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Big Brother hört zu: Software gegen Versicherungsbetrug

17.05.2004

Europäische Versicherungsunternehmen setzen verstärkt auf Software, um Betrügern auf die Schliche zu kommen, berichtet das "Wall Street Journal". Demnach prüft die britische Halifax General Insurance ab sofort alle eingereichten Ersatzansprüche aus Diebstählen anhand einer Stimmanalyse des Anzeigenden". Die britischen Dependencen der deutschen Allianz und der Schweizer Zurich Financial Services haben im März mit Pilotversuchen in Sachen "Voice-Risk Analysis" begonnen.

Die eingesetzte Software ermittelt Schwankungen in der Stimme eines Anrufers und leitet daraus ab, ob die Person unsicher, angespannt oder ängstlich ist. Mit Hilfe der Daten analysiert die Software, ob dem Anruf ein traumatisches Erlebnis wie zum Beispiel ein Einbruch vorangegangen sein kann.

Entwickelt wurde das System bereits Ende der 90er-Jahre vom israelischen Hersteller Nemesysco zu militärischen Zwecken. Im Unterschied zu herkömmlichen Lügendetektoren ist eine physische Verbindung zur betroffenen Person nicht notwendig, heißt es beim Hersteller. Demnach soll Voice-Risk Analysis die Wahrheit ohne Messung von Pulsschlag, Blutdruck oder Augenbewegungen herausfinden.

Das System besteht aus einer kleinen Monitoring-Einheit, die mit dem Telefon des Versicherungsmitarbeiters verbunden und an einen PC angeschlossen wird, auf dem die Software läuft. Die Lizenzgebühren liegen zwischen 15 und 35 Dollar pro analysiertem Anruf - abhängig davon, wie häufig die Software eingesetzt wird.

Bürgerrechtler kritisieren den Einsatz des Systems, der in Großbritannien legal ist, sofern Anrufer darauf hingewiesen werden. Für die Versicherungen scheint er sich indes auszuzahlen. Laut Donna Wilson, Unternehmenssprecherin der Halifax General Insurance, wurden zwölf Prozent der untersuchten Ersatzansprüche in betrügerischer Absicht eingereicht und teilweise vom Antragssteller selbst zurückgezogen. In den meisten Fällen seien die Versicherten zwar tatsächlich beraubt worden. Sie hätte jedoch versucht, wertvolle Gegenstände wie Digitalkameras, die gar nicht gestohlen worden waren, auf die Schadensliste zu schummeln.

Nach Angaben von Alan Haskins, Koordinator für Betrugsfälle bei der amerikanischen National Association of Insurance Commissioners in Washington D.C. interessieren sich auch mehrere große US-Versicherungen für die Sprach-Risiko-Analyse. Doch während der britische Autoversicherer Highway Insurance Holdings angibt, in den vergangenen 18 Monaten mit Hilfe des Systems rund 16 Prozent der theoretisch auszuzahlenden Versicherungssumme eingespart zu haben, weil knapp 20 Prozent aller angegebenen Autodiebstähle gar nicht stattgefunden hätten, zögern Konzerne in anderen Ländern, die Software zu verwenden. Ihr hänge der Geruch von George Orwells "Big-Brother"-Vision an, was sich schnell zu einem negativen Image für die Unternehmen auswirken könnte, die diese einsetzen, sagte James Quiggle von dem in New York ansässigen Industriekonsortium

Coalition Against Insurance Fraud. (lex)