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Business-ISPs erschließen neue Geschäftsfelder

19.01.2001
Access und Hosting reichen auf Dauer nicht aus: Mit den wachsenden Anforderungen, die der Einstieg ins E-Business mit sich bringt, verändert sich die Rolle der Internet-Service-Provider.

CW-Bericht von Sabine Prehl

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit den wachsenden Anforderungen, die der Einstieg ins E-Business mit sich bringt, verändert sich die Rolle der Internet-Service-Provider (ISP). Neben dem Kerngeschäft - Access und Web-Hosting - nehmen immer mehr Business-ISPs zusätzliche Leistungen in ihr Portfolio auf. Von Auswahl und Umfang solcher Mehrwertdienste wird es unter anderem abhängen, welche Provider den Verdrängungswettbewerb überleben.

Auch wenn der Markt für Internet-Dienstleistungen boomt - mit dem reinen Zugangsgeschäft ist angesichts der sinkenden Access-Gebühren nicht mehr viel Geld zu verdienen. Die Auswirkungen auf den Markt für Netzzugänge für private Anwender sind frappierend - in kaum einer Branche waren im vergangenen Jahr so starke Konsolidierungseffekte zu spüren wie im Consumer-Access-Geschäft. Die Übernahmen von Freeserve durch den französischen ISP Wanadoo oder World Online Libertysurf durch Tiscali sind nur einige Beispiele.

Im Markt für Business-ISPs zeichnet sich ebenfalls eine Bereinigung ab, etwa durch die Übernahmen von POP Point of Presence GmbH und ECRC durch Cable & Wireless oder von Xlink durch KPN Qwest. Zurzeit gibt es auf dem hiesigen Markt rund 45 deutsche ISPs - etwa den Marktführer Deutsche Telekom, die Worldcom-Tochter Uunet und KPN Qwest - sowie 40 ausländische Backbone-Betreiber. Die übrigen Marktteilnehmer sind Wiederverkäufer, die Dienstleistungen der Provider unter ihrem Namen anbieten. Nach Ansicht von Harald Summa, Geschäftsführer des Industrieverbands eco Electronic Commerce Forum e.V., werden künftig sogar noch mehr ausländische Unternehmen in den deutschen Markt drängen.

Angesichts der steigenden Bandbreiten sinken jedoch die Überlebenschancen der kleineren Anbieter zusehends, da sie weniger Spielraum bei der Preisgestaltung haben als große internationale Player, meint etwa Adrian Knapp, Chairman bei der Firma Mount 10. Auch nach Ansicht von Klaus-Peter Scheer, Senior Consultant bei der Beratungsfirma Meta Group, werden die regionalen Provider auf Dauer nicht um Kooperationen herumkommen.

Value Added Services sind gefragt

Das Zugangs- und Hosting-Geschäft stellt zwar noch immer die Haupteinnahmequelle der Business-ISPs dar. Allerdings leiden auch sie zunehmend unter den sinkenden Access-Kosten. Im Kampf um Kunden nimmt der Preisdruck zu. Kleineren Firmen bieten die Provider zum Teil schon kostenlose Zugänge an. Angesichts des wachsenden Wettbewerbs müssen sich immer mehr ISPs auf zusätzliche Einnahmequellen verlegen, wenn sie überleben wollen, meinen Experten. "Added Value" ist gefragt, so Knapp: "Internet-Zugang und Web-Hosting sind austauschbare Dienstleistungen - da sind Margenprobleme programmiert".

Möglichkeiten, solche Zusatzdienste anzubieten, gibt es zuhauf, da zahlreiche Unternehmen immer mehr Funktionen auslagern, die bislang von der eigenen IT-Abteilung verwaltet wurden.

Dem Meta-Experten Scheer zufolge differenziert sich der Markt für Carrier- und ISP-Services zunehmend - ihr Geschäft umfasst immer mehr Leistungen, die über die Bereitstellung der Netzinfrastruktur hinausgehen. Beispiele sind Application-Service-Providing (ASP), Breitbanddienste oder Managed-Service-Providing (MSP) - etwa Leistungen im Bereich Virtual Private Networks (VPNs).

Der Outsourcing-Trend lässt sich in erster Linie auf den Mangel an IT-Fachkräften in den Firmen zurückführen. In vielen Fällen ist es nach Ansicht von Scheer mittlerweile kostengünstiger, den Web-Hosting- und E-Business-Bereich auszulagern, "als eine Riesenmannschaft aufzubauen, die den Web-Server inhouse betreut". Auch die Investitionen in ein eigenes IP-Netzwerk seien nicht zu unterschätzen. In der Regel sei es sinnvoller, einen externen ISP mit dem Aufbau einer skalierbaren Lösung zu beauftragen, als das Netzwerk aus eigener Kraft auf dem neuesten Stand zu halten.

Hard- und Software reichen nicht mehr

Damit wachsen die Anforderungen an entsprechende Dienstleistungen. "Nur Leitungen oder Hard- und Softwarefunktionen bereitzustellen - damit ist es heutzutage nicht mehr getan", so Scheer. Auch nach Ansicht von Verbandschef Summa haben sich Anforderungen an ISPs gewandelt: "Früher hatte ein schneller und preiswerter Zugang Priorität, heute geht es vor allem um Beratung zu grundlegenden Fragen, etwa: Wie baue ich ein Netz auf? Welche Backup-Möglichkeiten gibt es? Welches Sicherheitskonzept benötigt mein Unternehmen?"

Angesichts der stärkeren Serviceorientierung gewinnt auch der Einstieg ins ASP-Geschäft - das Vermieten von Software übers Netz - an Bedeutung. Da Software und Service immer mehr zusammenwachsen, könnte der ASP-Markt nach Ansicht von Branchenkennern ein weiteres Standbein für ISPs werden. Erste Ansätze sind Kommunikationsanwendungen mit Netzfunktionen, etwa Groupware, E-Mail und Unified Messaging, ein Bereich, für den sich das Mietmodell laut Scheer besonders eignet: "Es gibt inzwischen zahlreiche kleine Firmen, die kein eigenes E-Mail-System haben, sondern es bei einem ASP mieten."

Die momentan größten Wachstumsraten sieht Scheer in VPN-Services: Durch die Auslagerung der Infrastruktur auf das öffentliche IP-Netz oder Internet lassen sich nicht nur Kosten sparen - auch wird das Management komplett über den VPN-Provider abgewickelt. Ein weiterer Vorteil: Mobile Mitarbeiter können sich kostengünstig überall auf der Welt über das IP-Netz des Providers ins Firmennetz einwählen. Auch Voice-over-IP mache den klassischen Telekommunikationsdiensten zunehmend Konkurrenz. Vor allem in Bereichen, wo die gleichzeitige Übertragung von Daten und Sprache wichtig ist - etwa in Call-Centern - werde diese Technik Verbesserungen bringen, sobald sie ausgereift sei.

Services für E-Business sind gefragt

Zudem werden zunehmend Services gefragt sein, die auf den Einsatz von E-Business-Technologien zugeschnitten sind und hohe Sicherheitsstandards bieten. So lagern immer mehr Unternehmen ihre Rechenzentrenfunktionen an professionelle Provider aus. Ein Beispiel ist die Firma Mount 10, die moderne Data-Center in unterirdischen Festungsanlagen in den Schweizer Alpen betreibt und über ausfallsichere Breitbandverbindungen an weltweite Internet-Peering-Points anschließt. Mount 10 bezeichnet sich selbst als "Application Infrastructure Provider" - die Bereitstellung des Internet-Zugangs überlässt das Unternehmen anderen Anbietern. Mount-10-Chef Knapp: "Wir helfen elektronische Geschäftsprozesse schneller abzubilden - etwa B2B-Marktplätze online zu bringen."

Neben ASP, VPN- und Breitbandservices sowie Sicherheits- und E-Business-Lösungen sehen Branchenexperten auch im Bereich Storage und Content Distribution einen Zukunftsmarkt für ISPs. Gemeint ist der Betrieb von Netzwerk-Servern, die in den wichtigsten Regionen der Welt die Inhalte ihrer Kunden für die lokalen Zielgruppen vorhalten. Beispiele sind die US-Provider Madge.web, Global One oder Digital Island. In Europa steckt dieser Markt zwar noch in den Kinderschuhen. KPN Qwest, ein Joint Venture des niederländischen ISP KPN und der US-Firma Qwest, hat jedoch bereits ein Abkommen mit dem Content-Distribution-Spezialisten Akamai geschlossen, um hier aktiv zu werden.

Regionale und vertikale Spezialisierung

Ein Trend unter kleineren ISPs ist die Spezialisierung auf bestimmte Regionen oder Branchen. So konzentrieren sich der Münchner Provider Spacenet oder die Firma Pironet NDH auf regionale Konzepte, um vor Ort einen besseren Service bieten zu können. Nach Ansicht von Scheer verliert dieses Argument allerdings zunehmend an Gewicht. Bei den meisten Ausfällen handle es sich heutzutage um Softwarefehler - "und die lassen sich per Fernzugriff sogar schneller beheben."

Die Augsburger Firma Profinet betreut dagegen vorwiegend Kunden aus dem Druck- und Verlagswesen. Das Konzept dahinter: Dank Branchenkenntnis kann sich der Provider besser auf die Bedürfnisse und Probleme seiner Kunden einstellen. Nach Einschätzung von Eco-Chef Summa ist die Spezialisierung auf eine Region oder Branche für kleinere Anbieter sinnvoller als der Anspruch, überall präsent zu sein. James MacAonghus, Analyst bei Jupiter Communications, glaubt allerdings, dass ein ISP eine bestimmte Größe nicht unterschreiten darf, wenn er mit dem Wachstum seines Kunden langfristig Schritt halten will. Hinzu komme, dass kleinere Provider häufig nicht in der Lage seien, die nötigen Sicherheitsanforderungen zu erfüllen.

Gleich und gleich gesellt sich gern?

Grundsätzlich sind Unternehmen, die ein europaweites Firmennetz unterhalten, am besten bei einem großen internationalen ISP wie Exodus, Level 3, Uunet oder Cable & Wireless aufgehoben. Laut MacAonghus verfügen diese nicht nur über die physische Infrastruktur, sondern sind auch insgesamt darauf ausgerichtet, den Internet-Auftritt ihrer Kunden auf europäischer Ebene zu managen. Zukunftsträchtig sind laut Aonghus vor allem Geschäftsmodelle, bei denen das Hosting lokal erfolgt, um auf das jeweilige Land zugeschnittenen Content bieten zu können, das Gesamtkonzept aber von zentraler Stelle - etwa einer europäischen Hauptstadt - verwaltet wird. Auch Meta-Experte Scheer rät globalen Unternehmen zu Backbone-Providern, die weltweit präsent sind. Zudem sei es wegen des Verwaltungsaufwands letztlich billiger, einen internationalen ISP anstelle von unterschiedlichen Anbietern für die einzelnen Niederlassungen zu beauftragen.

Um den steigenden Anforderungen an das Internet gerecht werden und ständige Verfügbarkeit auch in Zukunft garantieren zu können, müssen die ISPs ihre Kapazitäten weiter ausbauen und zusätzliche Leistungen in ihr Portfolio aufnehmen. Laut Forrester werden die europäischen Web-Hoster die Kapazitäten ihrer Rechenzentren bis zum Jahre 2003 mehr als verdoppeln. Noch fehlt es jedoch vielen Providern am nötigen Know-how und qualifizierten Mitarbeitern, um auch in komplexeren IT-Prozessen Fuß zu fassen. Anbieter, denen dies gelingt, können jedoch in Zukunft mit einem wachsenden Anteil an der Wertschöpfungskette rechnen.