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Interview mit CIO von RWE

Big Data hilft bei Vorhersagen über Energieverbrauch und Netzstabilität

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
Big Data, Digitale Transformation, IoT – welchen Stellenwert haben diese Themen in der Energiebranche? Welches sind aktuell die größten Herausforderungen für IT-Abteilungen? Prof. Walter Brenner im Gespräch mit Michael Neff, CIO von RWE.

Herr Neff, was bedeutet Digitalisierung für Sie persönlich, für Ihr Unternehmen und die Energiewirtschaft?

Meine ganze Umwelt: Mein Auto, Fahrrad, Armband, Küche, Wohnzimmer usw. natürlich auch das Büro und mein Arbeitsplatz ist und wird immer mehr mit Mikroprozessoren und der entsprechenden Software bestückt. Bis ca. ins Jahr 2000 haben Unternehmen Digitalisierung zur Automatisierung von Geschäfts­prozessabläufen in Produktion, Logistik und Verwaltung genutzt. Danach kam hinzu, dass wir Digitalisierung auch für Kundenprozesse einsetzen, ja sogar ganze Industriebereiche z.B. Medien damit zerstörend (disruptiv) verändern.

Die Steuerung von Kraftwerken, von Strom- und Gasnetzen erfolgt heute durch große komplexe Systeme. Und das erfolgt sowohl analog als auch digital. Hierbei wird immer mehr zur digitalen Steuerung übergegangen z.B. Smart Grid. Parallel erfolgt die Durchdringung mit IT-Produkten und Services beim Energie­verbraucher z.B. Elektroauto, Smart-Meter, Smart Home-Lösungen, große Billinglösungen mit Kundenselbstbedienung über das Internet. Dieser Prozess wird sich mit allen IT-Themen (mobile, social, big data und cloud) ausweiten. Ebenso bedeutend ist der Energiehandel, der heute auf komplexen digitalisierten Realtime Handelsplattformen erfolgt.

Was steht für Sie als CIO von RWE in den nächsten drei Jahren auf der Agenda?

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RWE modernisiert, konsolidiert und digitalisiert die Retaillösungen in Europa und baut die Smart Home Lösung aus. Die Business Analytik bzgl. Verbraucherverhalten, Energieverbrauch, Energieverteilung in den Netzen, für Wartung der Kraftwerke und für Wettervorhersage (Wind- und Solarenergieproduktion) sowie die 3D-Visuali­sierung mit Augmented Reality und Simulation im Braunkohle-Tagebau wird ausgebaut.

Mobile Wartungslösungen werden mit neuer IT-Technologie eingeführt. Für mich steht auch auf der Agenda, dass wir IT-Innovationen und die damit verbundenen Geschäftsmodelle suchen, bewerten, pilotieren und wenn möglich auch umfassend, schnell und sicher einführen. Hierzu machen wir uns auch in der Bereitstellung neuer IT Architekturen für z.B. IoT, API, etc... fit.

Eine wesentliche Komponente im Bereich Digitalisierung ist Big Data. Wie wichtig ist Big Data in Ihrem Unternehmen?

Business Analytik war, ist und bleibt sehr wichtig für jedes Unternehmen. Moderne Methoden, IT-Technologie und Anwendungs-Know-How kurz: heute "Big Data" genannt, hilft bedeutend bei Vorhersagen. RWE, wie jedes Energieunternehmen, macht Vorhersagen für den Energieverbrauch, für die Netzstabilität, für die Energieproduktion (Wind, Solar), für die Wartung der Kraftwerke, für Energiebedarf und alles bezogen auf ganz unterschiedliche Parameter (Kundengruppen, Teile, Zeiträume, Lokationen, Häufigkeit). Die grössten Potentiale für Big Data erwarte ich im Bereich des Vertriebs sowohl bei B2B als auch bei B2C. Big Data wird die Genauigkeit der Vorhersage von Kundenverhalten und Kundenbedarf signifikant verbessern.

Wie grenzen Sie Big Data von Data-Warehouse-Lösungen ab?

Für mich sind Data-Warehouse-Lösungen mal provokativ gesagt: Datenmüll­ent­sorgungs­lager. Ja, es gibt wichtige und gute Berichte, aber es gibt sehr viel Datenmüll in diesen Systemen und wir analysieren die Vergangenheit, oft zu Erklärungs- und Rechtfertigungs­zwecken. Fragt man nach den Kosten eines Reports, so wird man oft erstaunt sein. Kommt der Report nicht mehr, so gibt es oft keine Reklamation. Big Data ist eine neue moderne Variante der "Management Informationssysteme", der "Decision Support Systeme", der "Executive Informationssysteme", wie all die Begriff früher waren. Wesentlich ist, dass man eine Vielzahl von Informationsquellen z.B. social Media oder Sensoren einbezieht und man dann sehr schnell wirtschaftlich riesige Datenmengen verarbeiten kann mit der Zielsetzung der Vorhersage.

Wie gehen Sie mit neuen Datenbanktechnologien, z.B. HANA von der SAP oder Hadoop um?

Ganz einfach, so wie mit den Alten, als diese neu waren. Wir informieren uns, wir lernen, wir bewerten, wir pilotieren und bei gegebener strategischer und wirtschaftlicher Sinnhaftigkeit wird implementiert.

Welche Rolle spielen Cloud-Lösungen in Ihrem Unternehmen im Rahmen der Digitalisierungsstrategie. Es gibt Cloud-Rechenzentren amerikanischer Anbieter in Deutschland. Welche Rolle spielen diese Rechenzentren in Ihrer Cloud-Strategie?

Cloud-Lösungen spielen im Rahmen der Digitalisierungsstrategie eine sehr wichtige Rolle. Das RZ von RWE ist bzgl. der Smart Home-Lösung von RWE, selbst ein Cloud-Rechenzentrum. Wir werden immer mehr Geschäftsprozesse digital automatisiert in Cloud-Lösungen testen und dann auch betreiben. Der Standort des Cloud-RZs spielt bzgl. des Datenschutzes und der Kommunikationsinfrastruktur eine bedeutende Rolle. Hierbei hat Frankfurt aufgrund des deutschen Datenschutzes und der Kommunikationsinfrastruktur eine exponierte Stellung.

Wie gehen Sie mit Innovation in Ihrem Unternehmen um?

Innovationen erfolgen an einer Vielzahl von Stellen im RWE-Konzern. Es gib Produktions­innovationen (Erneuerbare Energie), Produkt/Service-Innovation (Smart Home, virtuelle Kraftwerke), Geschäftsprozess-Innovationen (Internetbasierte Geschäftsabwicklung für Energieprodukte). Die Energiewende ist ein Nährboden für Innovationen. Vor zwei Jahren haben wir bei RWE einen neuen Kurs mit der Entwicklung von Innovationen eingeschlagen. Das Thema steht auf der Managementagenda ganz oben. Mit der Gründung des Innovation Hubs, haben wir bei RWE ein Team gebildet, das sich ganz auf Innovation und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle konzentriert.

Wie stellen Sie sicher, dass der IT-Bereich einen wesentlichen Beitrag zur Digitali­sierung in Ihrem Unternehmen leistet?

Allen Beteiligten ist klar, dass es ohne IT keine Innovation geben wird. Umgekehrt ist mir und der IT klar, dass Innovation, insbesondere in der Energiewende, ein zentrales Thema sein muss. Ich versuche neue IT Konzepte zu pilotieren, damit das IT-Team und die Anwender daraus lernen können. So haben wir uns schon im Frühjahr 2012 mit E-Mail als ein Cloud-Service beschäftigt und haben das auch sehr erfolgreich konzernweit eingeführt. Sollten jetzt z.B. Energie-Cloud-Services kommen, so sind diese Art der IT Services der IT-Organisation bekannt.

Welche Methoden und Tools verwenden Sie um die Innovationkraft Ihres Unternehmen und des IT-Bereichs zu stärken?

Wir haben in der IT ein Domain-Management eingeführt. Eine wesentliche Aufgabe dabei ist es, die Innovation in der Domain zu analysieren und zu kennen. Wir arbeiten im Innovation Board und im Innovation Hub mit. Wir haben regelmäßig IT-Technologie-Austausch mit den CTOs unserer strategischen IT-Serviceprovider. Die IT hat ein dezidiertes IT-Innovationsbudget.

Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle als CIO im Rahmen der digitalen Transformation?

Der CIO muss die jeweilige Situation im Unternehmen und in der Branche verstehen; RWE ist nicht vergleichbar mit IT-Unternehmen wie z.B. SAP, Microsoft, oder Google. Entsprechend habe ich die Managementstrukturen (Kompetenz, P&L-Verantwortung, Legale- und Funktionale Verantwortung) und die Marktsituation, d.h. die Energiewende zu beachten. Wichtig ist, dass man eine WIN-WIN-Situation im Management erzeugt. Damit meine ich, dass IT zur Transformation in allen Phasen der Innovation positiv und konstruktiv beiträgt.

Bei der digitalen Transformation kommt spätestens bei der Umsetzung und beim Betrieb der IT und dem CIO eine wichtige Rolle zu. Ab einem Zeitpunkt zählt die Umsetzung vieler guter innovativer Konzepte und Systeme. Deshalb ist eine IT-Architektur/ein Architekturkonzept als wesentlicher Input des CIOs für die Innovation so bedeutend. Können wir das testen? Können wir das betreiben? Ist das compliant? Haben wir die Kompetenz im Hause? Wie werden die TCOs sein? Wie sollen wir das sourcen? usw. Das sind die Fragen, die der CIO mit der IT zu beantworten hat.