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CCC fordert zum Boykott der Musikindustrie auf

31.03.2004

Nachdem die International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) Klagen gegen einzelne Tauschbörsennutzer auch in Deutschland angekündigt hat (Computerwoche.de berichtete) fordert nun der Chaos Computer Club (CCC) zum Boykott der von dem Verband vertretenen Musikverlage auf.

Während Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände, von einem notwendigen Schritt zur Eindämmung massenhaft verteilter Musik spricht, hält der CCC die Klagen des Bundesverbandes der phonografischen Wirtschaft und der IFPI für zweifelhaft. Die Musikindustrie versuche, die Tauschbörsennutzer einzuschüchtern und die Angst vor immensen Schadensersatzforderungen zu schüren. Dabei seien solche Klagen in Deutschland wenig erfolgversprechend.

Zudem wolle die Musikindustrie durch juristische Falschaussagen den Tauschbörsen das Wasser abgraben. Durch entsprechende Werbekampagnen würden Anwender, die Privatkopien ihrer CDs anfertigen, auf eine Stufe mit Kinderschändern und Nazipropagandisten gestellt. Das verunglimpfe Tauschbörsennutzer.

Ferner prangert der CCC an, dass die Musikverbände über die neue "Richtlinie über die Maßnahmen und Verfahren zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum" des Europäischen Rats das Recht erhalten wolle, ohne richterlichen Beschluss private Wohnungen und Firmengebäude zu durchsuchen. Das öffne Missbrauch und Industriespionage Tür und Tor. Angesichts dessen stelle sich die Frage ob die Bevölkerung kriminalisiert werden soll, weil es der Markt nicht schaffe, das Angebot für die Nachfrage zu liefern.

2003 wurden alleine in Deutschland 600 Millionen Titel über Tauschbörsen heruntergeladen, beklagt Gebhardt. Die Musikindustrie verzeichnete im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 19,8 Prozent. Der Absatz von Tonträgern sank von 223,9 Millionen auf 183,2 Millionen Stück (-18,2 Prozent). Dabei seien deutsche Künstler so erfolgreich wie nie zuvor gewesen. Ihr Anteil an den Album-Charts sei von 26,6 auf 29,5 Prozent gestiegen, an den Single-Charts sogar von 42,7 auf 54,7 Prozent. Dies beweise die enorme Nachfrage nach Musik aus Deutschland und entlarve das Vorurteil, sie sei nicht mehr so attraktiv wie früher.

"Downloader geben wegen der Nutzung illegaler Angebote wesentlich weniger Geld für Musik aus", so der Schluss Gebhardts. Wer Musik aus dem Internet beziehen wolle, könne inzwischen auch in Deutschland jede Menge legale Musikdienste nutzen. Gebhardt verwies auf die Angebote von T-Online, OD2 und Phonoline.

Der CCC hat jedoch nicht das Fehlen legaler Download-Möglichkeiten angeführt, um die Beliebtheit der P2P-Börsen (Peer to Peer) zu erklären. Vielmehr sei entscheidend, dass die Nutzer nicht bereit seien, für qualitativ schlechter werdende Angebote zunehmend mehr Geld auszugeben. So seien CDs insbesondere für Jugendliche zu teuer. Überdies sei die Nutzung zum Beispiel in CD-Playern von Autoradios oftmals durch die integrierten Kopierschutztechniken nicht möglich. So bleibe für viele Hörer nur der Weg, die CDs in digitaler Form über Tauschbörsen zu beziehen und auf CDs zu brennen, die sich überall abspielen lassen.

Während Musikhörer ihre eigenen Vertriebswege gefunden hätten, die ihre Wünsche befriedigen, sei der Zug des Internets an der Musikindustrie vorbei gefahren. Sie habe sich stattdessen nur darum gekümmert, ihre Pfründe zu wahren, so die harsche Kritik des CCC. Aber es seien viele Hörer bereit, Künstler für ihre Arbeit zu entlohnen. Dazu müssten neue Wege geschaffen werden. (lex)