Billig-NAS mausert sich zum Linux-Server

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Vor knapp zwei Jahren testeten wir einen als "6 in 1"-Server beworbenen Einstiegs-NAS von Synology. Zwei Produktgenerationen später haben sich die Netzspeicher zu kompakten Linux-Appliances gemausert.

Netzwerkspeicher, so genannte Network Attached Storages (NAS), haben mit dem Siegeszug von Ethernet, WLAN und DSL zunehmend auch den privaten Bereich erobert. Entsprechend vielfältig ist im unteren Marktsegment das Angebot, das sich kaum noch sauber nach Endkunden- und Unternehmensprodukten unterscheiden lässt: Von einfachen Netzspeichern, die gerade mal über einen integrierten FTP-Server verfügen, bis hin zu komplexen NAS mit integriertem Web-, Print-, Audio- und Video-Server reicht mittlerweile das Portfolio.

Zur letzten Kategorie zählt die getestete Diskstation "DS207+" von Synology Technologies, die ohne Festplatten von Internet-Händlern bereits ab 280 Euro verkauft wird. Damit ist die NAS knapp 20 Euro teurer als die von uns im März 2006 unter die Lupe genommene "DS-101g+". Trotz dieser geringen Preisdifferenz liegen zwischen den beiden Modellen Welten. So erhält der Anwender heute mit der DS207+ ein Gerät, das mit einem 500-Megahertz-ARM-Prozessor und 128 MB RAM über genügend Rechen-Power verfügt, um auch als kleiner Linux-Server zu dienen. Zudem wartet das neue Modell mit zwei Einbauschächten für SATA-Festplatten auf, so dass auch eine Konfiguration als Raid 0 oder 1 möglich ist. Ganz davon abgesehen, dass das Gehäuse jetzt in einem gefälligeren weißen Klarlack-Look daherkommt und sich durch einen größeren Lüfter auszeichnet. Statt der 2,5 Zentimeter kleinen Nervensäge, die wir bei der 101g+ bemängelten, spendieren die Taiwaner der 207+ jetzt ein deutlich ruhiger laufendes, sechs Zentimeter großes Modell.

Verbesserte Admin-Oberfläche

Neben dem geänderten Hardwaredesign wartet die 207+ mit mehr Funktionen auf, wobei das Gerät einen Spagat zwischen Endkunden- und Unternehmensansprüchen vollführt. So werden Features wie Active-Directory-Unterstützung (ADS), Videoüberwachung mit Kamera, HTTPS oder verschlüsselte FTP-Datentransfers wohl eher den professionellen Anwender ansprechen, während der integrierte iTunes-Server oder eine Download-Station für Bittorrent mehr auf das Consumer-Segment zielen. Eine Renovierung beziehungsweise ein Update erfuhren auch die anderen Diskstation-Applikationen wie etwa der Apache Web-Server, der integrierte MySQL Server, die Photo Station, die jetzt auch Videos abspielt, die Multimedia-Dienste und der USB-Print-Server. Neue Services sind beispielsweise ein integrierter Blog sowie eine Web-basierende Anwendung zum Datei-Download via Netz. Diese überarbeitete Firmware (Version DSM 2.0-0640) ist auch für etliche ältere Modelle als Upgrade erhältlich.

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was Synology bei der aktuellen NAS-Generation verbessert hat;

dass die Admin-Oberfläche von Ajax profitiert;

welche Performance einen Einstiegs-NAS liefert;

wie Sie aus der NAS eine Linux-Appliance machen.

Angesichts dieser Leistungsdaten und des versprochenen Funktionsumfangs wollten wir wissen, wie sich die DS207+ in der Praxis schlägt. Der Einbau der Festplatten, verbaut wurden zwei 250 GB große SATA-Platten von Samsung (insgesamt können intern bis zu 2 TB eingesetzt werden), ist mit Hilfe der mitgelieferten Beschreibung innerhalb von zehn Minuten problemlos erledigt. Später sollten die Platten dann als Raid 0 konfiguriert werden, um die maximale Performance beim Datentransfer zu erzielen. Zwar verdoppelt sich damit über den Daumen gepeilt die Ausfallwahrscheinlichkeit, aber dieses Risiko scheint tragbar, offeriert die Diskstation doch die Option, ihre Daten per eSATA-Anschluss auf einer externen HD zu sichern oder gar über das LAN ein Backup auf eine zweite Diskstation zu fahren. Legt der Anwender dagegen hohen Wert auf Ausfallsicherheit, dann sollte er die NAS als Raid 1 betreiben.

Zwei Wege zur Konfiguration

Nach diesen Vorarbeiten kann der Administrator die eigentliche Konfiguration, also das Anlegen von Usern, Benutzerrechten und das Freischalten von Server-Diensten, angehen. Hierzu benutzt er unter Windows entweder das beiliegende Konfigurationsprogramm, das mit Hilfe von Assistenten durch die Einrichtung führt, oder er greift direkt per Browser auf das Web-Interface des Gerätes zu, das standardmäßig über Port 5000 adressiert wird. Wir wählten zur weiteren Konfiguration den Weg per Browser. Bereits der erste Kontakt mit der Konfigurationsoberfläche der DS207+ zeigt, dass Welten zwischen diesem Modell und der ersten NAS-Generation von Synology liegen. Im Vergleich zur 101g+ wirkt das Ajax-basierende Management moderner und aufgeräumter, obwohl es mehr Informationen, wie etwa über die Temperatur der Festplatten, liefert und für die Steuerung des gewachsenen Funktionsumfangs verantwortlich ist. Zur Benutzer- und Rechteverwaltung hat der Administrator jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder er entscheidet sich für das systeminterne Authentifizierungssystem, oder er verwendet in einem Windows-Domain-Netz das ADS als übergeordnete Kontrollinstanz.

Dank Ajax kann jetzt auch mit der internen Rechteverwaltung vernünftig gearbeitet werden. Gerade das Zusammenspiel zwischen Shares, Usern und Gruppen sowie die dadurch direkt oder indirekt vererbten Zugriffsrechte werden deutlich übersichtlicher dargestellt als bei der DS101g+. Bei der aktuellen Firmware-Version ist der User zudem in der Lage, eigene Applikationen beziehungsweise deren Administration in die Management-Oberfläche zu integrieren.

Alt gegen Neu

Mit der Vergabe der Benutzerrechte steht einem ersten Geschwindigkeitstest nichts mehr im Wege. Besonders interessierte uns, inwieweit das Raid 0 der NAS in einem Gigabit-Ethernet-LAN Geschwindigkeitsvorteile bringt. Als Testwerkzeug setzen wir wie bei der 101g+ den ATTO-Diskbenchmark ein. Dieser Benchmark bescheinigte 207+ Leseraten von über 37 MB/s und Schreibraten bis zu 35 MB/s. Exzellente Benchmark-Werte, wenn man bedenkt, dass selbst die alte Diskstation mit Transferraten von 25 MB/s beziehungsweise 20 MB/s damals zu den Höchstleistern im unteren NAS-Segment zählte.

Im Alltag übertrug die DS207+ im Netz rund 1 GB pro Minute. Zwar kann auch die 207+ nicht mit teuren professionellen Netzspeichern mithalten, aber ihre Geschwindigkeit sollte für einen Abteilungs-NAS oder in Zweigstellen ausreichen.

Der Web-Server der 207+

Zumal die NAS in Zweigstellen nicht nur die Funktion eines File-Servers übernimmt, sondern gleichzeitig auch als Linux-Appliance die Rolle eines Application-Servers ausfüllen kann. Dank des integrierten Apache Web-Servers in der Version 2.28, kombiniert mit dem MySQL Server 5.0.5 und php 5.2.6, eignet sich die Diskstation auch zur Realisierung eigener dynamischer Web-Auftritte oder Intranet-Anwendungen. Selbst ein Corporate-Blog lässt sich mit der 207+ einfach verwirklichen. Sie hat die hierzu erforderliche Software inklusive entsprechender Design-Templates von Haus aus vorinstalliert, so dass innerhalb weniger Minuten ein eigener Blog eingerichtet ist. Allerdings erkauft sich der Anwender diese schnelle Einrichtung mit einem Manko: Die von Synology gelieferte Blog-Software eröffnet nur wenig Spielraum beim Gestalten eines individuellen Blog-Auftritts.

Apache-Module nachladen

Auch der Apache Web-Server überrascht bei tieferer Beschäftigung mit einigen unschönen Besonderheiten: So hat der Hersteller nicht alle Apache-Module (etwa die Proxy-Module) auf der Diskstation vorinstalliert, so dass der Anwender sie im Bedarfsfall nachinstallieren muss. Positiv ist dagegen anzumerken, dass der User zumindest die Möglichkeit hat, die NAS an seine persönlichen Bedürfnisse anzupassen.

Geduld ist bei einer anderen Anwendung der Diskstation angesagt: Wer die Photostation bei der ersten Inbetriebnahme gleich mit mehreren Gigabyte an Fotos und Videos voll schaufelt, sollte sich nicht wundern, wenn die NAS erst einmal einen Tag mit sich selbst beschäftigt ist. Die Software legt nämlich für die übersichtliche Darstellung der Fotos von jedem Bild ein eigenes Indexbild an. Noch zeitfressender ist die Bereitstellung von Videos. Zwar spielt die Diskstation die Videoformate ASF, AVI, MPEG 1, MPEG 4, WMV, XvID und DivX ab, doch diese muss sie erst in das Flash-Format umwandeln. Und dabei stößt die Hardware mit ihrem 500-Megahertz-Prozessor und lediglich 128 MB RAM an ihre Leistungsgrenzen. Wer allerdings die erforderliche Geduld aufbringt, wird hinterher mit einer einfach zu bedienenden Bild- und Videodatenbank entschädigt, die mit Features wie einer integrierten Diashow aufwartet. Positiv zu erwähnen ist dabei auch, wie einfach sich die gespeicherten Videos inklusive Player-Software in andere Web-Seiten integrieren lassen.

Ebenso einfach ist der Dateiaustausch via Internet. Wer seine Anwender nicht mit den Feinheiten von aktivem und passivem FTP konfrontieren will, findet in der integrierten Filestation ein Tool zum Web-basierenden Datenaustausch. In Ermangelung einer passenden Kamera haben wir die integrierte Surveillance Station nicht näher betrachtet. Dieses Feature soll es dem Benutzer ermöglichen, bis zu fünf entfernte Kameras mit der Diskstation zu überwachen und ihre Bilder aufzuzeichnen. Standardmäßig wird die DS207+ mit einer Lizenz für eine Kamera ausgeliefert. Generell sollte die Videokamera per IP-Adresse ansprechbar sein und einen IP-Videostream ausgeben.

Datensicherheit per Backup

In Sachen Datensicherheit hat der Diskstation-Benutzer die Wahl zwischen drei verschiedenen Verfahren: Mit Hilfe der Software "Data Replicator 3" können die Daten - inklusive der Outlook-Postfächer - eines Windows-PC auf dem NAS gesichert werden. Besonders interessant ist dabei das Feature, mehrere unterschiedliche Versionen einer Datei zu sichern. Auf diese Weise sind unterschiedliche Dokumentenversionen auch später noch nachvollziehbar. Die Diskstation selbst kann der Benutzer gegen Datenverluste sichern, indem er etwa die Festplatten - im Gegensatz zu unserem Test mit Raid 0 - als Raid 1 konfiguriert. Eine weitere Option ist die Sicherung der Daten auf einer lokalen Festplatte, die per USB oder eSATA direkt an die NAS angeschlossen wird. Kommen gleich mehrere Diskstations an unterschiedlichen Standorten zum Einsatz, bietet sich ein drittes Verfahren an: das Backup der Diskstation über Netz auf einer anderen Diskstation, etwa in der Zentrale. Beide Backup-Verfahren werden über die Management-Oberfläche der Diskstation gesteuert, so dass ein Systembetreuer die Vorgänge auch aus der Ferne anstoßen kann. Damit dabei die Sicherheit nicht zu kurz kommt, kann der Zugang zur Admin-Oberfläche auch per https erfolgen.

Arbeiten mit der Linux-Shell

Zwar ist die Liste der genannten Funktionen für einen Netzspeicher bereits beeindruckend genug, doch ihr volles Potenzial offenbart die Diskstation erst, wenn der Benutzer selbst Hand anlegt und die Software tunt - neudeutsch besser als Modding bekannt. Hierzu benötigt der Anwender einen Zugriff auf die Linux-Shell. Zierte sich Synology in der Vergangenheit noch und eröffnete dem User den Shell-Zugriff erst nach dem Patchen des Betriebssystems, so kann der Terminal-Zugang per Telnet oder SSH jetzt direkt über die Admin-Oberfläche freigeschaltet werden. Wer unter Windows noch ein komfortables Terminal-Programm sucht, sollte die kostenlose Terminalemulations-Software PuTTY anschauen. Linux-unerfahrene Benutzer haben beim Linux-Shell-Zugriff gleich eine erste Klippe zu umschiffen: Heißt der Systembetreuer in den Administrationsprogrammen der Diskstation normalerweise "admin", so ist er hier der User "root".

Der einfachste Weg, auf der Diskstation eigene Linux-Software zu installieren, ist die Verwendung eines Package-Management-Systems. Auf der Diskstation kommt hierzu das "Itsy Package Management System" (ipkg) zum Einsatz. Ein für Neulinge nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Systeme ist, dass sie bei der Installation neuer Software gleichzeitig andere Programme, auf denen eine Applikation aufsetzt, automatisch mitinstallieren. Zudem muss sich der Benutzer nicht selbst darum kümmern, dass die Programme für die richtige Hardwareplattform kompiliert sind.

Um ipkg auf der Diskstation zu nutzen, ist zuerst ein entsprechendes "Bootstrap"-Skript erforderlich. Das für die DS207+ passende lädt sich der User mit der Befehlskombination "wget http://www.buechse.de/SYNOLOGY/syno-x07-bootstrap_1.0-jb_arm.xsh" herunter und führt es später aus. Über den Feed "http://ipkg.nslu2-linux.org/feeds/optware/syno-x07/cross/unstable/" hat der Benutzer per ipkg Zugriff auf rund 900 Linux-Programme, die bereits für die Diskstation kompiliert sind. Darunter befinden sich etwa eine Vollversion des Apache-Servers mit allen Zusatzmodulen, die VoIP-Software Asterisk, CMS-Systeme wie Joomla, die Blog-Software Wordpress, die bekannte Proxy-Lösung Squid, zahlreiche Mail-Server-Programme oder nützliche Tools wie der Datei-Manager Midnight Commander, ein Werkzeug das an den aus DOS-Zeiten bekannten Norton Commander erinnert. Und mit Optware-Devel erhält der User ein Toolchain-Plug-in, um andere Linux-Programme direkt auf der Diskstation zu kompilieren.

Crosscompiling

Soll ein Crosscompiling auf einem Linux-PC erfolgen, so ist zu beachten, dass die DS207+-Architektur auf einer CPU Marvell 5281 ARM mit Little Endian und einem Debian-Linux 2.6 basiert. Diese Architekturdaten sollte der Anwender auch im Hinterkopf haben, wenn er mit den zahlreichen Linux-Anwendungen experimentiert. Zwar lässt sich auf diese Weise fast jede Linux-Anwendung auf der Diskstation betreiben, doch die Leistung der Hardware begrenzt das Einsatzgebiet eher auf Arbeitsgruppen, einen ausgewachsenen Server kann die Appliance nicht ersetzen.

Anpassen der Anwendungen

Mit dem direkten Zugriff auf die Linux-Shell lassen sich zudem die Synology-Anwendungen an die eigenen Bedürfnisse anpassen. So kann etwa die Größe der Index-Bilder der Photostation geändert werden oder der Apache-Server mit Hilfe von Virtual Hosts auch Web-Seiten mit unterschiedlichen Domain-Namen hosten und für die Web-Seiten ein anderer Speicherort als das standardmäßige Verzeichnis "web" eingerichtet werden. Bei allen Modifikationen ist jedoch zu berücksichtigen, dass Synology im Falle eines Firmware-Updates etliche Verzeichnisse komplett überschreibt. Deshalb sollten solche Modifikationen am besten in einem eigenen Verzeichnis installiert oder definiert werden. Über solche Details informiert der Hersteller mittlerweile in einem eigenen Wiki. Hier findet der User zudem Tipps, wie er etwa eigene SSL-Zertifikate generiert oder Benutzerrechte für Unterverzeichnisse vergibt. Neu ist auch die Möglichkeit, Drittanwendungen wie phpMyAdmin direkt in die Konfigurationsoberfläche der Diskstation zu integrieren.

Fazit

Unter dem Strich überzeugte der Synology-Speicher im Alltag als günstige Einstiegs-NAS. So sind seine Leistungsdaten als Datenspeicher für diese Preisklasse als gut bis sehr gut zu bezeichnen. Zudem entpuppte sich die NAS mit ihren Zusatzfunktionen als vollwertige kleine Linux-Appliance, die vielfältig einsetzbar ist und zumindest in Arbeitsgruppen oder kleinen Filialen die Anschaffung des einen oder anderen Servers ersparen kann. In Zeiten von Green IT und CO2-Diskussion begeistert zudem der niedrige Stromverbrauch. Solange keine Festplattenzugriffe erfolgen, verbraucht die NAS rund elf Watt, kommt es zu Plattenzugriffen, so gibt Synology den Energiebedarf mit 32 Watt an. Mit der Möglichkeit, auf Shell-Ebene das Gerät individuell an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, bleiben fast keine Wünsche übrig.