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Bill Joy über Technik im Allgemeinen und Jini & Java im Besonderen

22.05.2000
Interview mit Sun Microsystems´ Chief Scientist

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In der April-Ausgabe des US-Magazins "Wired" sorgte Bill Joy, Mitgründer und Chief Scientist von Sun Microsystems, mit seinem 20 000-Worte-Essay "Why the future doesn´t need us" für Aufsehen. Er vertritt darin die Ansicht, dass Kerntechniken des 21. Jahrhunderts - unter anderem Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie - die Menschheit zu einer bedrohten Spezies machen könnten. Im Rahmen des CTO Forum in San Franzisko hatten die Kollegen der CW-Schwesterpublikation "Infoworld" Gelegenheit, Joy zu seinem Aufsatz und zu seinen "Babys" Java und Jini (Java Intelligent Network Infrastructure) zu befragen.

CW: Ihr Kollege Peter Schwartz ["The long boom"] vertritt eine Gegenmeinung zu dem Stück, das Sie in "Wired" veröffentlicht haben. Er glaubt, dass die Welt dank Investitionen in IT und andere Techniken vor einem nahezu unbegrenzten Wachstum steht. Was meinen Sie dazu?

JOY: Es ist klar, dass im Laufe dieses Jahrhunderts einige Techniken große Gefahren heraufbeschwören werden, einfach weil sie von ihrem Gefahrenpotenzial her Waffen ähneln, aber auf Information basieren. Mit anderen Worten, man kann sie allein mit einem Computer erzeugen. Wir haben keinen Regelapparat, der Einzelne daran hindern würde.

Gleiches gilt für das Internet und PCs, wenn man sich beispielsweise anschaut, wie schlecht Microsoft seine Produkte entworfen hat. Man nehme nur die Visual-Basic-Viren. Langfristig betrachtet ist das Problem dabei, dass diese Techniken so mächtig sind, dass sie auch die physische Welt schädigen können. Es ist einfach, optimistische, naive und uninformierte Meinungen zu haben - ich will damit nicht Peter abqualifizieren; aber solange man meinen Text nicht gelesen und die Fakten studiert hat, ist es leicht zu behaupten: "Das haut schon alles hin".

CW: Welche Schäden könnten Sie sich denn vorstellen?

JOY: Atomwaffen haben wir schon sehr lange, und wir haben Glück gehabt, dass bis jetzt nichts passiert ist. Es ist unmöglich, einen funktionierenden Abwehrschild zu bauen, weil man den einfach mit "Ködern" überlisten kann. Und genauso führt ein wehrloses Microsoft-Mailprogramm - in diesem Fall durch Dummheit, weil sie jedem Nutzer gestatten, beliebige Makros auszuführen - zwangsläufig zu Katastrophen wie "ILOVEYOU". Die Frage muss also lauten: Wollen wir in diesem Jahrhundert die uneingeschränkte Benutzung solch mächtiger Technik erlauben und uns selbst in Gefahr bringen?

Schlimmer als das Virus selbst ist die Tatsache, dass nun jeder weiß, wie es funktioniert. Jeder hat den Quellcode für das Ding, und darauf lässt sich aufbauen. Dies verdeutlicht aus meiner Sicht eine zentrale Schwachstelle des Systems. Und deswegen müssen jetzt Millionen Menschen das Sicherheitsloch schließen, dass Microsoft in seinem Mailer offen ließ.

CW: Müssen wir also Ihrer Meinung nach soziale Verantwortung übernehmen?

JOY: Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass jeder auf diesem Planeten verantwortlich handelt. Es bleibt die Frage: Wie groß dürfen die Waffen sein, die wir den Psychos da draußen in die Hände geben? Denn es gibt genug Irre. Ted Kaczinsky [der "Unabomber"] war zum Beispiel ganz klar ein Psychopath. Das sind oft Leute mit einer Menge Wissen.

Wir sollten sinnvollerweise mehr in die seelische Gesundheit investieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir eine zivilisierte Gesellschaft bekommen, wenn wir Einzelnen unbegrenzte Macht überlassen. Nehmen Sie die Geschichten, die ´95, ´96 über Java und ActiveX und Sicherheit geschrieben wurden. Die Leute haben einfach gelogen. Microsoft hat millionenfach seine Software mit einem Sicherheitsloch ausgeliefert, so groß, dass man mit einem 40-Tonner durchfahren kann, und nun hat das jemand getan. Microsoft hat die Sicherheitsprobleme total unterschätzt. Wenn man Anwendern erlaubt, angehängte Dateien ungefiltert auszuführen, dann ist das gefährlich.

CW: Kommen wir nun zu Sun und seinen Produkten. Wann wird Jini endlich Realität?

JOY: Das ist ein Phänomen gemäß "Metcalfe´s Law"*. Das bedeutet, es ist ein Infrastruktur-Spiel.

Die andere Sache mit Jini ist, dass es dabei darum geht, Geräte an stets und überall verfügbare Netze anzuschließen. Und es sieht so aus, als hätten wir ein Problem damit, dass sich die Architektur für solche Netze ein bisschen langsam entwickelt.

Man sehe sich nur einmal kabelbasierte und drahtlose Netze an. Im Kabelbereich bekommt man nur mit Mühe und Not DSL, es sind einfach nicht genügend Kapazitäten verfügbar. Selbst ISDN ist schwer zu kriegen [gilt nur für die USA, Anm. d. Red.]. Und die drahtlosen digitalen Netze kommen nicht aus den Startlöchern, einfach weil es so viele verschiedene sind.

Das Dumme ist, für die tollen Produkte der allumfassend vernetzten Welt haben wir noch nicht die Infrastruktur. Wir sehen das zum Beispiel in Japan, wo wir Java in Telefone gepackt haben. Diese Hit-Produkte treiben zwar den Markt voran, aber sie können gleichzeitig nur entstehen, wenn auch die Netz-Infrastruktur vorhanden ist - ein Teufelskreis. Wir glauben an Java und Jini als Erfolgsprodukte, aber mangels geeigneter Netze kommen sie nicht so recht in die Gänge.

CW: Jini stellt enorme Anforderungen an die Hardware. Wie wollen sie die nötigen Features in Alltagsgeräten wie Nokia-Handys unterbringen?

JOY: Wir arbeiten an einer Jini-Version mit kleinerem Footprint; eine kleinere Java-Version haben wir ja schon entwickelt.

CW: Und wollen sie die unter 1 MB drücken?

JOY: Das schaffen wir auf jeden Fall. Vor allem in Sensoren brauchen wir ein wirklich kompaktes Jini. Wir packen Massen von diesen Sensoren überall hin. Manche arbeiten drahtlos oder in Single-Chip-Geräten, zum Beispiel einem Radio oder einem Airbag. Man könnte Sensoren im Motor eines Autos oder der Turbine eines Flugzeugs haben. Das wären die perfekten Geräte, um sie in ein Jini-Netz zu integrieren. Aber solche Geräte senden nur, sie brauchen also nicht dafür präpariert zu werden, Daten auch zu empfangen.

Das kriegen wir hoffentlich noch in der ersten Jini-Version unter. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr eine weniger ressourcenintensive Jini-Version für die Sensorwelt auf den Markt bringen können. Wir haben mit Firmen wie Echelon an dieser Technik gearbeitet.

CW: Immer mehr Leute fürchten, dass sich unterschiedliche Varianten von Java etablieren. Warum sollten wir glauben, dass Java eins bleibt?

JOY: Diese Diskussion nimmt deswegen kein Ende, weil Java so wichtig ist. Am ILOVEYOU-Virus sieht man, dass Java sogar immer wichtiger wird. Es ist der einzige Weg, sichere Attachments zu realisieren. Dies ist eine Chance, einen Schritt zurück zu gehen und dies neu zu entdecken. Ich denke, die Industrie hat eine Balkanisierung erfahren. Jeder wäre gern das nächste IBM oder Microsoft.

Wir versuchen mit Java, unsere Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Aus diesem Grund halten wir weiterhin so fest unseren Daumen auf den Java-Standardisierungsprozess. Wir haben unseren Kunden versprochen, Java plattformübergreifend zu lassen. Ich traue einfach anderen Firmen nicht über den Weg, die dies offensichtlich weniger ernst nehmen. Bei denen steht die Cross-Platform-Vision einfach nicht so im Vordergrund wie bei uns. Microsoft wollte Java ganz klar auf eine einzige Plattform bringen. Es ist nur natürlich, dass Leute Java für ihre Plattform optimieren und die Regeln brechen wollen. Wir haben bisher vor allem versucht, als Ordner im Sinne der Anwender zu agieren. Wir sind aber bereit, uns auch anderen Prozessen zu unterwerfen, wenn die anderen Mitspieler auf der gleichen Vertrauensbasis agieren wie wir.

*"Metcalfe´s Law": Ethernet-Erfinder und "IDG"-Kolumnist Bob Metcalfe hat Folgendes postuliert:"Der Wert eines Netzwerks steigt schneller als die Zahl seiner Mitglieder" ["The value of a network increases faster than it´s membership"]. Beispiel: Ein Telefon für sich allein ist wertlos; fügt man ein zweites hinzu, werden beide Geräte bedeutsam.