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"Baan hat seine Kunden nicht verloren"

31.01.2001
Invensys-Chef Allen Yurko sprach mit der COMPUTERWOCHE über die Integration von Baan und die Abgrenzung zu Invensys CRM. Außerdem: Erste Details zur neuen "iBaan"-Produktlinie.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit Allen Yurko, CEO (Chief Executive Officer) bei Invensys Plc., sprachen die CW-Redakteure Robert Gammel und Martin Ottomeier.

CW: Wie stellt sich Invensys Software Systems (ISS) auf?

YURKO: Wir wollen der Experte für E-Manufacturing sein. Das schließt unsere ganze Softwarepalette ein. Kein anderer Hersteller hat so viel Know-how in der Fertigungsindustrie wie wir - schließlich kommen wir aus der Automationsbranche.

CW: Wie passt Baan in das Portfolio von ISS?

YURKO: Invensys hat Baan gekauft, um seine Produktpalette im industriellen Softwarebereich zu erweitern. 1999 haben wir mit Marcam die Produkte "Prism" und "Protean" für die Prozessfertigung übernommen. Mit der Akquisition von Baan erweitern wir unser Portfolio in den Bereichen ERP, SCM und CRM bis hin zum E-Business, besonders in der Fertigungs- und Hightech-Industrie. Ich konnte also keinen besseren Deal abschließen, um unsere Produktlinie derart schnell auszubauen.

CW: Wie haben Sie den Breakeven bei Baan so schnell erreichen können?

YURKO: Die Restrukturierung durch Laurens van der Tang und sein Team ging sehr rasch vonstatten. Dabei mussten sie harte Entscheidungen treffen. Rund 40 Niederlassungen wurden geschlossen und das Personal um rund 1000 Stellen auf 3000 reduziert. Aber so konnten wir die Kosten bereits im ersten Quartal nach der Übernahme unter 100 Millionen Dollar drücken.

CW: Warum haben Sie "Invensys CRM" aus Baan herausgenommen?

YURKO: Wir haben es nicht herausgenommen. Es arbeitet nach wie vor sehr eng mit Baan zusammen. Die Invensys-CRM-Produktlinie ist immer noch das Baan-Front-Office. Aber Invensys CRM muss in der Lage sein, seine Produkte auch auf anderen Märkten zu verkaufen, die nicht in Baans Kerngeschäft fallen. Das ist zum Beispiel die Serviceindustrie oder das Telecom-Geschäft.

CW: Derzeit hat Invensys aber nur Konnektoren für Baan und SAP?

YURKO: Wir wollen offen sein, aber den Kunden auch ein integriertes Paket anbieten können. Das bedeutet, dass alle unsere Softwarepakete auch zusammen mit den Produkten unserer Wettbewerber eingesetzt werden können, seien es SAP oder Oracle.

CW: Wenn Invensys CRM und Baan zum Teil die gleichen Kunden adressieren, werden Sie dann auch deren Marketing und Verkaufsabteilungen zusammenlegen?

YURKO: Einige Büros und andere Infrastruktur werden die einzelnen Divisionen gemeinsam nutzen - auch weil die räumliche Nähe die Kommunikation zwischen den Abteilungen fördert. Trotzdem bleibt der Baan-Vertrieb eigenständig. Teilweise werden die Divisionen auch als Team auftreten.

CW: Ist die Mannschaft von Invensys CRM schon komplett?

YURKO: Nein, die wird gerade zusammengestellt. Die ersten 90 Tage haben wir Leute entlassen, und nun stocken wir wieder auf. Wir werden rund 100 neue Consultants und Vertriebsingenieure anstellen. Invensys CRM steht erst am Anfang. Wir wurden auch gefragt, ob wir Aurum nicht verkaufen wollen, aber wenn wir das planen würden, hätten wir es nicht Invensys CRM getauft.

CW: Baan wird sich also künftig nicht mehr um reine CRM-Projekte bemühen?

YURKO: Baan macht das nur noch, wenn es um einen klassischen Baan-ERP-Kunden geht.

CW: Hat Baan für das Front-Office-Geschäft noch genügend Leute?

YURKO: Was die Baan-Kundenbasis betrifft, schon. Wenn die technischen Ressourcen bei Baan nicht ausreichen, werden sie von Invensys CRM eingebracht.

CW: Wenn es um die Integration Ihrer Software beim Kunden geht, wollen Sie das mit eigenen Ressourcen bewältigen oder eher mit den großen Systemintegratoren (Big Five) zusammenarbeiten?

YURKO: Die meisten Firmen müssen Altsysteme mit ihrer neuen Software verbinden und brauchen dazu strategische Partner. Viele haben dafür langfristige Beziehungen mit einem der Big Five, also den fünf weltgrößten Beratungsunternehmen oder Dienstleistern wie IBM und EDS. Wir werden nicht versuchen, solche Beziehungen zu stören. Wir müssen nicht in jedem Projekt der Systemintegrator sein.

CW: Aber Sie sind auf die Empfehlungen der Consultants bei den Big Five angewiesen.

YURKO: Die empfehlen uns immer öfter.

CW: In Deutschland hat CSC Ploenzke die Anzahl seiner Berater für die Integration von Baan-Systemen reduziert.

YURKO: IBM hat 900 Baan-Systemintegratoren, und es werden derzeit noch mehr. Das sind mehr, als Baan selbst hat. Was man nicht verwechseln darf ist : Es waren nicht die Kunden, die Baan nicht mehr wollten, es war die Börse. Natürlich aus gutem Grund. Die Baan-Zahlen waren furchtbar, aber die Kunden schätzen die Software und kauften sie bis zum letzten Quartal 1999. Danach waren die Zahlen so dramatisch, dass sie aufgehört haben zu kaufen.

Jetzt, 2001, hat sich die finanzielle Situation von Baan erheblich verbessert. Es stimmt einfach nicht, dass Baan seine Kunden verloren hat. Ich habe mit den 20 größten Kunden selbst gesprochen. Kein Einziger ist abgesprungen. Es kann sein, dass sie im vergangenen April oder Mai darüber nachgedacht haben. Aber jetzt schreiben wir 2001, und die gleichen Leute bestellen wieder.

"iBaan" setzt auf Zusammenarbeit

Wie gestern bereits kurz berichtet hat Baan eine neue Produktlinie namens "iBaan" angekündigt. Schon die Namensgebung verrät, dass bei der Weiterentwicklung das Internet im Mittelpunkt stand. Damit will Baan einem Paradigmenwechsel in der Fertigungsindustrie Rechnung tragen: Statt wie früher standardisierte Produkte herzustellen, geht der Trend immer stärker zum Build-to-order, sprich: jeder Kunde bekommt seine individuelle Konfiguration. Das erfordert eine weit engere Zusammenarbeit mit Zulieferern und Partnern als bisher gewohnt.

Auf diese Veränderung hin zu stärker "kollaborativen Prozessen" reagiert Baan mit "iBaan Collaboration", einem Anwendungs-Framework samt mehreren ergänzenden Produkten. Unternehmen sollen mit ihrer Hilfe rasch Marktplätze und "Collaborative-Commerce"-Umgebungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg etablieren können. Der Hersteller verspricht dabei schnelle und einfache Anpassung von Geschäftsprozessen und die Rekonfiguration von Anwendungen quasi im laufenden Betrieb. Nutzer, Rollen, Geschäftsobjekte und -prozesse sollen sich jederzeit dynamisch ergänzen lassen.

Dafür stellt Baan eine Reihe vorgefertigter Application Templates zur Verfügung, die eine Ausgangsbasis für die kundenspezifischen Anpassungen bieten. Zum Start gibt es "Supply Chain Monitor", "Collaborative Supply Planning", "Collaborative Vendor-Managed Inventory", "Collaborative Demand Fulfillment" sowie "Collaborative Logistics Management". In den kommenden Monaten sollen weitere Templates folgen, etwa "Collaborative Forecasting", "Collaborative Manufacturing Planning" sowie "Collaborative Supply Chain Planning".

Neben iBaan Collaboration umfasst die neue Produktlinie eine ganze Reihe weiterer Neuheiten. "iBaan Openworld" ist ein Integrations-Framework für die Einbindung von Third-Party- und Legacy-Anwendungen mithilfe grafischen Business-Object-Mappings und XML-basierter Gateway-Technik. "iBaan Webtop" bietet eine Browser-basierte Thin-Client-Schnittstelle zu "Baan 5". Des weiteren gibt es die Portalsoftware "iBaan Portal" und eine Reihe von Internet-Aufsätze für die bestehenden ERP- und CRM-Produkte: "iService" ist eine Web-basierte Customer-Self-Service-Anwendung, "iSell" und "iBuy" bieten Internet-Schnittstellen zu Kauf- und Verkaufssystemen.

Baan-Chef Laurens van der Tang sieht Baan mit diesen Produkten auch gegen die schier übermächtige Konkurrenz von SAP, Oracle und Siebel gut aufgestellt. Als eigentliche Wettbewerber betrachte man aber eher Anbieter von Komplettlösungen. Baans Trumpfas im Ärmel sei in diesem Bereich die intime Kenntnis der Fertigungsindustrie und der Veränderungen, die diese durchmache.