Carr: Die Tage der internen IT sind gezählt

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die IT-Abteilung ist tot, es lebe das Utility-Computing! Nicholas Carr trifft in seinem jüngsten Buch "The Big Switch" erneut einen empfindlichen Nerv der IT-Community.

Vor fünf Jahren schockierte Nicholas Carr die IT-Fachwelt mit seiner These "IT doesn't matter": Die Informationstechnik verschaffe den Unternehmen keinen strategischen Vorteil, behauptete er.

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Welle der Empörung

Wie schon mit seinem Erstling "Does IT Matter?" fing sich Nicholas Carr auch mit seiner Neuerscheinung "The Big Switch" heftige Kritik seitens der IT-Beschäftigten ein. "Carr schafft es immer noch, Bücher zu veröffentlichen - ungeachtet seines mangelnden Wissens in den Bereichen Business, Wirtschaft und IT", ätzt ein Besucher im gut gefüllten Forum der amerikanischen computerwoche-Schwesterpublikation "Network World". Carr sei ein "talentfreier Schmock"- mit einem Examen in englischer Literatur.

Ein anderer bezeichnet Carr als einen Autor, der um Aufmerksamkeit ringe, dabei aber weder Ahnung von noch Erfahrung mit IT habe. "Er ist nur ein kleines Kind, das schreit, damit jemand nach ihm sieht. Und den Gefallen tun wir ihm: Wir reagieren auf seine jüngsten Einlassungen."

Neben den offenkundigen Hasstiraden gibt es allerdings auch ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem Autor. "Ich glaube nicht, dass wir die Transformationen, die Carr voraussagt, in diesem Umfang sehen werden", schreibt ein Forumsteilnehmer. "Unternehmen haben Hunderttausende oder Millionen von Dollar in die Infrastruktur für ihr Business investiert. Und jetzt werfen sie alles weg? Da habe ich erhebliche Zweifel. Viele Firmen, auch unsere, werden ihre Daten niemals einer ‚"Utility-Computing-Lösung", wie sie etwa Google bietet, anvertrauen. Dass IT-Abteilungen schrumpfen, mag richtig sein, aber sie werden nicht aussterben." Auch andere Diskutanten zielen in ihren Argumenten darauf ab, dass die meisten Firmen nicht bereit seien, ihren "Lebensnerv", die Unternehmensdaten, aus der Hand zu geben.

Ein weiterer Kommentator setzt ebenfalls darauf, dass Anwender nur begrenztes Vertrauen zu Dienstleistern haben. "Ich habe schon für mehrere Firmen gearbeitet, die dachten, Komplett-Outsourcing sei der Schlüssel zum Erfolg. Sie sind alle damit auf die Nase gefallen."

Auch Carrs wiederholter Vergleich mit der Elektrizitätsversorgung ruft Unmut hervor. "Tatsache ist, dass eine Business-IT sehr viel kompliziertere Anforderungen stellt als eine Stromversorgung", stellt ein Forumsteilnehmer klar: "Die ganze Idee scheint eher eine politisch motivierte Pro-Outsourcing-Polemik als ein ernsthafter Blick auf den Status quo der Corporate-IT zu sein."

Jetzt geht Carr noch einen Schritt weiter: In seinem gerade erschienen Werk "The Big Switch: Rewiring the World, from Edison to Google" prophezeit er den baldigen Tod der IT-Abteilung. Die unternehmenseigene IT werde großflächig durch standardisierte Dienstleistungsangebote ("Utility Computing") ersetzt, sagt er voraus.

Techniker verlieren Jobs

"Auf längere Sicht wird die IT-Abteilung wohl kaum überleben - wenigstens nicht in der gewohnten Form", schreibt Carr. "Sie wird nicht mehr viel zu tun haben, wenn der größte Teil der Business-IT aus den privaten Rechenzentren in die Weiten des Internets abwandert. Dann können die Geschäftseinheiten oder sogar einzelne Mitarbeiter die Informationsverarbeitung direkt überwachen - ohne dass sie dafür Legionen von Technikern bräuchten."

Zentralisierte IT-Dynamos

Um seine Zukunftsvision zu stützen, greift Carr einmal mehr auf das Beispiel der Elektrizitätsversorgung zurück: Um die Wende zum 20. Jahrhundert hätten die Betriebe noch ihre eigenen Generatoren betrieben, argumentiert er, doch je zuverlässiger die Stromerzeuger geworden seien und je größer die Vorteile, die sich durch die massenhafte Energiegewinnung erzielen ließen, desto weniger Unternehmen hätten diese Aufgabe noch selbst erledigen wollen. Immer mehr seien bereit gewesen, diese "kritische" Unternehmensfunktion an die Elektrizitätsversorger auszulagern.

Dasselbe werde auch mit der Datenverarbeitung passieren, prognostiziert Carr. Das derzeitige "Client-Server-Modell" der IT-Versorgung werde über kurz oder lang durch ein Utility-Modell ersetzt..

"Es gilt als erwiesen, dass - zumindest in der Theorie - die Leistungen der Datenverarbeitung wie der elektrische Strom über das Netz von den großen Anbietern bezogen werden könnten", konstatiert Carr. Die "zentralisierten Dynamos" der IT können seiner Ansicht nach viel effizienter und flexibler arbeiten als die privaten Rechenzentren.

Wie Carr einräumt, sind die IT-Dienstleister noch nicht so weit, derartige Services flächendeckend anbieten zu können. Dazu müssten sie sicherer, verlässlicher und effizienter werden. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie diese Hürde überwunden hätten.

IT-Profis tun überall dasselbe

Für den Trend zum Utility-Computing sieht Carr eine Reihe von Auslösern. Beispielsweise seien Computer- und Speichersysteme, Netze und Standardapplikationen mittlerweile "Commodities".

Nicht eben an Sympathie gewinnen dürfte Carr mit der Behauptung, dass sich die IT-Profis ebenso wenig voneinander unterscheiden ließen wie die Systeme: "Die meisten erledigen doch nur routinemäßige Wartungaufgaben - dieselben wie ihre Kollegen in anderen Unternehmen."

An die Ökonomen richtet sich der Autor mit dem Argument, dass die meisten privaten Rechenzentren unwirtschaftlich arbeiten würden. Im Regelfall seien sie lediglich zu einem Viertel bis zur Hälfte ausgelastet.

Auch nach den Umweltbewussten wirft Carr die Angel aus: Durch eine Zentralisierung der Datenverarbeitung lasse sich der Energiebedarf für die IT senken, erläutert er. Ein Rechenzentrum benötige bis zu hundert Mal mehr Strom als ein anderes Bürogebäude.

"Zehntausende von unabhängigen Rechenzentren, die sich fast vollständig gleichen - ähnliche Hardware, ähnliche Software und derselbe Typ von Mitarbeitern -, das ist ein ernsthaftes Hindernis für den wirtschaftlichen Erfolg", schreibt Carr. "Die Folge davon ist, dass es ein Überangebot an IT-Installationen gibt, und das frisst die Produktivitätsgewinne auf, die von der Computer-Automatisierung ausgehen könnten."

Google als positives Beispiel

Die Avantgarde auf dem Gebiet des Utility-Computing sieht Carr im Suchmaschinenspezialisten Google verkörpert, der über sein hochmodernes Rechenzentrum neuerdings auch Software als Service anbietet ("Google Apps"). "Wenn die Unternehmen sich darauf verlassen dürfen, dass Zentralbahnhöfe wie der von Google alle ihre IT-Anforderungen in die richtigen Bahnen lenken, dann können sie sich die Ausgaben für eigene Hard- und Software sparen."

Andere Beispiele, die Carr anführt, sind der CRM-Software-Anbieter Salesforce.com sowie die Services S3 (Simple Storage Solution) und EC2 (Elastic Compute Cloud) von Amazon. Allerdings vergisst der Autor nicht, zu erwähnen, dass die großen IT-Anbieter, Microsoft, Oracle, SAP, IBM, HP, Sun und EMC, bereits daran arbeiten, ihre Produkte Utility-fähig zu machen. "Einige der Unternehmen alter Schule werden die Kehrwende zu dem neuen Computing-Modell schaffen, andere nicht", schreibt Carr, "aber allen sei angeraten, das Beispiel von General Electric und Westinghouse sorgfältig zu studieren."

Keine Zukunft für den CIO

Die beiden Unternehmen hatten vor etwa hundert Jahren eine Menge Geld damit verdient, Komponenten und Systeme für die Stromgewinnung an die privaten Erzeuger zu verkaufen. Dieses Geschäft wurde hinfällig, als die großen Kraftwerksbetreiber die Stromerzeugung übernahmen. "Aber GE und Westinghouse waren in der Lage, sich selbst neu zu erfinden", ermutigt Carr die IT-Giganten.

Für die IT-Profis hat das Enfant terrible der IT weniger tröstende Worte zu bieten. In seiner Vorstellung vom Utility-Computing lässt sich die gesamte Unternehmens-IT von einer Person an einem PC erledigen, die via Internet "einfache Befehle" an einen weit entfernten Dienstleister abschickt.

Carr führt erfolgreiche Internet-Unternehmen wie YouTube, Craigslist, Skype und Plenty of Fish als Beleg dafür an, dass sich der IT-Betrieb mit minimalem Personalaufwand betreiben lasse. Als Google im vorletzten Jahr YouTube für 1,65 Milliarden Dollar übernommen habe, seien nur 60 Mitarbeiter dort gewesen, die sich an den neuen Eigner gewöhnen mussten. Bei Craigslist betrieben 22 Leute mehrere Milliarden Internet-Seiten. Skype bediene seine 53 Millionen Kunden mit gerade mal 200 Angestellten. Und die Partnervermittlungs-Site Plenty of Fish sei ein veritabler Einmannbetrieb.

Dass die Unternehmen im Rahmen ihrer Kehrtwendung Millionen von Mitarbeitern auf die Straße setzen werden, hält Carr für unabänderlich. Er nimmt es billigend in Kauf.