Das Überleben sichern durch den Einstieg In andere Technologiebereiche:

Bei Kooperationen steht Kommunikation obenan

10.01.1986

MÜNCHEN (CW) - Veränderungen der Nachfrage durch neue Techniken und Anwendungsbereiche haben die DV-Anbieter zu strategischen Marktanpassungen gezwungen. Die vergangenen Monate waren von diesem Wandel gekennzeichnet. Um schnell genug reagieren zu können und auch die finanziellen Anstrengungen für Forschung und Entwicklung zu minimieren, heißt eine Lösung Kooperation - der zumeist wechselseitige Einstieg in ergänzende Technologiezweige.

Verstärkte Bemühungen zur Zusammenarbeit gehen seit einigen Monaten quer durch die Branche. Hierbei versuchten Hersteller der Telekommunikation Datenverarbeitung, Bürotechnik wie auch der Software sowohl auf vertikaler wie auf horizontaler Ebene miteinander ins Geschäft zu kommen. Selbst der Branchenjumbo IBM mußte die Erfahrung machen, daß auch er nur seine Position auf dem heißumkämpften Markt von morgen durch die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern bei Software- und Kommunikationsprodukten sichern kann.

Wer künftig beim Roulette um Marktanteile mitsetzen will, muß für Kunden sowohl bei der Informationstechnik als auch auf dem Sektor Kommunikation präsent sein. Es verwundert daher kaum, wenn die meisten Kooperationen der zurückliegenden Monate auf den Bereich Kommunikation abzielten, der 1985 mit etwa 116 Milliarden Mark rund 40 Prozent des DV-Marktvolumens in der Bundesrepublik ausmachen wird. Mit einem Anteil von rund 25 Prozent folgt die Datenverarbeitung.

Ein Kooperationsprodukt stellte die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) zur letzten Hannover-Messe vor. Zusammen mit IBM hatte sie einen Programm-Prototyp entwickelt, der einen Schritt in die OSI-Welt bedeutete. Diese Gemeinsamkeit wurde als "Forschungsprojekt" verkauft. Konzipiert war es erst einmal für den Textnachrichtenverbund zwischen dem europäischen Wissenschaftsnetz "Earn" und dem Deutschen Forschungsnetz (DFN).

Eine heftige Diskussion löste die Kooperation mit dem Ziel eines Joint-ventures zwischen der japanischen IBM-Tochter und Nippon Telegraph & Telephone (NTT) aus. Beide Unternehmen hatten im Mai eine gemeinsame Produktentwicklung, die Zusammenarbeit bei Marketingstrategien sowie den Austausch von Wissenschaftlern beschlossen. Das Miteinander bezog sich auf erweiterte Telekommunikationsdienste. Große japanische Konkurrenten wie NEC, Fujitsu und Hitachi fürchteten um gravierende Marktverschiebungen.

Daß IBM die Zeichen der Zeit erkannt hat und nunmehr gern auch ein Wörtchen in dem von ihr vernachlässigten Kommunikationsmarkt mitreden mochte, zeigt auch die Beteiligung an MCI, dem zweitgrößten amerikanischen Telefonweitverkehrs-Anbieter.

Gemeinsamkeit macht stark. Nach diesem Motto schlossen sich Siemens, CIT-Alcatel und Italtel zu einem ISDN-Konsortium zusammen, dem sich im Februar die britische Plessey anschloß. Ziel ist nicht nur die Entwicklung von Equipment, sondern auch die Erarbeitung der zweiten Generation von digitaler öffentlicher Vermittlungstechnik.

Zugang zu Software

Zugang zur Satellitenkommunikation schließlich verschaffte sich Mitte März der französische Staatskonzern Alcatel-Thomson durch eine Kooperation mit dem US-Unternehmen Fairchild. Nur wenige Wochen später folgte eine Kooperation zwischen Hewlett-Packard und 3M zur Entwicklung und Vermarktung von lokalen Breitband-Netzen in Verbindung mit den Rechnersystemen "HP 1000" und "HP 3000".

Gemeinsamkeiten, weniger aus Sympathie für den Mitbewerber als aus Überlebensgründen, standen ebenfalls in der Software-Branche hoch im Kurs. Eine enge Zusammenarbeit vereinbarten vor wenigen Wochen Nixdorf und Microsoft. Die Paderborner wollen künftig auf ihren Mikros das Betriebssystem MS-DOS der amerikanischen Softwareschmiede einsetzen. Erst zuvor hatten sich IBM und Mikrosoft auf eine gemeinsame Entwicklung von Betriebssystemen und Anwendersoftware für PCs geeinigt.

Spektakulär war nicht zuletzt die Software-Kooperation von Nixdorf, Bull, ICL, Philips, Olivetti und Siemens. Die europäischen Sechs einigten sich kurz vor Frühjahrsbeginn auf eine informelle Zusammenarbeit für eine Europa-Version des Betriebssystems "Unix V".

Das US-Softwarehaus Cullinet, eng verzahnt mit ADV/Orga in Wilhelmshaven, reichte im April Lotus Development die Hand. Beide Unternehmen wollen versuchen, das Information Management System (ICMS) für Mainframes von Cullinet mit der Lotus-Software für Mikros zu integrieren. Ebenfalls vor diesem Hintergrund starteten Ashton-Tate und die Software AG eine Kooperation.

Ein Abkommen für die gemeinsame Vermarktung von drei seiner Softwareprodukte unterschrieb Cincom mit Digital Equipment (DEC) im August. Diese Programme - Mantis, Ultra und MRSP - laufen auf VAX-Systemen. Anfang vergangenen Monats gab HP schließlich eine Zusammenarbeit mit mehreren Unternehmen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) bekannt.

Bei den Kooperationen im Chip- und Bauelementebereich ist die herausragendste wohl jene zwischen Siemens und Toshiba, Nachdem der Münchner Konzern bei der Entwicklung des 1-Megabit-Chips offensichtlich in die Bredouille kam, verschaffte er sich durch eine Zusammenarbeit mit den Japanern Zugang zum Know-how der CMOS-Technologie.

Intel und Microsoft vereinbarten gemeinsam Modifikationen von Intels "Above Board" zu entwickeln, so daß diese Karte im IBM PC auch in Multitasking-Umgebung mit dem 1986 erwarteten Betriebssystem MS-DOS 4.0 eingesetzt werden kann. Siemens und Western Digital entschieden sich schließlich für die Entwicklung eines Token-Bus-Protokollbausteins für industrielle LAN-Anwendungen.

Im Oktober bewegte eine Kooperation im Hardware-Bereich die Gemüter: BASF/Nixdorf. Der deutsche Computerbauer aus Paderborn rundete seine Rechnerserie 8890 durch Hitachi-Modelle nach oben ab. Bezugsquelle: die BASF. Ein geschienter Schachzug öffnet Siemens mit seinen PCs vor kurzem den Weg in den bisher unerreichten Mittelstand. So schlossen die Münchner ein Vertriebsabkommen mit der Stuttgarter Taylorix, die im Markt mittelständischer Unternehmen zu Hause ist.

Eine Kooperation mit Stratus Computer sicherte IBM exklusive weltweite Vertriebsrechte für fehlertolerante Stratus-Systeme. Um das Produktspektrum durch einen tragbaren Computer zu ergänzen, wurde sich Ericsson mit Matsushita einig. Die Japaner verfügten über die notwendigen Kapazitäten, die den Schweden für diese Produktion fehlten.