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Bangkoks Krisenreporter setzen auf YouTube und Twitter

20.05.2010
Inmitten des Chaos auf Bangkoks Straßen durch die monatelangen Proteste müssen auch krisenerprobte Medienmacher zu neuen Methoden greifen.
Neue Kommunikationstechniken ergänzen in der Thailand-Krise die etablierten Medien.
Neue Kommunikationstechniken ergänzen in der Thailand-Krise die etablierten Medien.

Ein deutscher Kameramann überspielt sein neuestes Live-Material direkt vom Laptop auf den TV-Satelliten - während er vor einer Barrikade der oppositionellen Rothemden auf dem Gehweg hockt. Ein Blogger aus Kanada hält die Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Soldaten per Video fest - statt der üblichen 1000 bis 2000 Zugriffe "ziehen" seine Beiträge auf dem Internet-Videoportal YouTube plötzlich 300.000 Klicks. Ein US-Fernsehproduzent bleibt dem stündlich wechselnden Geschehen nicht zu Fuß, sondern digital auf der Spur - seine Beobachtungen finden ihren Weg via Handy und Twitter in die Welt.

Die neuen Kommunikationstechnologien und sozialen Netzwerke setzen eine wahre Flut von Informationen über die Thailand-Krise frei. "Ohne Twitter wüsste niemand, was hier wirklich passiert", sagt der freie TV-Produzent Eric Seldin (50) begeistert. Er hat von Anfang an über die Unruhen berichtet. "Es ist wie ein ständiger Bewusstseinsstrom. Alles geschieht in Echtzeit. Ich bin schon vollkommen abhängig."

Weltweite Blog-Netzwerke haben zuletzt bei einer ganzen Reihe von Konflikten und Notsituationen eine wichtige Rolle gespielt - vor allem bei der Krise im Iran im vorigen Jahr und nach den Erdbeben in Haiti und Chile Anfang dieses Jahres. "Im Nachrichtengeschäft geben Twitter und Facebook den Ton an", glaubt Seldin. Als Maßstab für den Erfolg gilt das häufige Erscheinen des "Fail Whale" (Ausfall-Wales) bei Twitter - einer automatischen Nachricht, die immer dann auf den Bildschirmen von Computern und Handys auftaucht, wenn das System wegen zu starken Datenverkehrs an seine Kapazitätsgrenzen stößt.

Die ständige Verfügbarkeit von Echtzeit-"Nachrichten" befreit die Berichterstatter indes nicht von der Pflicht, ihr Material sorgfältig zu prüfen, betont Seldin. "Es gibt eine Menge falscher Informationen da draußen. Ich muss die Spreu vom Weizen trennen." Wie jeder andere seriöse Journalist müsse er die Angaben stets mehrfach untersuchen. "Nach einer Weile findet man dann heraus, wer zuverlässig ist."

Der Rothemden-Aufstand hat die Gerüchteküche in Thailand kräftig brodeln lassen und es Anbietern wie Konsumenten von Nachrichten ermöglicht, die herkömmlichen Medien zu umgehen. Diese Entwicklung hat einigen Internet-Reportern zu plötzlichem Star-Kult verholfen. "Viele Leute profitieren von den Auseinandersetzungen und nutzen sie, um den Betrieb auf ihren Seiten anzukurbeln", sagt Tony Joh (37), der seit Dezember über das Portal "thai-faq.com" aus Bangkok berichtet.

Jedoch sorgt sich der Blogger darüber, dass ihm manche Kollegen allzu sehr nacheifern. Völlig auf sich allein gestellt, hatte Joh die Kämpfe zwischen Armee und Demonstranten am 10. April geschildert. Seine Video-Blogs von jenem Abend gehören zum überwältigendsten Material über das Blutvergießen in Bangkok. Ihm zufolge wurden allein diese drei Beiträge mehr als 300.000 Mal in aller Welt angeschaut.

Der Erfolg hat allerdings eine Kehrseite. "Mich beunruhigt, dass andere Blogger jetzt dasselbe versuchen und sich in Gefahr bringen", fürchtet Joh. "Das sollten sie nicht riskieren - nur um einige Klicks zu bekommen." Ein Grund für die nötige Wachsamkeit sowohl bei Profis als auch bei Amateuren sei die veränderte Haltung vieler Rothemden.

In der Frühphase des Konflikts hatten die Regierungsgegner noch aktiv um das Verständnis der Presse geworben. Sie hießen sie zu ihren Demonstrationen willkommen, waren stets zu Interviews bereit - und besorgten hin und wieder auch mal Erfrischungsgetränke.

Diese Einstellung schlug nach der Niederschlagung des Aufstands am Mittwoch dann aber in offene Feindseligkeit um. Journalisten gelten seither als wenig mitfühlende Beobachter. Insbesondere Reporter, die für die englischsprachige "Bangkok Post", für die "Nation" oder für bestimmte ausländische Medien arbeiten, wurden von Demonstranten beschimpft oder zusammengeschlagen. Ein italienischer Journalist starb durch Schüsse, mehrere Kollegen wurden im Kugelhagel verletzt.

Mohammed-Karikaturen

Pakistan sperrt YouTube und Facebook

Die Internet-Videoplattform YouTube ist am Donnerstag in Pakistan wegen "zunehmender gotteslästerlicher Inhalte" gesperrt worden. Die Entscheidung der pakistanischen Behörden kam nur wenige Stunden nach der Sperrung des sozialen Netzwerks Facebook wegen Mohammed-Karikaturen.

Die Telekommunikationsbehörde in Islamabad begründete die Schließung der Seiten in Pakistan damit, dass die Regierung die Betreiber von YouTube und Facebook nicht habe überzeugen können, "herabwürdigende Inhalte" zu entfernen. Da diese angeblich "gotteslästerlichen Karikaturen" inzwischen auf anderen Sites erschienen, wurde in Pakistan auch der Zugang zur Foto-Plattform Flickr und zur Online-Enzyklopädie Wikipedia erschwert. Insgesamt seien über 450 URLs blockiert worden, hieß es.

Die Blockade geht auf einen Beschluss eines Provinzgerichtes in der Stadt Lahore zurück, den eine Gruppe islamischer Anwälte erwirkt hatte. Eine Facebook-Community hatte zum Zeichnen von Mohammed-Karikaturen aufgerufen. Damit seien die religiösen Gefühle von Millionen von Pakistanern verletzt worden, sagte der Rechtsvertreter der Klägergruppe. Bereits 2006 hatte der Abdruck von Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" zu internationalen Protesten und teils gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt.

Warnungen anonymer "verlässlicher Quellen", wonach möglicherweise auch das Militär Journalisten ins Visier nimmt, hatten sich bereits einige Tage vor dem Armeevorstoß per E-Mail und SMS verbreitet. Die britische BBC und der US-Konkurrent CNN wurden derweil mit Kritik aus dem Cyberspace bombardiert. Sie sollen unausgewogen und vereinfachend über die Krise berichtet haben. Beide Sender versuchen nun, ihren Wettbewerb weiter anzuheizen: Sie stellen die "besten" Webseiten vor und ermuntern ihre Nutzer, eigene Fotos und Kommentare beizusteuern. (dpa/tc)