Bei SAP hängt der Haussegen schief

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Der Betriebsrat moniert schlecht funktionierende Prozesse im Personalwesen und fordert ein Programm, um wieder akzeptable Service-Levels zu gewährleisten.

Die Leistung der SAP in der Personaladministration hat sich drastisch verschlechtert, kritisiert der Betriebsrat der SAP Deutschland AG in einem Infobrief an die Mitarbeiter, der der COMPUTERWOCHE vorliegt. "SAP als Softwarehersteller hat mit Sicherheit die beste Software zur Unterstützung dieser Prozesse, doch die Umsetzung in der Organisation ist denkbar schlecht." Die Personalvertreter machen in erster Linie die mangelhaften Prozesse und Strukturen im Bereich Human Resources (HR) für die Probleme verantwortlich. Diese seien nicht den Anforderungen eines Betriebs mit mehreren tausend Beschäftigten gewachsen. Von der Geschäftsleitung fordert der Betriebsrat daher ein Recovery-Programm, um wieder für akzeptable HR-Service-Levels zu sorgen.

Es könne nicht wirtschaftlich sein, Anfragen nicht oder verspätet zu beantworten und dadurch im schlimmsten Fall die Kollegen gar zu frustrieren, bemängelt der Betriebsrat. Hier gehe es schließlich um die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern. Außerdem hingen derzeit noch rund 40 Prozent der Jahresbeurteilungen für 2007 unabgeschlossen im System, weil SAP das Tool für die Performance-Feedback-Dokumente wie geplant Ende März geschlossen habe. Trotz des Staus weigerten sich die zuständigen Manager aber, das Werkzeug wieder zu öffnen, monieren die Personalvertreter. Der Ausweg über einen papierbasierenden Prozess sei für ein hoch technisiertes und marktführendes Softwarehaus "tiefstpeinlich".

SAP will HR-Prozesse laufend verbessern

SAP-Manager weisen die Vorwürfe zurück. Die Gespräche zur Leistungsbeurteilung hätten wie geplant im ersten Quartal des Jahres stattgefunden, stellt Thomas Birnmeyer, Director Human Resources für SAP in Deutschland, klar. Es könne lediglich sein, dass das eine oder andere Dokument nicht fertig gestellt worden sei: "100 Prozent erreicht man in so einem Prozess nie." Birnmeyer zufolge gibt es immer Manager, die krank beziehungsweise nicht erreichbar sind oder in einer Reorganisation stecken. Es sei SAPs Bestreben, den Prozentsatz pünktlich abgeschlossener Vorgänge kontinuierlich zu erhöhen, beteuert der Manager. Das hänge aber weder an dem Prozess noch dem Tool. Vielmehr müssten alle Beteiligten ihre Informationen bis zu einem bestimmten Termin in das System einpflegen. Benchmarks hätten gezeigt, dass es drei bis fünf Jahre dauere, um eine Quote von 80 bis 90 Prozent zu erreichen. "Mehr schafft man auch nicht."

Doch die Unzufriedenheit in der SAP-Belegschaft hat noch andere Ursachen. Ein Insider, der namentlich nicht genannt werde möchte, verweist auf das Shared Service Center der SAP in Prag, das seit rund zwei Jahren einen Teil der HR-Prozesse abwickelt: "Hier hat es erhebliche Unregelmäßigkeiten gegeben." Das liege in erster Linie an der hohen Fluktuation der Mitarbeiter in Tschechien. Die meisten seien nach einem halben Jahr wieder weg.

Zündstoff birgt nach Angaben des Insiders auch das interne Talent-Management der SAP. Dabei geht es um die Kategorisierung der Mitarbeiter. Der SAP-Kenner berichtet von vier Klassen - den Top Talents (fünf Prozent), den High Potentials (zehn Prozent), den Achievern (80 Prozent) und den Improvern (fünf Prozent). Für Letztere werde ein besonderer Prozess gestartet. Dabei gehe es darum, den Mitarbeiter entweder auf das geforderte Leistungsniveau zu hieven oder sich von ihm zu trennen.

Es gibt keine "Improver" bei SAP

Volker Merk, Managing Director der SAP Deutschland AG: "Bei SAP werden keine Mitarbeiter aussortiert."
Volker Merk, Managing Director der SAP Deutschland AG: "Bei SAP werden keine Mitarbeiter aussortiert."

"Diese Aussage ist definitiv falsch", empört sich Volker Merk, Managing Director der SAP Deutschland AG. Es gebe zwar einen Performance-Prozess, in dessen Rahmen die Mitarbeiter beurteilt würden. Dabei werde natürlich auch mögliches Verbesserungspotenzial besprochen. "Aber es gibt keine Quote von Mitarbeitern, die aussortiert werden sollen." SAP biete den Kollegen vielmehr an, Defizite auszuräumen, ergänzt Birnmeyer. Das könne auch bedeuten, eine andere Rolle im Unternehmen auszufüllen. "Aber nicht im Sinne eines Exit. Die Kategorie Improver gibt es nicht."

Auch von Problemen im Shared Service Center in Prag will SAP nichts wissen. Es gebe zwar eine Mitarbeiterfluktuation von etwa 20 Prozent im Jahr, berichtet Karen Tobiasen, Vice President Human Resources in der Region Emea. "Das ist im Umfeld von Shared Service Center aber ein völlig normaler Wert und nicht besorgniserregend." Außerdem seien die Aufgaben zwischen Prag und Walldorf klar verteilt.

Bei SAP gärt es

Heribert Fieber, der auf Seiten der IG Metall die schwere Geburt des SAP-Betriebsrats begleitet hat, geht davon aus, dass sich die Belegschaft des Softwareanbieters künftig stärker zu Wort melden wird. Auch bei ihm schlügen mittlerweile Beschwerden von SAP-Mitarbeitern auf, berichtet der Gewerkschafter. Für die Personalvertretung werde es Zukunft vor allem darum gehen, das Vertrauen der SAP-Mitarbeiter zu gewinnen. Nach wie vor steht der Betriebsrat in dem Ruf, eher arbeitgeberfreundlich eingestellt zu sein. Wenn es um finanzielle Ungerechtigkeiten gehe, reagiere der Betriebsrat jedoch durchaus im Sinne der Belegschaft, relativiert Fieber. Generell sei allerdings einzuwenden, dass die Mitarbeiter in Walldorf durchweg schlecht informiert und oft auf sich allein gestellt seien.