Web

 

Ballmer warnt Microsoft vor Linux und Open Source

05.06.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach seinem strategischen "Retreat" mit Microsofts Top-Management hat Konzernchef Steve Ballmer sein alljährliches Memo an die Belegschaft des Redmonder Softwareunternehmens verschickt. In dem zehnseitigen Papier adressiert Ballmer eine ganze Reihe von Herausforderungen und Problemen - unter anderem Linux und andere Open-Source-Produkte. "In Zeiten knapper IT-Budgets und Bedenken gegenüber Microsofts Kundenorientierung wird nichkommerzielle Software wie Linux und OpenOffice als interessante, "hinreichend gute" oder "freie" Alternative gesehen", schreibt der Microsoft-Chef. "Nichtkommerzielle Software allgemein und Linux im Besonderen stellen für uns und unsere ganze Industrie eine Herausforderung dar und bedürfen unserer konzentrierten Aufmerksamkeit."

IBMs Unterstützung für Linux habe dessen Glaubwürdigkeit gestärkt und eine Illusion von Support und Verantwortlichkeit geschaffen, heißt es weiter, obwohl es keinerlei zentrale Stelle gebe, die in Gesundheit und Wachstum nichtkommerzieller Software investiere oder deren Innovation in kritischen Bereichen wie Engineering, Verwaltbarkeit, Kompatibilität und Sicherheit vorantreibe.

Neben nichtkommerzieller Software hat Ballmer auch ein allgemeineres, aber nicht weniger gravierendes Problem ausgemacht. "Es gibt weniger Begeisterung und Enthusiasmus für Technik und einen stärkeren Schwerpunkt auf 'mit weniger mehr machen'", schreibt der Konzernchef. Dem werde Microsoft systematisch begegnen. Ballmer setzt hier unter anderem auf eine enge Integration der hauseigenen Produkte, deutlich mehr Werbung ("wir werden einer der größten Werbetreibenden unserer Branche werden"), eine bessere Ansprache von Entwicklern und last, but not least die nächste Windows-Generation "Longhorn".

"Longhorn wird unsere große Wette auf den nächsten großen Durchbruch - vielleicht noch größer als die erste Windows-Generation. Praktisch alles, was wir produktseitig unternehmen, wird der Longhorn-Welle folgen. Neben dem Longhorn-Client wird es ein eine Longhorn-Version von Office, Longhorn-Server-Verbesserungen, Longhorn-Entwicklungs-Tools und eine Longhorn-Version von MSN geben", schreibt Ballmer. Einen Liefertermin für Longhorn hat Microsoft bislang nicht genannt (Beobachter rechnen mit dem Jahr 2005), und auch der Microsoft-Boss äußert sich dazu vorsichtig: "Wir machen unsere Arbeit und nehmen und so viel Zeit dafür wie nötig um es richtig zu machen, weil das der nächste Quantensprung im Computing werden soll, der uns Jahre Vorsprung vor jedem anderen Produkt am Markt verschafft."

Verbesserungswürdig seien in jedem Fall die Kommunikation mit Kunden und die Produktsicherheit, heißt es weiter in dem internen Memo. "Wir müssen die Konsistenz unseres Business verbessern", appelliert Ballmer an die Belegschaft. "Kunden lieben Vorhersehbarkeit, und das ist recht so. Mit Licensing 6.0 haben wir eine harte Lektion gelernt." Die Trustworthy-Computing-Initiative schreite zwar ordentlich voran, aber Microsofts Kunden würden weiterhin mit Sicherheitslücken konfrontiert. Der Hersteller müsse viel Zeit investieren, um aus Erfahrungen wie dem "Slammer"-Virus zu lernen, was es noch zu verbessern gelte.

Generell wies Ballmer die in Expertenkreisen immer häufiger zu vernehmende Meinung von sich, Software und andere Aspekte der IT seien inzwischen Allgemeingut. "Einige Fachleute unterstellen, IT sei nicht mehr von Bedeutung, die einst von Veränderung geprägte Technik sei am Ende der Innovationsstraße angelangt, IT biete keinen Wettbewerbsvorteil mehr, sobald sie jedermann besitzt, und Anwender sollten ihre Kosten optimieren und ihre Informationstechnik aus Effizienzgründen auslagern."

Dem sei keineswegs so, glaubt der Microsoft-Chef. "Informationen sind das Herzblut des Business, und mittels Software können Menschen und Firmen diese nutzbar machen. Es ist Software, die uns erlaubt, Informationen zu sammeln, zu verändern, darauf zuzugreifen, sie zu speichern, zu teilen, zu analysieren und danach zu handeln. Software erlaubt es Firmen, ihren Wettbewerbsvorteil konstant auszubauen. Entgegen der Ansicht, dass wir in ein "posttechnologisches Zeitalter" eintreten, glaube ich, dass die nächste Ebene der Software eine der größten Mehrwertquellen für Kunden sein wird, und dass Microsoft gut aufgestellt ist, um dies zu ermöglichen und gleichzeitig davon zu profitieren." (tc)