Förderung von Startups mit Schwerpunkt Digitalisierung

Bayern will Eldorado für IT-Gründer werden

Jürgen Mauerer betreibt als freier Journalist ein Redaktionsbüro in München.
Die Bayerische Staatsregierung will den Freistaat zum Gründerland Nummer 1 in Deutschland machen, auch bei Startups mit Schwerpunkt IT und Digitalisierung. Dazu hat die Regierung ein umfangreiches Förderpaket geschnürt. Die Maßnahmen reichen von Businessplan-Wettbewerben, vernetzten Gründerzentren über Coaching bis hin zur Finanzierung und Hilfe bei der Suche nach Investoren.

Thomas Fickert ist ein digitaler Startup-Veteran. Bereits während seines Informatikstudiums Mitte der 80er Jahre gründete er seine erste IT Firma. Später folgten Agenturen im Bereich Interactive Media, Online und Mobile. Im Juli 2013 startete er zuletzt gemeinsam mit zwei Partnern Dexperio, eine "Agentur für innovative digitale Erlebnisse". Das Unternehmen bietet Lösungen, Services und Produkte mit dem Schwerpunkt Virtual- und Augmented Reality sowie 360 Grad Videos.

Zum Portfolio zählen etwa das POINTAR Cardboard, mit dem sich Smartphones einfach in kostengünstige VR-Headsets verwandeln lassen, oder die "Virtual Boxing Challenge", einem Game-Prototypen, bei dem die Spieler mit Hilfe eines VR-Headsets und einer Gestensteuerung in die Rolle eines Boxers schlüpfen und in einer virtuellen Arena gegen einen Box-Profi kämpfen. "Für die Darstellung des Boxers konnten wir den mehrfache Kickbox-Weltmeister Dardan Morina gewinnen. Das auf ihm basierende, realitätsnahe 3D-Modell erzeugten wir mit Hilfe eines speziellen 3D Full-Body Scans, seine Bewegungen nahmen wir mit Hilfe von Motion-Capturing Techniken auf", erklärt Fickert.

Gleich kommt der linke Haken: Bei der „Virtual Boxing Challenge“ schlüpfen Spieler mit Hilfe eines VR-Headsets und einer Gestensteuerung in die Rolle eines Boxers und kämpfen in einer virtuellen Arena gegen einen Box-Profi.
Gleich kommt der linke Haken: Bei der „Virtual Boxing Challenge“ schlüpfen Spieler mit Hilfe eines VR-Headsets und einer Gestensteuerung in die Rolle eines Boxers und kämpfen in einer virtuellen Arena gegen einen Box-Profi.
Foto: DEXPERIO

Für die Entwicklung des Prototypen erhielt Dexperio Fördergelder vom Games Bereich des Film-Fernseh-Fonds Bayern, zu dessen Gesellschaftern auch der Freistaat Bayern gehört. Wird für die Weiterentwicklung des Spiels in den nächsten fünf Jahren ein Publisher gefunden, das Spiel veröffentlicht sowie kommerziell erfolgreich, muss Dexperio das Darlehen anteilig zurückzahlen. Floppt das Spiel, entfällt die Rückzahlung. "Das Risiko für uns hält sich daher in Grenzen. Damit ist die Games-Förderung eine wichtige Unterstützung für eine junge Firma", freut sich Fickert. Im Vergleich zu den 1990er-Jahren biete Bayern mittlerweile viele Förderprogramme insbesondere für die erste Phase der Gründung.

Virtuelles Brett vorm Kopf: Das POINTAR Cardboard von DEXPERIO verwandelt Smartphones ganz einfach in kostengünstige VR-Headsets.
Virtuelles Brett vorm Kopf: Das POINTAR Cardboard von DEXPERIO verwandelt Smartphones ganz einfach in kostengünstige VR-Headsets.
Foto: DEXPERIO

Umfangreiches Förderangebot

Ein Blick auf die Website des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie oder die Seite www.gruenderland.bayern zeigt die Fülle des Angebots. Die Palette reicht vom Bayerisches Programm zur Förderung technologieorientierter Unternehmensgründungen (BayTOU) über die Initiative Gründer 50+ bis hin zum Programm FLÜGGE, das die Existenzgründung rund um technologische Innovationen aus Universitäten heraus fördert.

Zentrale Anlaufstelle und Klammer für die Förderung von Existenzgründungen im Wirtschaftsministerium ist die 2014 gestartete Initiative "Gründerland Bayern". "Mit dieser Initiative wollen wir im Freistaat die Rahmenbedingungen für Existenzgründungen weiter verbessern, die Gründerdynamik nachhaltig steigern und Bayern so zum Gründerland Nummer eins machen", erläutert Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die Initiative umfasst laut Aigner ein "umfangreiches Maßnahmenbündel" zur Förderung der Existenzgründer. Dazu gehörten Business-Plan-Wettbewerbe, Gründerzentren, Coaching, eine engmaschigere Vernetzung, bessere Finanzierungsangebote, stärkere Internationalisierung sowie eine gezielte Förderung von Startups aus der digitalen Wirtschaft.

Vernetzung mit Investoren

Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Maßnahmen spielt BayStartUP. Das jeweils zur Hälfte von Sponsoren aus der Industrie und dem Wirtschaftsministerium finanzierte und von zwei Fördervereinen getragene Unternehmen ging im Herbst 2014 aus dem Netzwerk Nordbayern und Evobis hervor. BayStartUP richtet die bayerischen Business-Plan Wettbewerbe aus, bietet Workshops und Coaching und organisiert vor allem eines der größten Finanzierungsnetzwerke in Deutschland.

Das Unternehmen selbst verfügt über kein eigenes Risikokapital, ist aber mit der nationalen und auch internationalen Investoren-Szene gut vernetzt. "Wir vermitteln den Kontakt zu rund 200 Business Angels, sprich privaten Investoren, sowie etwa 100 institutionellen Investoren. Bei letzteren spielen sowohl private Venture-Capital-Unternehmen als auch die öffentlichen Investoren wie Bayern Kapital, die LfA Förderbank Bayern, der High-Tech Gründerfonds und die KfW eine große Rolle", betont Carsten Rudolph, Geschäftsführer der BayStartUP GmbH. "Da wir aus unseren langjährigen Kontakten die Präferenzen der einzelnen Investoren kennen, bringen wir sie mit den passenden Startups zusammen."

Carsten Rudolph, Geschäftsführer der BayStartUP GmbH: „Wir vermitteln den Gründern in Bayern Kontakt zu rund 200 Business Angels, sprich privaten Investoren, sowie etwa 100 institutionellen Investoren. Da wir die Präferenzen der einzelnen Investoren kennen, bringen wir sie mit den passenden Startups zusammen.“
Carsten Rudolph, Geschäftsführer der BayStartUP GmbH: „Wir vermitteln den Gründern in Bayern Kontakt zu rund 200 Business Angels, sprich privaten Investoren, sowie etwa 100 institutionellen Investoren. Da wir die Präferenzen der einzelnen Investoren kennen, bringen wir sie mit den passenden Startups zusammen.“
Foto: BayStartUP

Die investierten Summen jedenfalls steigen. Während die von BayStartUP vermittelten Investoren 2014 in 41 Unternehmen rund 25 Millionen Euro investierten, finanzierten sie 2015 bereits 49 Unternehmen mit insgesamt 38 Millionen Euro. Die Höhe der Summen pro Unternehmen bewegte sich laut Rudolph in einer Spanne zwischen 200.000 und bis zu vier Millionen Euro. "Auch die Maßnahmen der Regierung zur Gründungsförderung greifen. Ich bin optimistisch, dass die Erfolgsgeschichte weitergeht. Wir merken das bereits jetzt an steigendem Interesse der Gründer. Für uns bleibt die Herausforderung, alle qualitativ hochwertig zu betreuen", sagt Rudolph.

BayStartUP ist offen für alle Gründer aus Bayern und betreut Unternehmen von der Phase vor der Gründung bis zu fünf Jahren nach der Gründung. "Wir sehen im Schnitt etwa 600 Startups pro Jahr, davon derzeit rund 50 Prozent aus dem IT-Bereich mit Themen wie Softwareentwicklung oder Web-basierenden Lösungen", so Rudolph. Derzeit betreut BayStartUP in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gründerzentren mehr als 300 Startups pro Jahr.

WERK1 in München als Blaupause für Gründerzentren

Eines dieser Gründerzentren ist das Werk1 in München, in dem auch Dexperio untergekommen ist. Das Werk1 ist nicht irgendein beliebiges Gründerzentrum, sondern gilt dem Bayerischen Wirtschaftsministerium zufolge als "Blaupause für Gründerzentren in Bayern mit Schwerpunkt Digitalisierung". Derzeit beherbergt das im März 2013 eröffnete Gründerzentrum eine GmbH mit den Teilhabern Freistaat Bayern, Stadt und Landkreis München sowie Pro Sieben SAT1 und 36 Unternehmen mit einer Größe von zwei bis 25 Mitarbeitern.

Im Kontakt mit Gründern: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner beim Besuch im WERK1 in München, das als „Blaupause für Gründerzentren in Bayern mit Schwerpunkt Digitalisierung“ gilt. Zweiter von links ist Werk1-Geschäftsführer Franz Glatz.
Im Kontakt mit Gründern: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner beim Besuch im WERK1 in München, das als „Blaupause für Gründerzentren in Bayern mit Schwerpunkt Digitalisierung“ gilt. Zweiter von links ist Werk1-Geschäftsführer Franz Glatz.
Foto: WERK1

"Unsere Zielgruppe sind Startups mit skalierbaren digitalen Geschäftsmodellen, die auf dem Internet und digitalen Prozessen basieren. Skalierbar heißt: Am Anfang stehen Investitionen etwa in Strukturen, eine Software-Engine oder Algorithmen, die aber später ohne großen Mehraufwand zu überproportional hohen Umsätzen führen", erläutert Franz Glatz, Geschäftsführer des Werk1 und langjähriger Geschäftsführer des Gate Garching, eines bekannten Gründerzentrums mit Schwerpunkt auf IT und Mechatronik.

Bei der Auswahl der Unternehmen achten Franz Glatz und seine Kollegen auf drei Kriterien:

  • 1. das digitale Geschäftsmodell;

  • 2. den Stand der Finanzierung (sucht das Unternehmen Investoren und benötigt Hilfe?) und

  • 3. die Persönlichkeit der Gründer. "Aus unserer langjährigen Erfahrung erkennen wir schnell, ob das Geschäftsmodell tragbar ist und vor allem die Gründerteams die notwendige Unternehmerpersönlichkeit mitbringen", so Glatz.

Startups schließen nach einer Zusage für die benötigten Räume einen günstigen Mietvertrag mit Komplettservice für die (IT-)Infrastruktur unter dem standortüblichen Niveau ab. Die Räumlichkeiten sind sofort verfügbar und dank kurzer, flexibler Kündigungsfristen schnell zu erweitern oder zu verkleinern. Doch die günstigen Räumlichkeiten alleine machen das Werk1 nicht zur Blaupause für andere Gründerzentren.

DEXPERIO-Gründer Thomas Fickert (hinten links): „Im Vergleich zu den 1990er-Jahren bietet Bayern mittlerweile viele Förderprogramme insbesondere für die erste Phase der Gründung. Startups müssen aus den vielen Optionen das passende Angebot für sich finden.“
DEXPERIO-Gründer Thomas Fickert (hinten links): „Im Vergleich zu den 1990er-Jahren bietet Bayern mittlerweile viele Förderprogramme insbesondere für die erste Phase der Gründung. Startups müssen aus den vielen Optionen das passende Angebot für sich finden.“
Foto: DEXPERIO

"Wir haben unser Konzept an die Bedürfnisse der Gründer angepasst und wollen ein Ökosystem schaffen, in dem sie sich auf kurzen Wegen mit anderen Gründern aus der digitalen Wirtschaft, Coaches und natürlich auch Investoren vernetzen können", erläutert Glatz. Dazu bietet das Werk1 einen Empfang mit angeschlossenem Café als Treffpunkt, eine offene Event-Fläche für Vorträge von externen Experten, Hackathons oder Pitch-Events. "Hier präsentieren fünf Startups ihre Ideen und Geschäftsmodelle vor einer Jury, die aus Investoren besteht", so Glatz. Auch Großkonzerne veranstalten dort Workshops mit den Startups, um Innovationen zu fördern.

Munich Start Up-Demo Night

Ein weitere Veranstaltung ist die Munich Start Up-Demo Night, die das Werk1 gemeinsam mit BayStartUP ins Leben gerufen hat. 50 StartUps aus Südbayern stellen hier wie auf einer Messe ihre bereits funktionsfähigen Produkte/Services oder Online-Plattformen vor. Letztes Jahr bewarben sich 120 Startups um die 50 Plätze, insgesamt kamen rund 800 Besucher. "Die Startups präsentieren hier ihre Idee, können sich gegenseitig helfen, lernen aus Fehlern der anderen und knüpfen vor allem wertvolle Kontakte zu Investoren", erzählt Glatz. Letzteres wird auch durch die enge Verbindung mit BayStartUP möglich, deren Experten die im Werk1 angesiedelten Firmen zwei Tage pro Woche coachen.

Im Schaufenster: Auf der Munich Start Up-Demo Night stellen 50 Startups aus Südbayern wie auf einer Messe ihre bereits funktionsfähigen Produkte/Services oder Online-Plattformen vor und knüpfen wertvolle Kontakte zu Investoren.
Im Schaufenster: Auf der Munich Start Up-Demo Night stellen 50 Startups aus Südbayern wie auf einer Messe ihre bereits funktionsfähigen Produkte/Services oder Online-Plattformen vor und knüpfen wertvolle Kontakte zu Investoren.
Foto: BayStartUP

Auch Dexperio wurde über das Werk1 auf die Förderung des Film-Fernseh-Fonds Bayern für lokale Spieleentwickler aufmerksam. Mit der Situation im Werk1 ist Gründer Fickert zufrieden: "Das Werk1 bietet uns durch Kontakte zu Gleichgesinnten aus der digitalen Wirtschaft, Coaching und dem offenen Netzwerk ein hervorragendes Umfeld. Wir wollen daher solange bleiben, wie wir dürfen."