Joint-venture mit der Telekom

Axel Springer Verlag versucht sich an der Neuauflage von Btx

17.04.1992

HAMBURG (gh) - Auf der Suche nach einem potentiellen Partner für die Vermarktung ihres Dauerpatienten Btx ist die Telekom nun fündig geworden. Zusammen mit der Axel Springer Verlag AG gründete das Postunternehmen die Videotel Infoservice GmbH & Co. KG.

Das Joint-venture wird unter der unternehmerischen Führung des Hamburger Medienriesen agieren und soll sich auf das konzentrieren, woran Btx bisher krankte: die Erschließung eines Massenmarktes.

Spätestens seit sich die Telekom von der ursprünglichen Btx-Konzeption verabschiedet und für 1993 die neue Serviceplattform Datex-J angekündigt hat (Vgl. "Telekom erklärt ursprüngliche Btx-Konzeption für gescheitert", CW Nr.12 vom 20. März 1992, Seite 19), war klar, daß der Bonner Carrier beim Thema Bildschirmtext künftig auf zwei Hochzeiten tanzen möchte. Während man selbst als Btx-Netzbetreiber via Datex-J vor allem professionellen Anwendern eine kostengünstige Zugangsmöglichkeit zum Datex-P-Netz für Applikationen wie File Transfer oder Dialogverkehr anbieten will, soll es einem externen Partner überlassen bleiben, das "alte Btx" mit einem neuen Konzept zu versehen und einer großen Anzahl privater Kunden schmackhaft zu machen.

Btx Bereichsleiter Eric Danke machte in der Fachpresse in Hamburg geltend, daß man "auch in der Vergangenheit schon versucht habe, Bildschirmtext als Markenartikel entsprechend zu verkaufen" - dies allerdings "aufgrund eines fehlenden, homogenen Erscheinungsbildes gescheitert sei". Als Hauptgrund für das Scheitern nannte der Btx-Planer den Staatsvertrag der Bundesländer, der der Telekom als Netzbetreiber jegliche Einflußnahme auf die inhaltliche Gestaltung einzelner Services untersage. Im Rahmen eines Projektteams, bestehend aus Vertretern der IBM, der Telekom sowie diversen Diensteanbietern, habe man daher an einem neuen Grundsatzkonzept gefeilt und ziehe jetzt einen klaren Trennungsstrich zwischen den Anwendungen und den Netzdiensten - denn, so Danke, "was der Kunde sehen will, ist die Anwendung - die Technik, die dahintersteht, ist ihm letztlich egal".

Daß der Partner Axel Springer Verlag heißt, ist keine Überraschung mehr. Die Hamburger haben laut Danke bei der gemeinsamen Tochter Videotel aufgrund ihrer Anteilsmehrheit auch "die unternehmerische Gestaltungsfreiheit". Der Ansatz der Videotel-Mannschaft, die sich aus dem Axel-Springer-Verlagsbereich Interaktive Medien rekrutiert, führt dabei mit einem völlig umgestalteten redaktionellen Grundraster weg vom "Producer-Konzept" des alten Btx hin zu einem "Consumer-Konzept" bei den neuen Btx-Angeboten.

Aus der alten, begrenzten Servicepalette von Informations- und Bestelldiensten soll auf diese Weise in absehbarer Zeit ein, wie es in einer ersten Ankündigung hieß, "homogenes Produkt mit hohem Gebrauchswert" werden. Eindeutige Zielgruppe ist dabei der Massenmarkt der privaten Haushalte, wo mittels jetzt zur Verfügung stehender Software-Decoder zunehmend auch der PC als Btx-Endgerät genutzt werden kann.

Kalkulation ist langfristig angelegt

Ab Herbst dieses Jahres soll nach Angaben von Videotel mit "Via", eines "Test-Umbrellas" in Form einer neu gestalteten Btx-Maske, das Konzept in einem einjährigen Pilotversuch auf dem Markt getestet werden. Zur Teilnahme animieren will man sowohl regionale Veranstalter und Dienstleister als auch die traditionellen überregionalen Btx-Anbieter, mit denen man "gemeinsam am Endprodukt arbeiten" möchte. Dies auch dann, wenn es nicht gleich zu entsprechenden Vertragsabschlüssen kommt, da man damit rechne, daß die "großen Anbieter zunächst ihre eigene Identität behalten wollen".

Rund zehn Millionen Mark wollen Axel Springer und die Telekom in diese Pilotphase investieren. Danach, so hoffen die Gesellschafter, werde man schon etwas klarer sehen . Für die Vermarktung von Btx stehen laut Telekom-Planer Danke jedenfalls "ausreichend Mittel zur Verfügung", die Kalkulation sei "langfristig angelegt". Daß sich der Hamburger Großverlag trotz derzeit stattfindender interner Konsolidierungsmaßnahmen bei Btx engagiere, zeuge, so Danke, "von der Tragfähigkeit des Konzeptes".

In jedem Fall aber können die Telekom-Verantwortlichen den zweiten Startversuch eines Btx-Massendienstes etwas beruhigter verfolgen: Geht es erneut schief, hält man den Schwarzen Peter diesmal bei Videotel beziehungsweise Axel Springer in der Hand.