Wachstum zu langsam

Box vor ungewisser Zukunft

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Vor ungefähr zehn Jahren brach Aaron Levie das College ab und gründete mit ein paar Kumpels im Silicon Valley die Firma Box.

Im Januar dieses Jahres ging dann ein langgehegter Traum in Erfüllung: Box ging an die Börse, nachdem es zuvor schon mehr als 500 Millionen Dollar von Investoren bekommen hatte. Die Company hat mittlerweile 1200 Mitarbeiter und Speerspitze einer neuen Generation von Firmen, die großen Geschäftskunden Dienste aus der Cloud liefern.

Trotzdem geht es für Box jetzt ums Überleben, schreibt die die "New York Times". Die Marktkapitalisierung betrage zwar 2,1 Milliarden Dollar, aber Box schreibe weiter rote Zahlen und wachse nicht schnell genug, um den Hunger der Wall Street zu stillen. Die Aktie notiere gegenwärtig 25 Prozent tiefer als beim Börsengang, gleichzeitig bedrohten konkurrierende Dienste von Branchenschwergewichten wie Amazon (Web Services) und Microsoft das Business von Box.

Aaron Levie findet, sein Leben sei "der Traum eines Entrepreneurs".
Aaron Levie findet, sein Leben sei "der Traum eines Entrepreneurs".
Foto: Robert Scoble

Es braucht Überzeugung

Box müsse einen Weg finden, seine Verluste einzudämmen und die Nase vorn zu behalten vor seinen kapitalkräftigen Marktbegleitern - oder es werde verschwinden, genauso wie vermutlich bald auch andere aus dieser Generation junger Firmen, heißt es weiter. Box müsse auf seiner Hausmesse in dieser Woche die Kunden von seiner Eignung als Plattform überzeugen, auf der sie wiederum ihre Anwendungen bauen können, und so ein Ökosystem zu schaffen, das kontinuierliches Wachstum sicherstelle - so wie Microsoft es einst mit Windows oder Apple mit dem iPhone geschaffen habe.

"Das Menetekel steht schon geschrieben", warnt der Morningstar-Analyst Norman Young. "Sie wissen, dass sie innovativ sein müssen. Was die Gewinner unterscheidet, ist dass diese einen nützlichen und unerlässlichen Service bereitstellen."

Für den Aaron Levie sein Box ganz sicher hält. "Unsere Marke kann der Proxy für Cloud-Entwickler aller Art sein, das 'Intel inside' des Cloud-Zeitalters", sagt der zappelige 30-Jährige. "Es wird darauf hinauslaufen, wer für die Leute eine Menge unterschiedliche Erfahrungen integrieren kann."

General Electric (GE), das Siemens der USA, hat sich für Box als Standard für Collaboration innerhalb des Unternehmens und auch nach außen entschieden. Insgesamt hat Box 45.000 zahlende Geschäftskunden, darunter die Hälfte der Fortune 500. Die zu gewinnen habe halt sehr viel Geld gekostet, sagt Levie, und mache Box jetzt sehr interessant für Entwickler.

"Haus der Schrecken"

In Profit konnte Box seine Investitionen bislang aber leider nicht ummünzen. Das im Vorfeld des Börsengangs veröffentlichte Zahlenwerk bezeichnete der renommierte Tech-Blogger und erklärte Box-Fan Om Malik als "Haus der Schrecken": Im zuletzt abgeschlossenen Geschäftsjahr schrieb Box bei 216 Millionen Dollar Umsatz 167 Millionen Dollar Verlust. Der Umsatz lag 74 Prozent über Vorjahr, der Nettverlust stieg im Jahresvergleich um "nur" fünf Prozent. Heuer sollen die Erlöse nur noch um 30 Prozent zulegen - Levie hofft allerdings, dass die neue Entwicklerstrategie hier das Momentum beschleunigt - und beim letzten Bericht im März standen noch Barmittel von 330 Millionen Dollar in der Bilanz.

Solche Verluste, wie sie Box und auch viele andere junge Firmen schreiben, können manch Ältere nicht verstehen. "Wir sind anders. Wir haben in den Jahren 2000 und 2001 einen massiven Abschwung mitgemacht und können mit so einer Cash Burn Rate nicht leben", sagt Brad Garlinghouse, früher Chef des Online-Speicherdienstes Hightail. Mittlerweile ist Garlinghouse zum Payment-Dienstleister Ripple Labs gewechselt. "Aaron ist smart und pragmatisch", sagt er über Levie. "Aber er und eine Menge von diese jungen Burschen haben noch keine harten Zeiten durchgemacht."

Levie gehören nach all den Jahren und neun Finanzierungsrunden übrigens "nur" noch 3,8 Prozent von Box im Wert von aktuell rund 80 Millionen Dollar. "Ich hätte gern mehr", sagte er der "New York Times". "Aber das Wachstum, das wir hatten, würde ich nicht gegen einen größeren Anteil eintauschen."

Am Wochenende lässt Levie das Sakko fallen und schlüpft in Short und T-Shirt. Seit Jahren wohnt er im gleichen Apartment in der Nähe des Büros und fährt immer noch den gleichen alten BMW. "Auf der persönlichen Seite hat es Opfer gegeben", sagt Levie. "Ich würde gern mehr Zeit mit meiner Freundin verbringen. Es gibt dauernd Stress. Aber wenn man sieht, dass man das bewirken könnte, wovon man immer geträumt hat, ist es das wert."