Virtual Desktop Infrastructure

Betriebskosten der VDI - die große Unbekannte

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Eine Virtual Desktop Infrastructure (VDI) gilt als kostengünstige Alternative zu PCs oder Laptops mit lokaler Software. Zu Unrecht, wie Marktforscher herausgefunden haben. Günstigen Geräten und überschaubarem Management-Aufwand stehen hohe Struktur- und Betriebskosten gegenüber.

Im Gegensatz zur Server- und Speichervirtualisierung hat das Thema Virtual Desktop für IT-Entscheider offenbar keine Toppriorität. Das legen jedenfalls die Ergebnisse des diesjährigen "IT-Kompass" nahe, für den die COMPUTERWOCHE, das Marktforschungsunternehmen IDC und die IDG Marktforschung rund 200 CIOs und IT-Leiter nach ihren Plänen für das laufende Jahr befragt haben. Nur 23 Prozent haben eine Virtual Desktop Infrastructure (VDI) auf der To-do-Liste. Da regt sich der Verdacht, das Thema wäre bereits durch. Doch der relativiert sich beim Blick auf die Ergebnisse der vergangenen Jahre, als der Anteil sogar nur bei 20 Prozent lag.

Betriebskosten der VDI - die große Unbekannte
Betriebskosten der VDI - die große Unbekannte
Foto: Sergey Nivens - Fotolia.com

Das ist wenig angesichts der immer wieder publizierten Vorteile, die eine VDI dem Unternehmen bringen soll: weniger Lizenzkosten und Pflegeaufwand für die Software, flexibleres Arbeiten für die Anwender, besserer Schutz gegen Datenklau - die Liste lässt sich weiter fortsetzen. Dagegen sehen Desktops mit lokal installierter Software ziemlich alt aus. Und ziemlich teuer ebenfalls.

Auf einem Auge blind

Aber ist eine virtualisierte Desktop-Umgebung tatsächlich kostengünstiger als eine mit eigenständigen PCs? Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Forrester Research vertritt dazu eine eigene Meinung: In einer Studie aus dem vergangenen Jahr mahnt der Analyst David Johnson, genauer hinzusehen.

David K. Johnson, Analyst bei Forrester
David K. Johnson, Analyst bei Forrester
Foto: Forrester Research

Die TCO-Berechnungen (Total Cost of Ownership), wie die Anbieter sie gern vorlegen, sind seiner Ansicht nach auf einem Auge blind. Sie folgten fast alle demselben Muster, beschrieben detailliert die Lifecycle-Kosten in einer traditionellen PC-Umgebung und verschleierten die wirklichen Kosten, die eine VDI-unterstützende Infrastruktur verursache.

Die Untersuchung mit dem Titel "Hosted VirtualDesktops versus Physical PCs: Understanding The Operational Cost Differences" basiert, so Forrester Research, auf Interviews mit Architektur- und Infrastrukturexperten, die für einige der weltweit größten VDI-Umgebungen verantwortlich seien. Den Ergebnissen zufolge haben nur wenige Unternehmen eine klare Vorstellung davon, was eigentlich zu einer VDI-Umgebunggehört und wie sich das auf die Kostenbilanz auswirkt. Ein großer Teil der Befragten räumte ein, es sei schwierig, verlässliche Informationen über die operationalen Kosten zu bekommen.

Aus der Sicht von Forrester sind die Komplexität eines VDI-Systems und die Opfer, die Anwender dafür bringen müssen, wichtige Faktoren, die es zu betrachten gelte. Folgende fünf Punkte müssten die für Infastruktur und Operations (I+O) Verantwortlichen ins Kalkül ziehen, wenn sie wirklich kompetent über die VDI-Kosten urteilten wollten.

1. Für die Anwender bleibt keineswegs alles beim Alten.

Zu den am weitesten verbreiteten Irrtümern gehört laut Forrester die Annahme, für den Anwender ändere sich nichts - oder höchstens etwas zum Besseren. Die Argumentation hört sich dann etwa so an: Wir geben unseren Anwendern einen flexibleren Zugriff und eine verlässlichere Desktop-Umgebung, denn die VDI-Umgebung erlaubt es ihnen, sich zu jeder Zeit und von überall mit jedem Device auf das System aufzuschalten. Und weil es sich um eine geschlossene Umgebung handelt, gibt es auch keine Malware-Probleme oder irgendwelche Anwendungs-Inkompatibilitäten.

Das alles sei nicht falsch, sagt Johnson, aber genauso richtig sei etwas anderes: Der Desktop, der zuvor nur Zentimeter von den Fingern der Anwender entfernt war und deshalb keine Latenzzeiten kannte, steht jetzt möglicherweise in einem Datenzentrum, das sich rund 4000 Kilometer entfernt befindet, weshalb die Verbindung bisweilen unter Performance-Schwäche leidet - oder auch schon mal ganz verloren geht, wenn das Netz nicht mitspielt. Der verfügbare Speicher beträgt nur noch einen Bruchteil des vorher genutzten. Zudem ist eine ganze Reihe von Anwendungsfällen in einer VDI-Umgebung nicht mehr darstellbar. Die strikte Definition von "Images" erlaubt es den Anwendern nicht mehr, die Software zu installieren, die sie brauchen, um produktiver zu sein etc.

2. Kostenverursacher verschwinden hinter der Komplexität

Die meisten I+O-Verantwortlichen verstehen mittlerweile gut, wie sich die Kosten für das Management physischer PCs zusammensetzen. Doch Forrester mahnt, eine VDI-Umgebung rufe neue Komponenten auf den Plan, mit deren Lifecycle-Kosten die IT-Profis oftmals weniger vertraut seien. Beispielsweise würden aus Performance-Gründen häufig SSD-Speicher-Arrays (Solid State Disk) und Speicheroptimierer, WAN-Optimierer oder ähnliches Equipment notwendig - vor allem in Großunternehmen. Diese Investitionen ließen sich direkt auf das VDI-System zurückführen und beeinflussten die Kostenbilanz nachhaltig, konstatiert Forrester. Aber in den gängigen Architekturvergleichen sei davon kaum die Rede.

3. Es gibt kein einheitliches Kostenmodell für alle User

Unterschiedliche Anwendergruppen haben ebenso unterschiedliche Ansprüche an das System - was zu divergierenden Kostenmodellen führt. Call-Center-Mitarbeiter, Aktienhändler oder auch Krankenhausärzte brauchen andere Zugriffsmöglichkeiten als Ingenieure, Vertriebsleute oder Grafikdesigner.

Die Form folgt der Funktion, wie es so schön heißt. Das VDI-System muss also jedem Anwender geben, was er für seine Produktivität benötigt. Hinzu kommen Business-Anforderungen wie Unterstützung für Videokonferenzen oder mobile Plattformen. So sehen Hardwareauswahl, Performance-Anforderungen und operationale Kosten in jedem einzelnen Fall verschieden aus.

4. Rundum-sorglos-Pakete sind Kompromisse

Einige Anbieter offerieren All-in-one-, Ende-zu-Ende- oder Appliance-Lösungen, die Hardware- und Software-Stacks kombinieren, um bestimmte Anwendungsfälle mit begrenzten Anforderungen zu unterstützen. Das hört sich gut an. Aber häufig leiden die Anwender später unter den auf den ersten Blick nicht sichtbaren Einschränkungen. Die entstehen, wenn ein System für eine bestimmte Umgebung und wenige Anwendungsfälle optimiert ist. Die Kompromisse werden evident, wenn der Kunde andere Anwendungen braucht oder bestimmte Komponenten erweitern möchte

5. Die Anbieter vergleichen Äpfel mit Birnen

Wie die VDI-Protagonisten auf der Anbieterseite bei ihrer Wertanalyse vorgehen, bekam Forrester von den VDI-Platzhirschen VMware und Citrix demonstriert. So habe VMware im Rahmen einer Konferenz ganz korrekt die versteckten Kosten eines PC-Lifecycle identifiziert, einschließlich solcher Faktoren wie OS-Provisioning und Application Testing, berichtet der Analyst Johnson. Leider habe der Anbieter es versäumt, dieselbe Akribie beim Aufdecken der VDI-Kosten aufzuwenden.

Citrix sei ähnlich vorgegangen, so die Analysten. Der Anbieter habe eine RoI-Analyse (Return on Investment) vorgestellt, dieweitgehend auf den Anschaffungskosten von Hardware und Software basierte, also die Betriebskosten der PCs und der VDI gar nicht berücksichtigte.

Forrester will den Anbietern nach eigenen Angaben keine schlechten Absichten unterstellen. Aber jede Untersuchung, die sich mit weniger als den kompletten Lifecycle-Kosten aller Komponenten zufriedengebe, resultiere in einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie tauge also keineswegs als belastbare Grundlage für einen Business Case.