ISVs und Anwender zögern

B2B App Stores ringen um Anerkennung

Regina Böckle durchforstet den Markt nach Themen, die für Systemhäuser und Service Provider relevant sind - oder es werden könnten - und entwickelt dazu passende Event-Formate.
Die Idee klang verlockend: Was Apple mit seinem App Store im Consumer-Markt gelungen ist, müsste mit Enterprise App Stores doch auch im Unternehmensumfeld klappen. Doch bislang blieb der große Durchbruch aus. Jetzt zieht sich Fujitsu aus dem AppStore-Geschäft zurück.

Apples AppStore erfreut sich seit dem Start im März 2008 ungebrochen der Gunst der weltweiten Entwicklergemeinde. Rund 1,3 Millionen Apps sind aktuell auf dem Marktplatz abrufbar - und die Anwender greifen gerne zu. Das Modell funktioniert vor allem deshalb, weil es mobilen Usern erlaubt, direkt und einfach auf unterschiedliche Applikationen zuzugreifen, diese zu installieren und schnell zu nutzen. Gleichzeitig bietet der App Store Entwicklern eine einfache Vermarktungsplattform mit Millionen potenzieller Kunden.

Apples AppStore bleibt auch für die B2B-Softwarebranche das große Vorbild. Doch der Enterprise-Markt tickt anders als die Consumerwelt.
Apples AppStore bleibt auch für die B2B-Softwarebranche das große Vorbild. Doch der Enterprise-Markt tickt anders als die Consumerwelt.
Foto: aey, Fotolia.com

Der Erfolg Apples rüttelte die ganze Software-Branche auf. Wettbewerber im Consumer-Umfeld versuchten nachzuziehen, doch der Abstand zum Klassenprimus ist noch immer gewaltig. Google kann laut Statista rund knapp eine Million Apps im eigenen Store anbieten, Microsoft kommt auf etwa 160.000. Im Business-Umfeld dürfte Salesforce.com mit immerhin 1.900 verfügbaren Anwendungen im AppExchange-Store die Nase vorn haben.

Von einem nachlassenden Interesse an Apps kann derzeit keine Rede sein - im Gegenteil: App Stores mit Angeboten für mobile User werden 2013 weltweit einen Umsatz von insgesamt 6,1 Milliarden Euro generieren, schätzen die Analysten von IHS Screen Digest Mobile Media Intelligence. Im Jahr 2016 sollen die Erlöse weiter klettern, auf dann 10,8 Milliarden Euro.

Unternehmen zögern

Sichtlich beeindruckt vom Erfolg mobiler Appstores im Consumer-Umfeld prophezeiten Marktauguren dem neuen Software-Bezugsmodell auch im Unternehmensbereich eine rosige Zukunft. Schließlich nutzen immer mehr Mitarbeiter mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets. Damit greifen viele aber nicht nur auf unternehmenseigene Anwendungen zu, sondern auch auf Apps aus öffentlichen Stores - mit allen damit einhergehenden Sicherheitsrisiken. Ein Alptraum für IT-Leiter, die darum ringen, wieder die Kontrolle über den wild wuchernden Applikationsdschungel zu erlangen.

Peter Sondergaard, Senior Vice President bei Gartner
Peter Sondergaard, Senior Vice President bei Gartner

Marktanalysten rechneten deshalb mit einem Boom von Enterprise-App-Stores. Denn die erlauben es Unternehmen, beiden Seiten gerecht zu werden: Mitarbeiter können selbstbestimmt auf eine breite Software-Palette zugreifen, gleichzeitig behält die IT die Kontrolle über Sicherheit und Kosten der im Unternehmen eingesetzten Anwendungen.
"2014 werden 60 Prozent der IT-Abteilungen private App Stores bereitstellen", orakelte Peter Sondergaard, Senior Vice President bei Gartner, im Oktober 2011. "Die Applikationen selbst werden ein Redesign erfahren - sie werden kontext-fähig sein und die Intention des Anwenders automatisch verstehen."

Doch der schnelle Durchbruch der Enterprise App Stores blieb bislang aus. In der Folge schraubten die Analysten ihre hoch gesteckten Erwartungen deutlich herunter. Lediglich 25 Prozent der Unternehmen werden laut Gartner 2017 einen Enterprise Appstore für die Verwaltung von Anwendungen auf PCs und Mobilgeräten im Einsatz haben.

Klaus Berle, Leiter Cloud Competence Center Deutschland bei HP
Klaus Berle, Leiter Cloud Competence Center Deutschland bei HP
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Auch extern betriebene Enterprise Marktplätze haben in Unternehmen bislang kaum Fuß fassen können. HP-Manager Klaus Berle, der das HP Cloud Competence Center Deutschland leitet, zählte von vornherein zur Riege der Skeptiker und räumte dieser Art des Software-Bezugs nur eingeschränkte Chancen ein. "Diese Stores werden einer von mehreren Vertriebswegen für Cloud-Dienste sein. Sie werden im Geschäftskundensegment aber niemals die Bedeutung wie im Privatkundensegment erlangen", hatte er im Frühjahr 2012 erklärt. Er führte dies weniger auf das mangelnde Interesse der Anwender zurück. Vielmehr seien weder Software-Hersteller noch Systemhäuser daran interessiert, ihre Kundenbeziehungen an große Marktplatz-Betreiber abzutreten.

Obendrein benötigten Kunden Broker-Dienstleistungen, die weit über die bloße Marktplatzfunktion hinausgehen - beispielsweise für die Integration der Anwendungen, das Berechtigungs-Management und die Einbindung in die internen Verrechnungssysteme. "Es wird deshalb eine Vielzahl von Marktplätzen geben, die von Resellern, System- und Softwarehäusern, ergänzt um Integrations- und Beratungsdienstleistungen, angeboten werden - beispielsweise Community Clouds mit Diensten für bestimmte Branchen", so Berles Prognose. Große Anbieter müssten dezentrale Plattform-Konzepte anbieten, die es ihren Partnern ermöglichen, als Cloud-Broker für Kunden tätig zu sein.

Zurück in die Zukunft

Andree Stachowski, Leitung Vertrieb Cloud Solutions, Mitglied der Geschäftsleitung der All for One Steeb AG
Andree Stachowski, Leitung Vertrieb Cloud Solutions, Mitglied der Geschäftsleitung der All for One Steeb AG
Foto: All for One Steeb

In der Tat scheint sich die Einschätzung des HP-Managers zu bewahrheiten: Größere Unternehmen tendieren eher dazu, eigene hausinterne App Stores aufzubauen. "Ein Beispiel dafür sind App Stores, die jeweils die neuesten Releases der PC-Tools bereithalten, die im Unternehmen standardmäßig im Einsatz sind. Jeder Mitarbeiter kann sie selbst updaten. Eine Mitteilung im Intranet informiert sie über die Verfügbarkeit des neuen Release", berichtet Andree Stachowski, Vertriebsleiter für Cloud Solutions und Mitglied der Geschäftsleitung der All for One Steeb AG.

Gleichzeitig versuchen Software-Entwickler und Independent Software Vendors (ISVs), sich mit eigenen App Stores zu etablieren. Manchmal geht beides Hand in Hand, wie das Beispiel Salesforce.com zeigt: 2006 richtete der Hersteller den "AppExchange" Software Store im Netz ein, der mittlerweile mehr als 1.900 Anwendungen umfasst. Für November kündigte Salesforce jetzt eine White-Label-Version an.
Auf Basis dieser "Salesforce Private App Exchange" könnten Unternehmen ihren eigenen, individuell zugeschnittenen AppStores betreiben - allerdings nicht als on-premise Variante, sondern nach wie vor im Netz auf Basis der Cloud-Infrastruktur von Salesforce.com. Im ersten Schritt unterstützt Private App Exchange ausschließlich webbasierte Anwendungen und mobile Endgeräte. Erst im Laufe des kommenden Jahres soll es darüber hinaus möglich sein, Applikationen auch auf Arbeitsplatzrechner herunterzuladen.

Khaled Chaar, Managing Director Business Strategy & Cloud Enabling bei Pironet NDH
Khaled Chaar, Managing Director Business Strategy & Cloud Enabling bei Pironet NDH
Foto: Pironet NDH

Für Khaled Chaar, Managing Director Business Strategy und Cloud Enabling bei Pironet NDH, haben diese Art App Stores allerdings kaum mehr etwas mit dem ursprünglichen App-Store-Modell gemein: "Echte App Stores sind eigentlich nur die der ganz Großen, also Apple, Google oder Microsoft. Hier werden Anwendungen aus der Public Cloud zentral bereitgestellt und aktualisiert. Das, was wir aktuell sehen, - also die zahlreichen App Stores kleinerer Anbieter oder Inhouse-App-Stores - sind im Prinzip nichts anderes als Link-Listen oder Download-Portale, die vom Grundgedanken eines App Stores stark abweichen."