll im ersten Quartal 2007 verfügbar sein.

Plattform für Ökosystem

Als weitere Neuigkeit hat Citrix auf seiner Messe den Start der "Dynamic Desktop Initiative" bekannt gegeben. Templeton stellt die verfügbaren Techniken zur Desktop-Virtualisierung als strategische Option dar: "Egal, ob Mitarbeiter im Unternehmen oder an externen Arbeitsplätzen arbeiten - sie verfügen überall über einen sicheren, uneingeschränkten Zugriff auf Anwendungen und Desktops." Gleichzeitig bildet diese Initiative erstmals eine organisierte Platt- form für die vielen verschiedenartigen Player im Citrix-Ökosystem - angefangen bei den Thin-Client-Anbietern (Wyse, Neo- ware, VXL) über die Server- und Virtualisierungs-Anbieter (Dell, HP, IBM, Microsoft, AMD, VM- ware) bis hin zu Management- Spezialisten (Enteo, Appsense, Gemalto).

Schulterschluss mit Microsoft

Im Zeichen des anstehenden Generationswechsels bei Microsoft auf den Windows-Server "Longhorn" standen auch die Präsentationen rund um die nächste Generation des Presentation Server (Codename "Ohio"). Bezeichnend dabei war zum einen, dass Konferenzteilnehmern die Roadmap gemeinsam mit einem Vertreter von Microsoft vorgestellt wurde. Hielten Branchenkenner noch bis vor kurzem Citrix für ein natürliches Beuteobjekt, das die Redmonder spätestens mit der nächsten Ausbaustufe des "Windows Terminal Server" getilgt haben würden, so demonstrierte der Juniorpartner diesmal ganz selbstbewusst den Mehrwert seiner Lösungen.

Eines der Highlights ist dabei zweifellos "Pictor", eine Beschleunigertechnik für 3D-Anwendungen. Dieser grafische Highend-Bereich galt bisher als uneinnehmbare Festung für Terminal-Server, nun aber ermöglicht die Kombination aus 3D-Hardware am Server, einem ICA-entkoppelten Grafikdatenkanal sowie schnelleren Chips am Thin Client, dass neuerdings auch CAD-Anwendungen wie "Catia" in einer gehosteten Umgebung bereitgestellt werden können.

Warten auf Longhorn

"Libra" steht als Codename für verbessertes Load Balancing von Applikationen, und "Gemini" ermöglicht es zukünftig, Terminal-Sitzungen bei Bedarf aufzuzeichnen, um beispielsweise Com- pliance-Vorschriften zu erfüllen. "Sagitta" schließlich bezweckt weitere Verbesserungen im Bereich der Terminal-Server-Administration. Noch gibt es keinen offiziellen Veröffentlichungstermin für den Presentation Server 4.5, da Citrix dieses Release als Longhorn-Aufsatz positioniert und deshalb die endgültige Fassung von Microsoft abwarten wird.

Notfallsystem auf USB-Stick

Ein weiterer Codename lautet "Kent". Dahinter verbirgt sich ein Gemeinschaftsprojekt mit IBM, das Bestandteil von IBMs "Virtual Workplace Recovery Service" sein wird. Big Blue erweitert damit sein Business-Continuity-Portfolio, indem nun auch Client-Systeme in großem Umfang in Katastrophenschutz-Szenarien einbezogen werden - ein in der Vergangenheit vernachlässigtes Thema, wie eine von Citrix in Auftrag gegebene Forrester-Studie zeigte: Demnach halten sich zwar 70 Prozent aller Unternehmen für ausreichend abgesichert gegen Rechenzentrums-Ausfälle, allerdings sehen sich nur 13 Prozent der Befragten imstande, bei Unglücken wie Massenepidemien oder Naturkatastrophen ihren Mitarbeitern umgehend einen Zugang zu den wichtigen IT-Anwendungen zu verschaffen. Ergebnis der IBM-Citrix-Initiative ist ein Notfallsystem, das auf einem USB-Stick untergebracht ist und auf diese Weise dem Anwender die Möglichkeit eröffnet, von jedem beliebigen Ort aus eine gesicherte Verbindung mit der Unternehmens-IT herzustellen. Die gezeigte Lösung präsentiert sich in Form einer Start- und Informationsleiste auf dem Desktop und enthält neben aktuellen Unternehmensinformationen diverse Links für den Fernzugriff auf die eigene Arbeitsumgebung oder publizierte Geschäftsanwendungen.

Linux-Themen fehlten auf dem diesjährigen Iforum komplett. Begründet wurde dies unter anderem mit der zu geringen Nachfrage nach Linux-Terminal-Servern und zu publizierenden Linux-Client-Anwendungen. Das dürfte durchaus als weiterer Beleg eines gesteigerten Selbstbewusstseins zu werten sein - und als Rezept für andere Microsoft-Partner: Je größer Microsoft wird, um so größer werden zwangsläufig die Lücken im System, die dann von Firmen wie Citrix zu füllen sind. (ue)