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Brain steht mit dem Rücken zur Wand

07.09.2000
Massenentlassungen und Verkaufsgerüchte

CW-Bericht von Jan-Bernd Meyer

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Brain International AG muss kurzfristig bis zu 300 Mitarbeiter entlassen. Bestätigen sich außerdem der COMPUTERWOCHE vorliegende Informationen, könnte der Anbieter von ERP-Software für mittelständische Unternehmen aus Breisach am Rhein zerschlagen und die profitablen Teile verkauft werden.

Nach den Informationen wird gut ein Fünftel der insgesamt 1400 Mitarbeiter von Brain entlassen. Die ersten Kündigungen seien bereits ausgesprochen worden. Ferner soll das Unternehmen erhebliche Liquiditätsprobleme haben, weswegen die Deutsche Bank bereits 60 Millionen Euro zugeschossen habe. Insider gehen davon aus, dass Brain unter der Führung von Kurt Rembold zerschlagen wird und die profitabelsten Teile der Firma verkauft werden.

Weitere Informationen besagen, Rembold sowie der am 31. Juli 2000 ausgeschiedene Mitgründer und Vorstand Thomas Holzer, der bei Brain für

Finanzen und Investor Relations verantwortlich zeichnete, hätten die Deutsche Bank in Freiburg/Breisgau beauftragt, vor der Zerschlagung ihre Aktienpakete zu verkaufen. Rembold hält einen Anteil von 15, Holzer von 14 Prozent. Zu den weiteren Aktieneignern der Brain International AG gehört das ehemalige Vorstandsmitglied Helmut Polzer, der Anfang des Jahres eher im Unfrieden das Unternehmen verließ. Er hält vier Prozent der Brain-Anteile. Daneben treten noch Ernst & Young (14 Prozent) und IBM (sechs Prozent) als Eigner auf. 42 Prozent befinden sich im Streubesitz.

Die Aktie von Brain International war im März 1999 am Neuen Markt eingeführt worden. Der Einstiegskurs betrug 42 Euro, Ende April 1999 war er auf seinen absoluten Höchststand von 65 Euro gestiegen. Seitdem fiel der Kurs der Brain-Aktie, abgesehen von einer kurzen Erholung Anfang bis März 2000, bis zuletzt auf 8,5 Euro.

Die Konsortialbank DG Bank mochte sich gegenüber der COMPUTERWOCHE zu den aktuellen Informationen nicht äußern. Ein Analyst sagte allerdings, dass die Brain-Aktie wegen Insiderinformationen, die der DG Bank vorliegen, für den Eigenhandel und für das Research gesperrt ist. Das bedeutet nicht, dass der Kurs ausgesetzt ist. Allerdings liegen der DG Bank Informationen vor, die den Kurs der Aktie wesentlich beeinflussen können, die aber der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Die DG Bank führt momentan keine Transaktionen mehr durch, weil es ihr nach dem 2. Finanzmarktfördergesetz verboten ist, insiderrelevante Informationen über ein börsennotiertes Unternehmen auszunutzen. Allerdings muss es sich bei diesen Insiderinformationen nicht zwingend um solche handeln, die für ein Unternehmen negativ sind.

Brain International bestätigt Entlassungen

Brain International bestätigte gegenüber der COMPUTERWOCHE anstehende Entlassungen. Das Unternehmen werde entsprechend der bereits im Juli bekannt gegebenen Neuausrichtung auf Kernkompetenzen "auch Personalanpassungen vornehmen". Zurzeit eruiere man, wie viele Mitarbeiter aus welchen Bereichen betroffen sind. Ein Großteil der Entlassungen werde durch die Übernahme von Personal durch Partnerunternehmen oder durch einvernehmliche Aufhebungsverträge realisiert.

Die Fusion der Weinstätter BIW AG und Rembold + Holzer vom 20. August 1998 werde "auf keinen Fall rückgängig gemacht", erklärte Brain-Chef Kurt Rembold. Die Frage, ob profitable Teile der Brain International AG verkauft werden, verneinte Rembold nicht direkt. "Wir überprüfen im Moment, ob wir uns von bestimmten Unternehmensbereichen trennen, sofern sie nicht in die Kernkompetenzen von Brain International passen." Mehr könne er zu diesem Prozess, der ein bis zwei Monate dauern werde, nicht sagen.

Rembold bestreitet Liquiditätsprobleme

Rembold bestritt, dass Brain International AG Liquiditätsprobleme habe. Man bewege sich "vollständig im Rahmen der Kreditlinien". Die Informationen, denen zufolge die Deutsche Bank 60 Millionen Euro zugeschossen hat, seien "absolut falsch", erklärte der Brain-Chef gegenüber der COMPUTERWOCHE.

Zu dem Auftrag an die Deutsche Bank in Freiburg, die Aktienpakete von Rembold und Holzer vor einer möglichen Abspaltung von Konzernteilen zu verkaufen, äußerte sich Rembold dahingehend, er habe "keinen Kontakt zur Deutschen Bank in Freiburg hergestellt". Er habe sich mit Holzer, der IBM und Ernst & Young darauf geeinigt, dass diese vier ihre Aktienanteile auf alle Fälle halten.

Die Brain-Verantwortlichen arbeiten seit Oktober 1999 an der Restrukturierung der 1998 fusionierten Unternehmen Rembold + Holzer und Weinstätter BIW AG. Die angestrebte Zusammenführung der PPS-Produktlinien beider Fusionspartner, "XPPS" sowie das klassische PPS-Paket "Brain/AS", hatte man wieder aufgegeben.