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Bain & Company analysiert deutsche Internet-Startups

04.08.2000
Gute Ausbildung und Erfahrung vorhanden

Von CW-Mitarbeiterin Riem Sarsam

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Firmengründer von heute sind besser als ihr Ruf. Dies behauptet wenigstens die Unternehmensberatung Bain & Company, die noch nicht börsennotierte Internet-Startups unter die Lupe nahm. Zumindest eines der Ergebnisse ist überraschend: Der moderne Chef ist im Schnitt 32 Jahre alt, hat einen Studienabschluss und kann bereits mehrjährige Berufserfahrung in etablierten Firmen vorweisen.

Auch das vergangene Jahr zeichnete sich durch eine ungebrochene Welle von Firmengründungen in Deutschland aus. Schätzungen über die Zahl der Internet-Startups pendeln zwischen 1800 und 4500. Mit einem Anteil von 51 Prozent dominieren B-to-C-Unternehmen (Business-to-Consumer) bisher die Internet-Landschaft, gefolgt von reinen Softwareanbietern mit 28 Prozent und B-to-B-Companies (Business to Business) mit einem Anteil von 21 Prozent. Bereits in "den nächsten Monaten", so die Prognose von Roman Zeller, E-Commerce-Experte bei Bain, wird sich dieses Verhältnis allerdings umkehren. Nur konsumentenorientierte Geschäftsmodelle wie virtuelle Buchläden oder Online-Auktionen versprächen schon wegen sinkender Werbeerlöse kaum noch Profitabilität.

Überdies entdecken immer mehr Firmen der Old Economy das E-Business und werfen dabei ihre Markenbekanntheit, langjährige Kundenbeziehungen oder eingespielte Logistik in die Waagschale. Doch auch die Jungunternehmen halten einige Trümpfe in der Hand. Die Bain-Experten bescheinigen den Gründern von heute mehr Schnelligkeit und Flexibilität im Vergleich zu den "Alten". Auch der häufig belächelte Spaßfaktor, den die meisten Gründer als Motiv für den Weg in die Selbständigkeit anführen, entpuppt sich als ein ernst zu nehmendes Unterscheidungsmerkmal zwischen Alter und Neuer Wirtschaft. Und er zeigt Sogwirkung. Immer häufiger verlassen Manager ihren sicheren Posten in einem etablierten Unternehmen, um eine Internet-Firma aufzubauen und zum Erfolg zu führen. Laut Bain haben über zehn Prozent der Berater, die im vergangenen Jahr zu einem Unternehmen der New Economy wechselten, mehr als zehn Jahre Berufserfahrung.

Und die Gründergeneration erweist sich als hervorragend ausgebildet. Rund 80 Prozent können einen Universitätsabschluss oder einen vergleichbaren internationalen Abschluss vorweisen. Für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich groß ist auch die während des Studiums gesammelte internationale Erfahrung, etwa die Hälfte der Startup-Unternehmer hat zumindest zeitweise im Ausland studiert. Mehr als 40 Prozent absolvierten ein wirtschaftswissenschaftliches Studium, 13 Prozent eine Ingenieurausbildung. Insgesamt verfügen 86 Prozent der 220 befragten Manager über Berufserfahrung, mehr als die Hälfte war länger als fünf Jahre bei einer Firma angestellt. Fast jeder dritte Gründer einer Internet-Company kommt, so die Studie, aus einer Unternehmensberatung, jeder vierte hat zuvor in der IT-Branche gearbeitet, und nur jeder siebte wagte den direkten Sprung von der Hochschule in das Unternehmen.

Hochburgen der Gründerszene sind die Ballungsgebiete Hamburg, München und Berlin, wo sich insgesamt 39 Prozent der deutschen Internet-Startups niedergelassen haben. Über 90 Prozent der von Bain untersuchten Management-Teams der Newcomer setzen sich aus langjährigen Freunden oder Bekannten zusammen, die sich im Studium oder Beruf kennen gelernt haben. Für Zeller liegt hier "eine Stärke und Schwäche der Szene zugleich". Einerseits zeichnen sich die hoch motivierten Teams durch Reaktionsschnelligkeit aus. Andererseits fehlen oft genug klare Verantwortlichkeiten in den Führungsriegen.

Denn das Etikett "Berufserfahrung" allein sagt noch nichts über ausreichende praktische Erfahrung beim Aufbau eines Unternehmens aus. Die Bain-Experten sprechen den Gründern zwar genug Fähigkeiten für den Aufbau eines Unternehmens zu, raten jedoch zu "älterem" Management-Know-how, wenn es in die Phase geht, eine auf mittelständische Größe angewachsene Firma zu lenken. Junge Firmenchefs, die vielleicht in dieser Phase das Zepter aus der Hand geben, werden jedoch nicht in der Versenkung verschwinden, hieß es. Sie können mit einem in Deutschland immer noch recht knappen Gut aufwarten: Sie besitzen Gründererfahrung.

Um die Personalsituation zu verbessern, wollen viele der befragten Unternehmen bis Ende des Jahres ihre Mitarbeiterzahlen im Vergleich zum Jahresanfang verdoppeln. Die Rekrutierung der potenziellen E-Business-Mitarbeiter erfolgt zu 84 Prozent durch persönliche Kontakte. Für die Suche nach IT-Spezialisten greifen die Startups aber auch auf Online-Jobbörsen zurück. Nur noch 33 Prozent der Internet-Unternehmen nutzen die Stellenanzeigen in Tageszeitungen oder Fachblättern. Headhunter werden zu lediglich 25 Prozent eingeschaltet, um Bewerber zu kontaktieren.

Auch in Bezug auf das Problem der Erschließung internationaler Märkte sprachen sich viele Unternehmen dafür aus, sich aktiver als bisher zu engagieren. Seit der Gründungsboom den deutschen Markt zwischen Frühjahr 1999 und April 2000 überflutet hat, wenden sich 70 Prozent der Startups vermehrt der Internationalisierung zu. Ein bisher kaum in Angriff genommenes Problem ist der Bereich des Business Development. Vor allem B-to-C- und C-to-C-Unternehmen sehen sich gezwungen, ihre Geschäftskonzepte zu ergänzen, da derzeit 70 Prozent der Umsätze aus der Online-Werbung resultieren. Aber nur 180 der 450 in die Studie einbezogenen Firmen können eine klare Strategie vorlegen, wie sie die Abhängigkeit von der Werbung verringern wollen.

Das Kapital zum Aufbau der Startups stellen zu 80 Prozent Venture-Capital-Gesellschaften zur Verfügung. In der zweiten Finanzierungsrunde, in der bereits durchschnittlich bis zu 39,4 Millionen Mark je B-to-B-Unternehmen investiert werden, beteiligen sich strategische Investoren aus Industrie, Handel und Dienstleistung zu 18 Prozent an der weiteren Finanzierung. Viele der neu gegründeten Unternehmen sind durchaus für ein stärkeres Engagement der etablierten Unternehmen aufgeschlossen. Dies bietet laut Bain für beide Seiten Vorteile: Startups erlangen so besseren Zugang zu Branchennetzwerken und zu einer breiten Kundenbasis. Außerdem können sie ein bereits vorhandenes logistisches System benutzen. Auf der anderen Seite profitieren die großen Unternehmen von der E-Business-Kompetenz und der Flexibilität der Startups. Laut Bain hätte es positive Konsequenzen, wenn sich künftig mehr Jungunternehmen und etablierte Unternehmen in ihren Kernkompetenzen ergänzen würden.