Der Sogwirkung des Branchentreffs kann sich kaum einer entziehen

CeBIT '90: Das Wachstum kommt von den Software-Produzenten

05.01.1990

HANNOVER (dow) - Leitmesse der Branche und Drehkreuz im Handel zwischen 0st und West - das sollen die wesentlichen Funktionen der CeBIT `90 sein. So jedenfalls will es der Organisator, die Deutsche Messe AG in Hannover. Das gesamte Produktspektrum der DV-Branche wird vom 21. bis 28. März in der niedersächsischen Landeshauptstadt dargestelllt werden, heißt es.

Die Organisatoren der zweitgrößten Investitionsgütermesse der Welt - nach der Hannover Messe Industrie - haben schon Monate vor Beginn der Veranstaltung Rekordzahlen zu bieten. Mit ingesamt 3554 Ausstellern aus 41 Ländern (Stand November 1989) hat die CeBIT 90 im nächsten Jahr rund 250 Aussteller mehr als im Vorjahr. Drei zusätzliche Hallen erweitern die Ausstellungsfläche von 325 000 Quadratmetern auf 361 000 Quadratmeter.

Diese Expansion sei aber keineswegs als Reaktion auf die neuen Entwicklungen in Mitteleuropa zu interpretieren; trotz nunmehr praktisch offener Grenzen zwischen 0st und West bleibe Westeuropa der wichtigste Exportmarkt, führte Jörn Peer Stielow, Vorsitzender des Messe-Ausschusses CeBIT, aus. Der Vertreter der Industrie sieht zwar den wirtschaftlichen Nachholbedarf der osteuropäischen Länder an High-Tech, er verweist jedoch gleichzeitig auf die noch bestehenden Beschränkungen durch die Cocom-Liste.

Im kommenden Jahr wird die DDR in Hannover nach dem jetzigen Stand der Anmeldungen lediglich durch ein Unternehmen vertreten sein, falls eine für Januar geplante Akquisitionsreise der Messemacher nach Ost-Berlin nicht noch für zusätzliche Kunden sorgt. Bei den Messegästen wird die Messe AG zur nächsten CeBIT das bisherige Kontingent von rund 350 DDR-Bürgern sicherlich überschreiten. Freien Eintritt für die Besucher mit den blauen deutschen Pässen wird es, so Vorstandsmitglied Hubert Lange jedoch nicht geben. Wer Interesse habe, müsse auch bereit sein, dafür zu zahlen. Der DV-Weltmarkt, für 1987 auf ein Volumen von rund 256 Milliarden Dollar geschätzt, wächst nach Prognosen des VDMA jährlich um neun Prozent und wird 1992 voraussichtlich die 400-Milliarden-Dollar-Linie erreichen. Die DV-Industrie in der Bundesrepublik erreichte 1988 einen Produktionszuwachs von nur drei Prozent auf 18,6 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1989 sei die Bilanz in Teilbereichen der Branche sogar negativ gewesen. Die Halbjahreswerte für die Produktion sanken um fünf Prozent, beim Umsatz um fast sechs Prozent und beim Auftragseingang um mehr als vier Prozent.

Wachstumsimpulse werden künftig zunehmend aus dem Bereich Software kommen, erläuterte Stielow. Von 1980 bis 1988 stieg dessen Marktvolumen von drei Milliarden auf 12 Milliarden Mark In dieser Rechnung ist die Software, die in Unternehmen für eigene Zwecke entwickelt wurde, nicht enthalten.

Rund 720 Software-Produzenten, von denen 180 neu auf der CeBIT sein werden, bilden denn auch die stärkste Gruppe unter den Ausstellern. Auf einer Fläche von 20 848 Quadratmetern zeigen sich die Impulsgeber der Branche jedoch eher bescheiden. Die rund 450 Anbieter von Informationssystemen beanspruchen mit 62 909 Quadratmetern den größten Anteil der insgesamt zur CeBIT vermieteten 265 000 Quadratmeter.

Die Zahl der ausländischen Aussteller ist um etwa zehn Prozent auf mehr als 3500 gestiegen. Deutlich größer ist auch die Zahl der Unternehmen aus Fernost geworden - sie hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf 386 verzehnfacht. Die Spitzenposition nimmt dabei Taiwan mit 180 Ausstellern ein, gefolgt von Japan mit 50 Unternehnnen. Aus Indien, dem Partnerland der CeBIT 1989, kommen ebenfalls 50 Aussteller.

Partnerland für 1990 sind die USA. Das "Business USA-Forum" will zeigen, wie Geschäfte im Heimatland des größten Rechnerherstellers gemacht werden können. Informationsmängel deutscher Unternehmen sieht Stephan K. Carven, Handelsattache der US-Botschaft in Bonn, bezüglich neuer Standards und Prüfverfahren.

Hoffnung auf mehr Kreativität

Von Schwierigkeiten mit der Schnittstelle zwischen Fertigungs- und Datentechnik reden die Veranstalter nach fünf Jahren Trennung von der Industrie-Messe nicht mehr. Die Frage, auf welcher Messe CAD/CAM-Produkte vorgestellt werden sollen, sei nach einer Phase der Orientierung nunmehr leicht zu beantworten, so Lange. Die CeBIT liefere den Überblick über das gesamte Spektrum der computerunterstützten Technologien, die Industrie-Messe zeige hingegen spezifische fertigungsnahe Lösungen.

Die Veranstalter erhoffen für das nächste Jahr mehr Kreativität bei den Doppelausstellern. Sie machten ihnen die Auflage, die Messen mit unterschiedlichem Angebot zu bestücken

Die Aussteller gehen das Problem pragmatisch an. Zwar seien noch nicht alle Fragen gelöst, meinte eine Sprecherin der Strässle GmbH doch die Messe AG zeige sich durchaus lernfähig und kooperativ. Die zur nächsten CeBIT geplante Konzentration des CAD/CAM-Angebotes in den Hallen 19 und 20 bietet dem interessierten Besucher bessere Möglichkeiten, sich zu orientieren, als in den Jahren vorher, als der Besucher die CAD/CAM-Anbieter in mehreren Hallen suchen mußte. Die Folge war, daß Aussteller "im Abseits" häufig über Besuchermängel klagten.

Konsequente Abstinenz von der CeBIT läßt sich nicht durchhalten. Wer einst schmollte und dem Branchenspektakel den Rücken zukehrte, wie Intergraph, kommt zur CeBIT ?90 reumütig zurück.

Zwar wird versucht zu sparen - die Nixdorf AG verzichtet auf einen ursprünglich gemieteten Stand in der Halle 19 -, die Teilnahme bleibt aber offenbar für den Großteil der Branche Pflicht.

"Die CeBIT ist zwar ein immenser Kostenfaktor, aber ohne sie geht es auch nicht", ist immer wieder von den Unternehmen zu hören.

Der Sogwirkung des Klassentreffens der Branche kann sich kaum jemand entziehen, formulierte ein Sprecher der Weigang-Gruppe.