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Baan ist verkauft - an Invensys

31.05.2000
Freundliche Übernahme für 2,85 Euro pro Aktie

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Als der angeschlagene niederländische Standardsoftware-Anbieter Baan gestern an der Nasdaq den Handel mit seinen Aktien aussetzen ließ, mehrten sich die Gerüchte um einen Verkauf des Unternehmens. Seit heute morgen ist nun alles klar: In einer Pressemitteilung teilt Baan mit, man wolle an den britischen Anbieter Invensys Plc. verkaufen. Die monatelange Suche nach einem "Weißen Ritter" ist damit zu einem hoffentlich glücklichen Ende gekommen. Die Börse reagiert erfreut auf die Nachricht, die Baan-Aktie legte im Tagesverlauf um 13 Prozent zu und notierte in Frankfurt zum amtlichen Fixing knapp unter drei Euro.

Invensys zahlt pro Baan-Aktie 2,85 Euro (zuletzt war das Papier für 2,60 Euro gehandelt worden). Das gesamte Volumen des Deals beträgt damit rund 762 Millionen Euro. Die Company entstand im Februar vergangenen Jahres durch den Merger von BTR Plc. und Siebe Plc. Invensys beschäftigt über 100 000 Mitarbeiter, weist eine Marktkapitalisierung von rund 14 Milliarden Dollar auf und generiert 75 Prozent seines Geschäfts mit Produkten zur Prozessautomatisierung sowie mit Mess- und Regeltechnik. Die Ingenieursfirma ist mithin nicht gerade ein "alter Hase" im Softwaregeschäft.

Die Fakten

Allerdings ist der Deal in Wahrheit um einiges komplizierter. Hier die wichtigsten Details:

Aufsichtsrat und Vorstand von Baan empfehlen einstimmig allen Aktionären, das Invensys-Angebot zu akzeptieren. Die Manager selbst wollen ihre Anteile (zusammen rund 0,3 Prozent) vorbildhaft bereits am ersten Geltungstag des Angebots übergeben.

Invensys kann zum Angebotspreis die jeweiligen Beteiligungen von Vanenburg Group (5,9 Prozent), Fletcher International (drei Prozent) sowie General Atlantic Partners (1,9 Prozent) übernehmen und hat damit bereits 11,1 Prozent der Anteile sicher.

Invensys gründet im Zuge der geplanten Übernahme einen neuen Unternehmensbereich Invensys Software and Systems (ISS), in den Teile von Baan integriert werden sollen. Die Leitung der Division übernehmen Bruce Henderson, derzeit Chef der Invensys-Sparte Intelligent Automation, sowie Baans Entwickungschef Laurens Van der Tang. Headquarter von ISS wird Herndon, Virginia (USA).

Baan behält seinen Namen und sein komplettes Produktportfolio. Firmensitz bleibt weiterhin Barneveld (Niederlande).

Invensys will ein "rigoroses" Restrukturierungsprogramm aufsetzen, um Baans operative Kosten bis zum Jahresende von derzeit rund 180 auf 120 Millionen Dollar zu drücken und Baan wieder profitabel zu machen.

Gleichzeitig verspricht Invensys hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung über Baans komplette Produktpalette hinweg.

Die Vorgeschichte

Man führe derzeit "intensive Gespräche" mit einer Vielzahl von Käufern, hatte Baan-Sprecher Peter Kramer noch in der vergangenen Woche erklärt und damit Spekulationen neue Nahrung gegeben, dass ein Ausverkauf des Unternehmens unmittelbar bevorsteht. An der Amsterdamer Börse sorgte die Meldung für einen Kursgewinn der Baan-Aktie um 90 Prozent oder 1,45 Euro auf 3,06 Euro. Dies lag nicht nur an den Produkten (insbesondere Baans Software für das Kunden-Management, die im Mai 1997 mit der Übernahme von Aurum Software ins Haus gekommen war, gilt als ein begehrtes Filetstück des Portfolios), sondern vor allem auch an der Aussicht auf rund 6000 Baan-Kunden und einem Unternehmenswert, der auf mittlerweile erschwingliche 520 Millionen Dollar gefallen war. Als potenzielle Käufer wurden im Vorfeld I2 Technologies, Computer Associates, Geac Computer, ein Anbieter von Software für Enterprise Resource Planning (ERP), SAP, Groupe Bull, aber auch Partner und

Großkunden wie Philips oder Boeing gehandelt. Außerdem wurde erneut auch der Datenbankriese Oracle ins Spiel gebracht.

Für viele Marktbeobachter macht die Übernahme durch Invensys durchaus Sinn. Um das bisherige Geschäftsfeld in Richtung kommerzielle Unternehmenssoftware auszudehnen, kaufte Invensys im Juni 1999 den überwiegend im Bereich der Prozessindustrie tätigen ERP-Anbieter Marcam für knapp 60 Millionen Dollar (der war zuvor genau wie Baan in existenzielle Schwierigkeiten geraten). Zudem soll ein ebenfalls aus dem Konzern stammendes Simulationsprogramm integriert werden, um so zu einer durchgängigen Lösung für die Prozessindustrie zu kommen. Mit Baans Produkten kann Invensys nun sein Angebot komplettieren und in Richtung CRM ausdehnen.

Macht der Deal Sinn?

Allerdings gibt es auch kritischere Stimmen. ERP-Analyst Helmuth Gümbel, Managing Director von Strategy Partners International, meint: "Die Übernahme macht insofern Sinn, als Invensys´ Kassen gut gefüllt sind. Allerdings kann ich mich an keine Übernahme eines ERP-Anbieters erinnern, die funktioniert hätte." Vor allem die Kundenproblematik spiele eine zentrale Rolle, so Gümbel, denn die meisten Baan-Installationen seien stark modifiziert worden. Dies werde auch künftig große Entwicklerkapazitäten binden, was zwangsläufig zu einer sehr niedrigen Effizienz führe.

Angesichts des Börsenkurses sei der Kauf aber allemal "ein Schnäppchen". Das, so der Analyst, wäre Baan auch für einen möglichen Ausschlächter gewesen, der mit dem Verkauf von Vorzeigeprodukten wie Aurum sicher auch seinen Schnitt gemacht hätte. Zu einer solchen Abwicklung sei es wohl deswegen nicht gekommen, weil die potenziellen Konkursverwalter offenbar nicht gewusst hätten, was sie zwischenzeitig mit den "nölenden und grölenden Kunden" hätten anfangen sollen. Gümbels Fazit ist "verhalten optimistisch". Er meint, für Baan-Kunden sei es weiterhin eine "gute Idee, sich mit einem Wechsel zu beschäftigen" - möglicherweise gleich in Verbindung mit einem Outsourcing.

Die Deutsche Baan User Group (Debug) hatte bereits Mitte dieses Monats gefordert, es müsse ein kompetenter Partner für Baan gefunden werden, der die jetzige Produktpalette vorbehaltlos weiter entwickle und die bestehende Kundenbasis nicht vernachlässige. Klemens Hauk, Vorsitzender der Anwendervereinigung, erklärte: "Wir sehen die Übernahme zunächst einmal als sehr positiv an. Invensys ist ein solides, kapitalkräftiges Unternehmen." Bedenken habe die Debug jedoch angesichts der Ankündigung des rigorosen Sparprogramms. Es müsse sich erst zeigen, ob sich hier nicht die versprochene Weiterentwicklung der Baan-Produkte als Lippenbekenntnis erweise.