Bessere Inhalte anstatt mehr Technik

31.05.2002
Trotz aller Vorteile hat sich E-Learning noch nicht richtig durchgesetzt. Nur etwa fünf Prozent aller deutschen Firmen setzen diese Form des Lernens ein. Die Gründe liegen einerseits in den vermeintlich hohen Kosten für die Einführung, andererseits mangelt es bei den Anwendern häufig an Akzeptanz. Von Uwe Kerrinnes*

Einer Studie der Unternehmensberatung KPMG zufolge machen nur wenige Anwender Gebrauch von den E-Learning-Angeboten ihres Unternehmens, obwohl allgemein ein hohes Interesse bekundet wird. Das verwundert kaum: Während die Frage nach der Qualität eines Lernangebots durchweg anhand des fertigen Produkts beantwortet wird, fragt man den Lernenden nur selten. Dabei würde er häufig anders urteilen: Er fühlt sich von der Technik oft überfordert oder kann aus dem Angebot keinen praktischen Nutzen ziehen. Studien zur Lernerperspektive gewinnen daher an Popularität. Hier geht es um die Frage: Was sind aus Lernersicht die Voraussetzungen für ein gutes Lernangebot?

Befragt man die Lerner, so gehören dazu ansprechende und verständliche Inhalte, eine Betreuung des Lernprozesses durch einen Tutor und eine Lernkultur innerhalb des Unternehmens, die Lernen honoriert. Die Lerninhalte müssen einen klaren Bezug zu dem jeweiligen Arbeitskontext aufweisen und anwendbar sein. Eine multimedial möglichst ausgefeilte Präsentation wird hingegen eher als zweitrangig bewertet. Aus Lernersicht würde häufig eine einfachere Variante des Programms ausreichen.

Zahlreiche E-Learning-Projekte scheitern allein aufgrund einer mangelhaften Kommunikation zwischen Entwicklern und Anbietern von Lernmedien auf der einen und den Lernern auf der anderen Seite. Der Deutsche Multimedia Verband (dmmv) und das Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben deshalb einen kontinuierlichen Dialog zwischen Produzenten und Nutzern gestartet. Die erste gemeinsame Tagung fand im vergangenen Dezember statt. Seit April 2002 hat die Initiative mit dem "Roundtable E-Learning" im Internet-Portal www.global-learning.de einen eigenen Bereich. Fragen nach einer nutzergerechten Gestaltung von Form und Inhalt, der didaktischen Qualität und den betrieblichen Rahmenbedingungen von E-Learning stehen im Mittelpunkt.

Lernende vorher mit einbeziehen

"Wir wollen diskutieren, wie die Akzeptanzprobleme und Qualitätsmängel überwunden werden können", sagt die Chefredakteurin des E-Learning-Portals Global Learning, Maria Koch. Neben Produzenten und Arbeitnehmervertretern versammeln sich Bildungsverantwortliche aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum Erfahrungsaustausch am virtuellen runden Tisch. Lernende vorher mit einbeziehen "Die Initiative wird von den E-Learning-Anbietern mit großem Interesse aufgenommen", stellt Mario Heller, Projektleiter beim DGB Bildungswerk in Düsseldorf, fest.

"Nachdem im vergangenen Jahr immer mehr teure und technisch aufwändige Projekte aufgrund fehlender Akzeptanz gegen die Wand gefahren sind, sehen die Personalverantwortlichen und die Entwickler mittlerweile ein, dass E-Learning erst dann zu größeren Erfolgen führt, wenn man den Lerner von vornherein einbezieht." In seinen Beratungsgesprächen, so Heller weiter, sei er immer wieder überrascht, wie wenig die Verantwortlichen in den Unternehmen über die tatsächlichen Ansprüche, Bedürfnisse und Motive der Lerner wüssten und in welch geringem Maß diese folglich in deren Konzepten berücksichtigt würden.

Auch die Universität Bielefeld geht der Frage nach der Qualität von Lernprogrammen aus Anwendersicht nach. Rund 2000 Lerner mit mindestens zehn Stunden Erfahrung im Online-Lernen erklärten sich zur Teilnahme an einer quantitativen Untersuchung bereit. Noch werten die Wissenschaftler die Studie aus, doch erste Ergebnisse aus einer qualitativen Vorstudie machen bereits eines deutlich: "Wir benötigen technologiegestützte Konzepte, nicht technologieorientierte", so Ulf Ehlers, der Leiter der Bielefelder Studie. "Ein Mehr an Technologie geht nicht zwangsläufig einher mit einer höheren Lernermotivation." Viel wichtiger seien die Qualität der Lerninhalte und die jeweilige Lernumgebung am Arbeitsplatz. Der Anwender wünsche sich vom Lernprogramm eine Hilfe in seiner aktuellen Situation. "Er will aus dem Programm einen konkreten Nutzen für seine alltägliche Arbeit ziehen. Die meisten Lerner wünschen deshalb eine Lernberatung vorab, die Auskunft über die Ziele des Lernprogramms, den Lernaufwand und die Lerndauer gibt", resümiert Ehlers.

E-Learner wünschen sich Tutoren

Auch die soziale Komponente ist von Bedeutung. Viele E-Learning-Maßnahmen sehen ein reines Selbstlernen ohne tutorielle Begleitung vor. Diese halten aber die meisten der Befragten für ebenso wichtig wie den Austausch mit anderen Teilnehmern, sei es über den direkten Kontakt oder über Chats. Das umso mehr, je länger sie Erfahrung mit E-Learning besitzen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Anwenderbefragung, die das E-Learning-Unternehmen webacad (www.webacad.de) im März startete. Befragt wurden etwa 100 E-Learning-Nutzer. Auch hier wieder die Feststellung: Obwohl E-Learning generell als sinnvoll erachtet wird, trüben in vielen Fällen eine schlechte inhaltliche Aufbereitung und technische Probleme den Gesamteindruck.

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