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Buchstabensalat im xSP-Markt

23.08.2001
Nach wie vor attestieren einige Markforscher dem Geschäft mit Application-Service-Providing (ASP) gute Zukunftsaussichten. Mittlerweile gibt es mehr als 30 verschiedene ASP-Unterkategorien - einige davon sind schlichtweg Unsinn.

Von CW-Redakteur Joachim Hackmann

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach wie vor attestieren einige Markforscher dem Geschäft mit Application-Service-Providing (ASP) gute Zukunftsaussichten. Mittlerweile gibt es mehr als 30 verschiedene ASP-Unterkategorien - einige davon sind schlichtweg Unsinn.

Exemplarisch für die inflationäre Verwendung des SP-Kürzels (Service-Providing) steht das Akronym MSP. Es ist zweifach und sehr ähnlich lautend belegt: Hinter ihm verbergen sich sowohl Management- als auch Managed-Services-Provider. Beide Begriffe werden zum Ärger der Anbieter in der Presse und Literatur häufig synonym verwendet. So erregte sich etwa der Chef eines Managed-Service-Providers in einem ASP-Forum darüber, dass sein Unternehmen in einem Beitrag über Management-Service-Provider genannt wurde.

Mehrfach belegte Akronyme

Managed-Service-Provider, so seine Argumentation, verwalten und betreiben komplette Client-Umgebungen für die Kundschaft, inklusive Helpdesk, Hosting, Colocation, Internet-Zugang und Speicher. Das Portfolio der Management-Service-Provider sei hingegen viel enger gesteckt. Diese Dienstleistungsbranche konzentriere sich auf das System-Management, das im Auftrag von Kunden vorgenommen werde, die ihre IT-Umgebung selbst betreiben.

Das Akronym MSP ist vor allem aufgrund seiner fast identischen Auflösungen ein besonderer Fall, doch unter der Vielzahl der Initialwörter finden sich weitere Kürzel, die mehrfach belegt sind (etwa CSP, VSP oder SSP, siehe Kasten "xSP-Ausprägungen"). Angesichts der Flut neuer Service-Provider-Angebote ist auch so mancher Experte damit überfordert, den Überblick zu behalten: "Es gibt sehr viele Ausprägungen mit verschiedenen Schwerpunkten. Verwirrend ist, dass immer wieder unterschiedliche Darstellungsformen gesucht werden", räumt Reinhard Kreft ein, Vorsitzender der deutschen Niederlassung der Interessensvertretung ASP Industry Consortium (Aspic). Den Ursprung dieser Verwirrung vermutet er nicht allein auf Anbieterseite, sondern "auch bei den Analysten, welche die Abgrenzungen vornehmen."

Der Verdacht drängt sich auf, dass so manche fragwürdige Kategorie in den Marketing-Abteilungen der Serviceunternehmen kreiert wurde, um mit den eigenen Angeboten nicht zusammen mit den Wettbewerbern in eine Schublade geschoben zu werden. So macht es kaum Sinn, zwischen Security-Service-Provider und Managed-Security-Service-Provider zu unterscheiden. Und auch der Begriff des Full-Service-Provider scheint dick aufgetragen, denn an Komplettangeboten aus einer Hand hat sich schon so manches etablierte Serviceunternehmen versucht. Außerdem finden sich unter den mehr als 30 Akronymen so manche Angebote, die nicht neu sind, sondern deren Bezeichnungen lediglich Aufmerksamkeit erregen sollen (Online-Service-Provider sind etwa Unternehmen wie AOL, MSN oder T-Online; Hosting-Service-Provider sind Hosting-Anbieter).

Mittlerweile gehen die Branche wie die Analysten dazu über, die gesamte Anbieterschar unter der Bezeichnung "xSP" zusammenzufassen, wobei das "x" als Platzhalter für sämtliche Ausprägungen fungiert. Eine Entwicklung, die Aspic-Manager Kreft begrüßt: "xSP signalisiert eine bestimmte Sicht auf das Servicethema. Es ist ein Oberbegriff, der die verschiedenen, sich in vielen Bereichen überschneidenden Angebote umfasst. Die Vielzahl der Bezeichnungen ist zwar einerseits Seite verwirrend, die einzelnen Ausprägungen umschreiben andererseits aber auch bestimmte Dienstleistungen in einer sehr konkreten Form."

Einige sinnvolle Angebote

Immerhin tummeln sich unter dem xSP-Dach auch einige bemerkenswerte Angebote. ISPs sind etwa etablierte Anbieter die ihr Portfolio nach und nach um Zusatzdienste (etwa Hosting-Dienste oder Vermietung von Speicher und Anwendungen) ausweiten. Und auch den ASPs sagen die Marktforscher nach wie vor eine gute Zukunft voraus. So schätzt IDC etwa das europäische Marktvolumen im Jahr 2005 auf knapp sechs Milliarden Dollar. Den besagten Managed-Service-Provider schenken die Analysten der Meta Group besondere Aufmerksamkeit. Deren Angebote bescheinigen sie einen besonderen Stellenwert, weil sie die Kunden mit weit gehenden Outsourcing-Angeboten - beispielsweise das Management der SAP-Umgebung, User-Help-Desk, Betrieb der Mail- und Groupware-Umgebung - von der Verantwortung für unkritische IT-Installationen befreien.

Und auch die Vertical-Service-Provider, die sich durch die Vermietung von branchenspezifischen Applikationen auszeichnen - und damit eine Untermenge der ASPs sind -, waren schon mehrfach Gegenstand der Analysen der Marktbeobachter. In den USA soll es beispielsweise bereits 350 Anbieter dieser Kategorie geben. Sie zeichnen sich vor allem durch fundiertes Branchen-Know-how aus und bedienen ihre sehr spezielle Zielgruppe mit punktgenauen Lösungen. Häufig sind diese Unternehmen aus Industriekonsortien entstanden, die bereits über enge Kundenkontakte verfügen und ihre rein transaktionsorientieren Angebote auf das Service-Provider-Modell umgestellt haben. Derartige Dienste, so die Einschätzung von AMR Research, werden den Ausleseprozess im Markt für Mietsoftware überleben, während breit aufgestellte ASPs mit Akzeptanzproblemen rechnen müssen.

XSP-Ausprägungen:

ASP (Application-Service-Provider): vermieten Anwendungssoftware.

BSP (Building-Service-Provider): stellen IT-Infrastruktur für Bürohäuser.

BSP (Business-Service-Provider): betreiben Geschäftsprozesse für Kunden.

CSP (Capacity-Service-Provider): reichen Data-Center-Kapazitäten mit Zusatzdiensten an.

CSP (Communication Service Provider): bieten End-to-end-Kommunikationsdienste unabhängig von Technik und Carrier.

CSP (Content-Service-Provider): liefern Inhalte für Web-Angebote (Content-Syndication).

CMSP (Content-Management-Service-Provider): übernehmen CRM-und Data-Mining-Dienste.

DSP (Data-Service-Provider): stellen Datenzentrums-Kapazitäten zur Verfügung.

DESP (Development-Environment-Service-Provider): bieten Zugriff auf Entwicklungswerkzeuge.

ESP (Enterprise-Service-Provider): liefern Geschäftskunden eine breite Palette von Internet-basierenden Services.

ESP (E-Business-Service-Provider): siehe Commerce-Service-Provider.

EMSP (E-Mail/Messaging-Service-Provider): übernehmen das Outsourcing von Mail- und Kommunikationsdiensten.

FSP (Full-Service-Provider): liefern Komplettangebote.

HSP (Hosting-Service-Provider): hosten Web-Sites.

ISP (Internet-Service-Provider): stellen den Internet-Zugang.

IBSP (Internet-Business-Service-Provider): bieten Internet-basierende Dienste, vornehmlich Hosting und Access.

IISP (Internet-Infrastructure-Service-Provider): betreiben Web-Infrastruktur, etwa Netzdesign, Billing, Helpdesk und Betrieb.

LHSP (List-Hosting-Service-Provider): führen Listen für Mailing-Dienste.

MSP (Managed-Service-Provider): stellen Outsourcing-Dienste.

MSP (Management-Service-Provider): vermieten System-Management-Tools.

MSSP (Managed Security Service Provider): betreiben Firewalls und Sicherheitseinrichtungen und führen Intrusion-Detection-Programme aus.

NSP (Network-Service-Provider): verkaufen Bandbreite und Netzanbindung.

OSP (Online-Service-Provider): stellen Internet-Zugang und eigenen Content (wie AOL oder T-Online).

PSP (Payment-Service-Provider): prüfen und führen Online-Bezahlungen durch.

SSP (Security-Service-Provider): identisch mit den Angeboten der MSSPs.

SSP (Storage-Service-Provider): offerieren via Web-Browser zugänglichen Speicherplatz.

VSP (Vertical-Service-Provider): vermieten branchenspezifischer Applicationen

VSP (Voice-Service-Provider): betreiben Call-Center.

WASP (Wireless-Application-Service-Provider): stellen Applikationen für mobile Endgeräte.

WSP (Wireless-Service-Provider): räumen Zugang zu mobilen Netzen ein.