Ex-Oracle-President

Charles Phillips wird CEO von Infor

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Angriff ist die beste Verteidigung: Infor holt den ehemaligen Oracle-President Charles "Chuck" Phillips als CEO an Bord. Das Ziel ist Wachstum - und vermutlich ein Börsengang.

Charles "Chuck" Phillips, ehemaliger Co-President von Oracle, hat nach einem turbulenten Jahresverlauf doch noch die Kurve gekriegt. Das Softwareunternehmen Infor kündigte an, dass der Manager zum CEO und Mitglied des Board of Directors berufen wurde. Phillips tritt das Amt am 1. Dezember an. Jim Schaper, bislang CEO und Chairman des Boards von Infor, räumt dann den CEO-Posten für den Neuzugang. Schaper fungiert neben der Rolle als Chairman auch noch als Senior-Partner von Golden Gate Capital, dem größten Infor-Anteilseigner.

Hier sehen Beobachter auch ein Ziel für die nahe Zukunft: Infor ist noch nicht an der Börse notiert. Und für einen Manager wie Phillips, der umfassende Erfahrungen mit Übernahmen hat, sind Geld oder Aktien ein entscheidendes Werkzeug. Alternativ kann sich Infor immer noch den großen Fischen zum Kauf anbieten. Eigenen Angaben zufolge verfügt das Unternehmen über 70.000 Kunden in 125 Ländern. Auf einer Telefonkonferenz wollte sich Schaper zu den IPO-Plänen nicht äußern. Jedoch sagte er: "Sie holen keinen Mann mit Phillips' Qualitäten, um ihn an den Spielfeldrand zu stellen."

Charles Phillips, hier auf einem Foto von Oracle, ist nun CEO von Infor.
Charles Phillips, hier auf einem Foto von Oracle, ist nun CEO von Infor.
Foto: Oracle

Im Blog-Eintrag von Schaper zur Personalie wird schon im Titel auf das eigentliche Ziel verwiesen: die nächste Wachstumsphase. Derzeit setzt Infor rund zwei Milliarden Dollar pro Jahr um. Seit 2002 wurden rund 70, vornehmlich kleine und mittelgroße Firmen aus der Branche, von Infor geschluckt. Auch technisch steht das Unternehmen an einem Wendepunkt: Im Januar 2011 soll die neue Plattform namens "Infor ION" auf den Markt kommen. Es geht um Interoperabilität, Services und natürlich um die Cloud.

Charles Phillips war 2003 von Morgan Stanley zu Oracle gekommen. Hier war er für die Field Organisation einschließlich Vertrieb und Marketing zuständig. Unter seiner Ägide übernahm Oracle etwa die Unternehmen Siebel, BEA Systems, Hyperion und Sun. In 29 Quartalen mit Phillips an Bord stieg der Umsatz des Konzerns um knapp 300 Prozent. Gleichzeitig wurden 30 Milliarden Dollar in rund 60 Firmen investiert.

Phillips' Ausscheiden aus dem Amt bei Oracle wurde am 6. September öffentlich gemacht. Einen Tag zuvor hatte das "Wall Street Journal" gemeldet, dass Oracle mit dem bei HP wegen einer Affäre geschassten Ex-CEO Mark Hurd über einen neuen Job verhandelt. Kurze Zeit zuvor hatte ein Finanzanalyst gemeldet, dass der Kompetenzbereich von Phillips gestutzt worden war. Dies wurde von dem Konzern zwar bestätigt, Abwanderungsbestrebungen des Managers aber bestritten. Hurd wechselte bekanntermaßen noch am 6. September als President zu Oracle, seinen Job bei HP übernahm später der ehemalige SAP-CEO Leo Apotheker.

Im Januar 2010 hatte eine langjährige Geliebte von Phillips die zuvor erfolgte Trennung zum Anlass genommen, seine Familie und die Welt in riesigen Postern, darunter nahe des New Yorker Times Square, vom Verhältnis in Kenntnis zu setzen. Der in Medienberichten geäußerte Plan von Phillips, CEO von CA zu werden, wurde dadurch Makulatur. Im Sommer schließlich kündigte Phillips auf einer Konferenz an, Oracle werde in den kommenden fünf Jahren 70 Milliarden Dollar in Akquisitionen pumpen. Der Konzern publizierte daraufhin eine Art Gegendarstellung zu seinem Manager, deren Stil Beobachter als einen knappen Schuss vor den Bug interpretierten.