Warum IT-Profis zurückkehren

Bayern rollt Fachkräften den roten Teppich aus

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Unternehmen profitieren von IT-Experten mit Auslandserfahrung. Der Freistaat Bayern räumt für Rückkehrer Hindernisse aus dem Weg.

Langsam gewöhnt sich Familie Kache an das Leben in Bayern. Nach 13 Jahren in den Vereinigten Staaten zog das Ehepaar mit seinen beiden Kindern vorigen Sommer nach München. "Der Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren, war von Anfang an da", erinnert sich Holger Kache, der schon während des Informatikstudiums ein Praktikum im Silicon Valley absolviert hatte. Aus den geplanten sechs Monaten wurde ein Jahr. "Meine Diplomarbeit habe ich in den USA geschrieben und anschließend einen Arbeitsvertrag bei IBM erhalten", erzählt der 37-Jährige. Seine Frau Antje erwarb an der Westküste einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaft und arbeitete dann im Steuer- und Investment-Umfeld. Nach zehn Jahren im Silicon Valley zog die Familie nach Seattle, wo Antje Kache einen interessanten Job antreten konnte.

Die Initiative "Return to Bavaria" des Wirtschaftsministeriums unterstützt rückkehrwillige IT-Profis.
Die Initiative "Return to Bavaria" des Wirtschaftsministeriums unterstützt rückkehrwillige IT-Profis.
Foto: photocrew - Fotolia.com

Ehemann Holger hielt indes seinem Arbeitgeber IBM die Treue. Schon in Kalifornien führte er ein internationales Team von Softwareentwicklern, das rund um den Globus verteilt am selben Produkt tüftelte. Der Umzug nach München änderte wenig am Arbeitsalltag von Kache: "Ich arbeite immer noch mit denselben Kollegen und Managern wie in den USA." Der Informatiker managt heute alles vom Home Office aus und fährt nur alle zwei Wochen für einen Tag nach Stuttgart ins IBM-Büro. Auch Antje Kache hatte Glück: Im Münchner Büro ihres amerikanischen Arbeitgebers wurde eine Ganztagsstelle frei.

Weißwürste mit Brezen und guten Jobs

In ihren Umzugsplänen unterstützt wurde die Familie von der Initiative "Return to Bavaria". Das Bayerische Wirtschaftsministerium hatte sie 2012 unter der Leitung des damaligen Wirtschaftsministers Martin Zeil (FDP) ins Leben gerufen. Das am Münchner Marienplatz angesiedelte Büro berät Rückkehrwillige in Alltags- und Jobfragen, öffnet Türen zu Unternehmen und weiß um die Kniffe des Bewerbungsprozesses. Kerstin Dübner-Gee und Gerlinde Baumer beraten Interessenten telefonisch, per Mail oder via Skype. Sie selbst reisen viel und stellten das Programm im vergangenen Jahr in den Zielländern Kanada, Australien, den Vereinigten Staaten, Norwegen, Großbritannien, Österreich und der Schweiz vor. Dort organisieren sie bayerische Abende mit Brezen und Weißwürsten - und skizzieren die Perspektiven am hiesigen Arbeitsmarkt. Aber sind Informationsabende in Österreich und der Schweiz wirklich nötig? "In Zürich kamen 100 Interessierte und 20 Medienvertreter zu unserem Vortrag ", erinnert sich Dübner-Gee. Die Initiative traf einen Nerv, zumal in der Schweiz nach der Volksabstimmung über die Beschränkung der Zuwanderung auch Ressentiments gegenüber deutschen Gastarbeitern laut geworden waren.

Thomas Müller (Name geändert) war 2005 "aus einer Laune heraus" mit seiner Freundin von Köln nach Zürich gezogen: "Es ist zwar schön, hier zu leben und das tolle Freizeitangebot zu genießen, und unsere zwei kleinen Kinder öffnen uns Türen. Doch die Schweizer sind sehr verschlossen. Es ist schwer, hier Freunde zu finden." Der Verdienst sei hoch, die Lebenshaltungskosten aber auch. "Unsere Kinder gehen zwei Tage in der Woche in die Kita, wofür wir 1650 Euro im Monat bezahlen", rechnet Müller vor. Der Schweizer Arbeitsmarkt bietet für den SAP-Berater viele Optionen, doch nach acht Jahren im Ausland möchte die Familie zurück nach Bayern. "Wir wollten gerne nach Würzburg ziehen, weil dort meine Familie lebt", sagt Müller, der auf die Initiative Return to Bavaria über die Veranstaltung in Zürich aufmerksam geworden war. Zunächst begann er selbst in Jobbörsen nach einer passenden Stelle zu suchen. Doch schnell war klar, dass viele Inserate veraltet oder nichtssagend waren. Schließlich wandte sich der SAP-Berater im vergangenen Herbst an einen Personalberater, der bald zwei interessante Angebote parat hatte.

Seinen künftigen Job in einem Konzern bezeichnet Müller als Chance. Mit seiner Berufs- und Auslandserfahrung im Finanz- und Bankensektor bringt er viele Pluspunkte mit: "Das war mein bestes Vorstellungsgespräch, die Chemie stimmte, und das Angebot passte zu meinen Vorstellungen." Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es. Nach der Geburt der Tochter hatte der SAP-Mann in der Schweiz seine Arbeitswoche auf vier Tage und 80 Prozent seiner Arbeitszeit reduziert. Sein neuer Arbeitgeber verlangt aber Vollzeit. Im Frühjahr ziehen die Müllers nach Franken, ein geeignetes Haus zur Miete haben sie schon gefunden, Kita- und Kindergartenplatz ebenfalls.

Netzwerk für Expatriates

Return to Bavaria ist heute bereits ein richtiges Netzwerk, in dem sich auch Unternehmen engagieren. So zum Beispiel das 2009 gegründete Startup CaptchaAd, das Kontakte zu berufserfahrenen IT-Experten mit Auslandserfahrung sucht. Besonders USA-Rückkehrer interessieren die Gründer, die momentan 15 Mitarbeiter beschäftigen und sich auf die Vermarktung von Bewegtbildern konzentrieren. "Unsere Konkurrenz sitzt in den USA", sagt Geschäftsführer und Gründer Jan Philipp Hinrichs. Bis Ende des Jahres möchte die Firma mit Büro in der Münchner Innenstadt wachsen und dann 20, vielleicht sogar 30 Angestellte haben. Auf einer Veranstaltung für Rückkehrer im April 2013 warb CaptchaAd mit einem eigenen Stand für sich. "Wir haben einige Gespräche geführt. Manche Interessenten überlegen noch, ob sie wirklich nach Deutschland zurückkommen möchten", sagt Hinrichs.

Pragmatismus kontra Perfektion

Holger und Antje Kache vergleichen immer noch die Lebens- und Arbeitswelten in den Vereinigten Staaten und Deutschland. "Unternehmen in den USA arbeiten pragmatischer und strategischer. In Deutschland gibt es weniger Freiraum, vieles ist reguliert und reglementiert", fällt dem Informatiker auf. "Meine amerikanischen Kollegen neckten mich mit dem Spruch ,Holger, wir wollen kein perfektes deutsches Auto bauen, sondern ein funktionierendes Produkt auf den Markt bringen.` Seit ich wieder in Deutschland lebe, verstehe ich noch besser, was sie damit meinen", gibt Kache lachend zu. Momentan sucht der Informatiker mit internationaler Berufserfahrung und doppelter Staatsbürgerschaft keinen neuen Job. Doch wenn sich etwas Passendes fände und er seine Qualifikationen aus beiden Welten verbinden könnte, wäre das für ihn eine Überlegung wert. (am)

Die meisten Rückkehrer sind hochqualifiziert

Kerstin Dübner-Gee, Leiterin der Beratungsstelle "Return to Bavaria", über die Gründe, warum IT-Profis und andere Expatriates in Deutschland arbeiten wollen.

Kerstin Dübner-Gee leitet die Beratungsstselle "Return to Bavaria" (www.work-in-bavaria.de).
Kerstin Dübner-Gee leitet die Beratungsstselle "Return to Bavaria" (www.work-in-bavaria.de).
Foto: Return to Bavaria

CW: Wer wendet sich an Ihr Büro, und was sind die häufigsten Fragen?

Dübner-Gee: 65 Prozent der Rückkehrwilligen sind Ehepaare. Meistens sind beide berufstätig und hochqualifiziert. Unter ihnen sind viele Ingenieure und IT-Experten. Sie sind während oder nach dem Studium ins Ausland gegangen. Heute fehlt ihnen ein berufliches Netzwerk in Deutschland. Die meisten kommen aus privaten Gründen zurück, etwa weil sie näher bei ihrer Familie leben möchten, ein Haus erben oder ihre Kinder hier zur Schule gehen sollen.

CW: Mit welchen Fragen wenden sich Expatriates an Sie?

Dübner-Gee: Viele holen sich Tipps für die Bewerbung, andere sind unsicher, welche Chancen sie auf dem Arbeitsmarkt haben. Aber auch Themen wie Krankenversicherung, Rente oder Kinderbetreuung sind wichtig.

CW: Wie viel Zeit sollten Rückkehrwillige von der Idee bis zum Umzug einplanen?

Dübner-Gee: Wir empfehlen mindestens sechs Monate, um sich nicht unter Druck zu setzen.