Digitalisierung in der Automotive-Branche

Automobilbauer müssen Partnerschaften neu denken

Andreas Thonig ist Country Manager DACH bei Tradeshift und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in den Bereichen E-Invoicing, Business Collaboration und E-Procurement. Vorher war der studierte Bankfachwirt bei SAP / Ariba als Senior Product Sales Executive sowie als Associate Director bei Lufthansa AirPlus tätig und führte als CEO die Siacon GmbH, eine Tochter der Bayern LB. Darüber hinaus ist Thonig Mitbegründer des Verbands elektronische Rechnung (VeR).
Technologien wie 3D-Druck, Robotik und künstliche Intelligenz gehören auch in der Automobilindustrie zu den wichtigsten Treiber der vierten Industriellen Revolution. Doch was tun, wenn Absatzzahlen sinken und neue Geschäftsmodelle im Zuge der Digital Disruption erst am Anfang stehen?

Durch die industrielle Fertigung seines "Model T" löste Henry Ford die zweite industrielle Revolution aus und machte das Auto zur Massenware. Ganz gleich ob Transportmittel oder Statussymbol: Fahrzeuge sind bis heute immer auf dem neuesten Stand der Technik und spiegeln in Sachen Ausstattung und Design den aktuellen Geschmack und Zeitgeist wider. Hersteller sind aufgrund des hohen Konkurrenzdruckes gezwungen, ihre Neuentwicklungen möglichst schnell auf den Markt zu bringen - die Technologien der vierten Industriellen Revolution helfen ihnen dabei: Additiver 3D-Druck lässt neue Designs schneller Wirklichkeit werden, intelligente Roboter haben bei hoher Nachfrage keinerlei Probleme mit Überstunden. Doch die Nachfrage nach neuen Fahrzeugen sinkt. Vor allem in Großstädten wollen immer weniger Menschen zwingend ein Auto besitzen - sie kaufen lieber Mobilität. Nach Prognosen der Boston Consulting Group soll sich alleine in Deutschland die Zahl der Carsharing-Nutzer innerhalb der nächsten fünf Jahre verdoppeln. Anbieter wie Car2Go und Tech-Unternehmen wie Uber gewinnen in diesem Umfeld zunehmend Marktanteile.

Die Frage ist also nicht, ob die Automobilindustrie von der "Disruption" betroffen ist, sondern in welcher Art und Weise. Können also alteingesessene Fahrzeughersteller überhaupt noch von neuen Technologien profitieren oder sollten sie ihre Geschäftsmodelle lieber neu definieren?

Die klassischen Automobilhersteller stehen im Zuge der digitalen Disruption vor völlig neuen Herausforderungen.
Die klassischen Automobilhersteller stehen im Zuge der digitalen Disruption vor völlig neuen Herausforderungen.
Foto: Bloomicon / shutterstock.com

Vom Hersteller zum Hightech-Unternehmen

Automobilhersteller sind sowohl Maschinenbauer als auch Hersteller. Daher ist es logisch, dass in einer zunehmend digitalisierten Welt vor allem große Namen aus dieser Branche Schlagzeilen machen. Nach Aussage von Volvo CIO Klas Bendrick erzeugen Automobilhersteller damit natürlich große Aufmerksamkeit innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette - aber auch bei Softwareunternehmen (1). Die wohl besten Beispiele sind Apple und Google - die bisher bei Car-Entertainment und Navigation mit Fahrzeugherstellern kooperieren. Die Tech-Unternehmen dringen mit ihren Projekten iCar und Self-Driving Car Project nun jedoch auch in den Automobilsektor vor und könnten damit auch in Deutschland schon bald kräftig für Wirbel sorgen.

Da bisher sowohl Entwicklung als auch die Produktion von Einzelkomponenten in großen Teilen von Zulieferern erledigt wurden, können sich die Partner von heute also schnell zu Mitbewerbern entwickeln. In Zeiten der Digitalisierung ist es für Automobilhersteller deshalb extrem wichtig, ihre Lieferkette möglichst fest an das eigene Unternehmen zu binden und Partner langfristig an ihrem Erfolg zu beteiligen. Ein gutes Beispiel dafür ist Tesla Motors: In seiner Gigafactory will das Unternehmen gemeinsam mit Panasonic und weiteren Partnern seine Batterieaggregate selbst herstellen - und sogar 30 Prozent günstiger produzieren als bisher.

Deutlich wird diese Entwicklung auch beim selbstfahrenden Auto. Es sind zwar noch eine Reihe technischer Hürden zu bewältigen, doch die Technologie ist im Grunde schon heute vorhanden - wenn auch nur als Prototyp. Was jedoch gern übersehen wird: Das Fahrzeug selbst ist lediglich ein kleines Puzzle-Teil in einem komplexen Gesamtsystem - und setzt ein komplett vernetztes Umfeld voraus.

Carlos Ghosn, CEO von Renault Nissan bringt es auf den Punkt: "Niemand kann sagen, wir bringen ein selbstfahrendes Auto ohne die Konnektivität auf den Markt. Deshalb setzen wir auf die gemeinsame Entwicklung beider Technologien." (2)

Vom Lieferanten zum (digitalen) Partner

Für führende Automobilhersteller ist die notwendige Vernetzung ein teurer Spagat zwischen ihrer Kernkompetenz als Fahrzeugbauer und der Innovationsfreudigkeit eines agilen Hightech-Unternehmens. Sie müssen sich fragen, in wieweit sie Möglichkeiten des Netzwerkes profitabel für ihr Business nutzen können. Diese Herausforderungen können sie nur mit strategischen Partnerschaften und dem Aufbau von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen außerhalb ihres traditionellen Kernbusiness meistern. Innovationsfreudigkeit und gutes Lieferantenmanagement helfen dabei ebenso wie der Aufbau langfristiger Joint Ventures - wie die Gigafabrik von Tesla Motors. Doch die Situation ist kompliziert, denn Partner von heute können schon morgen die härtesten Konkurrenten sein. Auch die Lieferantenbeziehungen stehen auf dem Prüfstand: Untereinander verbundene, digitale Lieferketten können im Zuge der "Digital Disruption" eine gute Grundlage für eine neue und effektive Zusammenarbeit im B2B-Bereich sein: Käufer und Lieferanten profitieren gleichermaßen von klaren Prozessen und erhöhter Transparenz - und erhalten die Möglichkeit, günstige Finanzierungsoptionen anzubieten. Darüber hinaus wird die Digitalisierung ein Schlüssel sein, um Lieferanten in den Innovationsprozess einzubeziehen oder sogar eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu realisieren.

Fazit: Zusammenarbeit neu denken

Der Automobilindustrie bieten sich derzeit in der Situation unzählige Chancen und Möglichkeiten, sie steht aber auch vor neuen Herausforderungen. Einerseits wollen die Hersteller Top-Produkte wie das selbstfahrende Auto möglichst schnell zur Marktreife bringen. Gleichzeitig müssen sie sich an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren - die gerne Online-Services nutzen, jedoch eigentlich kein eigenes Fahrzeug mehr besitzen wollen. Technik allein kann dieses Dilemma nicht lösen. Die Konzern müssen deshalb Partnerschaften neu denken, Lieferanten an ihren Erfolgen beteiligen und neues Know-how außerhalb ihrer Kernkompetenten aufbauen. Das selbstfahrende Auto ist die Vision des 21. Jahrhunderts - und wird zum Prüfstein für neues Denken von Industrie- und Technologieunternehmen. Um damit erfolgreich zu sein, sollten Automobilhersteller anstelle reiner Kostenoptimierung vor allem Agilität und neue Partnerschaftsmodelle in den Fokus ihrer Organisationsstrategie rücken - und Start-Ups nicht nur als Konkurrenten oder Lieferanten sehen, sondern langfristige Partnerschaften in Betracht ziehen. Um eine digitale Lieferkette im großen Stil zu realisieren, müssen sie Geschäftsprozesse gemeinsam definieren und faire Procurement-Strategien entwickeln. Dieses Umdenken erfordert Mut und eine gewisse Risikobereitschaft. Entscheider sollten die Digitalisierung jedoch als Chance begreifen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und ihre Prozesse gleichzeitig schneller, effektiver und agiler zu gestalten.

(1) Quelle: Interview von Julia Chatterley (CNBC) mit Klas Bendrick, Senior Vice President und CIO bei Volvo Cars auf dem Tradeshift Sanctuary Event in Davos

(2) Quelle: Interview von Julia Chatterley (CNBC) mit Carlos Ghosn, CEO von Renault Nissan auf dem Tradeshift Sanctuary Event in Davos