Bemerkungen zur arbeitenden Maschine

06.12.1985

Zum Anfang: unbekannt, ob es hier für oder wider den Computer geht. Unbekannt, ob meine Ausführungen als Lackmustest meiner Person begriffen werden; ob, in einem Wort,

"Computer ja oder nein" zur Glaubensfrage wird, in der Gesinnung angezeigt ist. Die einzigen Kriege, die uns übrigbleiben, sind Glaubenskriege. Bitte recht friedlich.

Mein Computer schaut aus wie eine Nähmaschine. Ich nenne ihn, mit ähnlicher Aussprache und neuem Wort: Neomaschine. Zärtlicher kann ich nicht werden, auch wenn nachts sein Bildschirm, ausgesteckt, matt im milden Mondlicht schimmert. Er war ein lieber Fetisch, jetzt stört mich seine plumpe Gestalt, aus dem Liebes- wurde ein Nützlichkeitsverhältnis. Darin heißt er bei mir "Der Hohe C".

Die Aura des Computers ist nachhaltig dadurch geschwärzt, daß er immer im Zusammenhang mit Fahndung auftaucht. Im weiteren Zusammenhang mit: Behörde, Registratur, gläserner Bürger, Übermittlung mit Lichtgeschwindigkeit, Existenz-, Geh-, Handlungs-, Gesundheits-, Leistungs-, Übertretungsprofilen. Der Staat hat sich mit einer Geschwindigkeit und Vehemenz auf den Computer geworfen, daß darin ein Staatsinstrument gesehen werden muß. Hier wurde - ich kenne näher nur den Schweizer Staat, will gar nicht von hier reden - dort wurde eine sonst schwerfällige und durch und durch beatmete Organisation auf geradezu überschäumende Weise flink und sorgte früh, nämlich als sich noch kein Bürgefürs Gerät interessierte, für ungleiche Spieße. Der Staat

interessiert sich für den Computer, weil er sich, zweifellos in guter, ja rührender Absicht, für uns interessiert. Prognose: Datenschutz und sonstige informationelle Selbstbestimmungsrechte werden bald der Vergangenheit angehören. Die einzige politische Instanz, die den Computer bisher verstanden hat, ist das Bundesverfassungsgericht; sein Einfluß in der Sache ist im Schwinden begriffen. Ich wage zu sagen: Die Neomaschine wird in Zukunft bei Wahlkämpfen nicht nur hochrechnen und Stimmen zählen wir werden sie auch als Thema erleben. Und das Fahndungssystem "Nadis" wird in Zukunft nicht mehr nur Hinweise, sondern ganze Kurztexte an den Abfragenden übermitteln. Kurztexte: was für eine Konkurrenz für den Schriftsteller! Dürften wir denn auch ein paar liefern?

Des Computers Welt ist nicht so beschaffen, daß er, der Weltenerzeuger, darin der Mittelpunkt wäre. Vom Computer aus gesehen ist die Welt nicht computero-zentrisch. Sie ist vermutlich zentrumslos, evakuiert-leer. Der Mensch lebt in einer unabdingbar anthropozentrischen Welt. Künstliche Intelligenz versteht alles, sie versteht nur nicht, was ein Mensch ist, obgleich sie ihn mit allen äußeren Daten erfassen kann. Treffen ein Mensch und ein Computer zusammen, sind die Aufgaben ungleich verteilt: Der Mensch, kraft seines Identifikationsbedürfnisses, stürzt sich in fieberhafte Suche danach, was wohl das Wesen des Gegenübers sein könnte; welches seine Stellung in einer anthropozentrischen Welt werden könnte. Auf der Gegenseite: Schweigen, Nichtdenken, absolute Ruhe, sogenannte "Emotionsfreiheit". Die menschliche Spezies, die mit diesen "Emotionsfreien" verkehrt, wäre nicht menschlich, würde sie nicht auch in dieser Ruhe, die ihr von der Maschine entgegenschlägt, eine Tugend sehen. Die Maschine wird anthropomorphisiert, sie kriegt Eigenschaften zugewiesen, die irgendwie mit dem Stempel der Moral in einem System Gut-Böse geprägt sind. Schlimmer noch: Der einfache psychologische Leitsatz, wonach Übertragungen um so heftiger erfolgen, je weniger Widerstand das Objekt entgegensetzt, kommt von zum Tragen: die Maschine verhält sich ruhig, der Mensch projiziert ungehindert in sie hinein.

Weizenbaums Sekretärinnen gestehen seinem Lebensberatungsprogramm "Eliza" ihre intimsten Geheimnisse und loben die therapeutische Geduld ihres Partners, der sie mit dem Screenauge anblickt und seine Hände als Tastatur flach auf dem Tisch ausstreckt. Gegen solche obszönen Beziehungen ist kein Kraut gewachsen, nicht zuletzt, weil auch Mitmachen in einem pornographischen Netz den Computer nicht bewegt.

Sicher ist soviel: daß die Fähigkeiten des Computers uns überall da, wo wir sie mit den unseren unmittelbar vergleichen können, beeindrucken. Aus unserer Erziehungsgeschichte schleicht sich eine moralische (mithin psychologische, mithin anthroprozentrische) Komponente ein. Wurde uns ein Rechenvorgang seinerzeit eingebleut, gerieten wir wegen unsauberer Manuskripte in Schwierigkeiten, so neigen wir dazu, jemanden oder etwas, dem in dieser Beziehung keine Fehler unterlaufen, für Weberei zu halten. Wir bewundern. Bewunderung ist ein psychologischer, anthropozentrischer Vorgang. Jede Gefühlsäußerung dem Computer gegenüber führt zu einer Katastrophe. Ist es möglich, gefühllos mit der Materie Sprache zu arbeitene Kaum. Es wird immer etwas auf den Computer überspringen. Aus eigener Erfahrung gesagt: mit der Zeit wird er uns selbstverständlich, oder unser Wille, uns selbst abzuschaffen und ihn an unsere Stelle zu setzen, wächst ins Unendliche. Zeitgenossen, die, ohne äußere Plastikform anzunehmen, bereits Maschinen ähneln, können vulgo als Zwangsneurotiker definiert werden. Der Computer ist ihr liebstes Spielgerät. Dafür kann er nichts. Daß wir es aber in Zukunft mit dem Mensch-Maschine-Kombinat "Totaldatei bedient von alleswissenwollendem Zwangsneurotiker" zu tun haben werden, scheint mir ausgemacht. Die zarten Ansätze künstlicher oder imitativer Intelligenz reichen dem Computer auf seiner Partnersuche bereits. Die Richtungen, erwünschten und bestimmt sehr haltbaren Ehen werden jetzt geschlossen. Indem wir hier über Kreativität debattieren, schieben wir den Computer von der Ebene eines Kontrollinstruments auf jene eines Findungsinstruments. Ich gehe davon aus, daß wir den Ehrgeiz haben, neue Ehen zu vermitteln; ich schätze, die werden wilder: es sind die eigentlichen.

Wird ein Gedanke von den ausführenden Organen allzu rasch ausgeführt, kriegt das gedankenerzeugende Organ Minderwertigkeitskomplexe und vergleicht die Geschwindigkeit der ausführenden Organe unwillkürlich mit der Langsamkeit, in der die Konzeption dieser Ausführung erbrütet werden mußte. Was am Denken ist eigentlich schnell, und was langsam? Wir sind zu blitzschnellen, gescheiten Reaktionen fähig, und wir sitzen dröge und zutiefst korrektionsunfähig vor vier lächerlichen Zeilen, die uns ungereimt erscheinen, ohne daß wir wissen warum. Eine Konzeption, die über den sogenannten "retten den Einfall" hinausgeht, ist immer langsam, will langsam sein; sie muß in jedem Fall auf dem ihr angemessenen Tempo beharren. Wird einmal so rasch konzipiert, wie mit dem Computer ausgeführt werden kann, bricht das Mensch-Maschine-System zusammen, und zwar an der Soll-Bruchstelle Mensch. Es bricht schon heute, denn ein überzeugendes Konzept, was mit der Neomaschine in freier Kreativität grundsätzlich anzustellen sei, hat bisher keiner der vielen hinter den Neomaschinen Sitzenden vorgelegt. Auf unsere bohrenden Fragen wird er uns eine komplette Liste, Hunderte von Seiten zum Fragenkomplex ausgedruckt vorlegen. Dies aber nützt uns nichts. Vorläufig scheint die Überzeugungskraft des Computers noch immer darin zu liegen, daß er jederzeit alles auflisten kann. Lautet heute die Stimmung unter den Menschen etwa: "Wir haben verdammt viele Probleme, aber die Computer werden's schon lösen", so weiß ich von meiner Neomaschine, daß es unter den Computern umgekehrt ist. Sie sagen: "Von uns Maschinen versteht kein Schwein, was wir da ständig ausdrucken, aber der Mensch wird schon was draus machen."