Aufstieg und Fall im Silicon Valley

08.08.2001 | von Katja Müller
Die Aura des Neubeginns lockte vor vier Jahren auch den Informatikstudenten Roland Geisler in die USA. Im Silicon Valley erlebte er die Blütezeit und den Zusammenbruch der Internet-Revolution. Jetzt ist er heimgekehrt, auf Zwischenstation, wie er sagt. Denn in Helsinki erwarten ihn schon weitere Herausforderungen.

"Es war immer mein großes Ziel, ins Silicon Valley zu gehen", erklärt Geisler entschieden, als ob er gleich zu Beginn die Prioritäten setzen wollte. Die seit Jahren meistbeachtete Region Kaliforniens, das "Very-high-Energy-System", wie der amerikanische Beobachter Gill Cogan schrieb, zog Menschen an wie ein Magnet. Das schnelle Geld durch Aktienoptionen und die Chancen auf einen rasanten Aufstieg lockten weit über die Grenzen der Bay Area hinaus.

Quelle: Golden Gate National Recreation Area
Quelle: Golden Gate National Recreation Area

„Die Stimmung war dort so, wie ich es mir vorgestellt hatte", erzählt Geisler, "alles lief extrem schnell, sehr innovativ, aber auch sehr kapitalistisch." Dass der damals 25-Jährige mit einem Informatik-Vordiplom der Technischen Universität München und dem Master of Computer Science der University of Illinois Ende 1999 bei einem der Startups einsteigen konnte, lag zum einen an dem immensen Fachkräftemangel der Region, zum anderen an Geislers Naturell. Seine Beharrlichkeit und Ausdauer hatten sich schon bei seinen früheren Auslandsaufenthalten bewährt. Nun kam es darauf an, die richtige Strategie anzuwenden. Wie sich herausstellte, hatten die Firmen, die für Geisler interessant waren, viel Geld und konnten es sich leisten, ihre Leute auszusuchen. Zwar litten auch sie unter dem Defizit an Informatikern, konnten sich aber unter der Vielzahl der Bewerbungen die Besten heraussuchen. Als normaler Arbeitnehmer hatte man deshalb nur geringe Chancen, einen der wenigen, begehrten Arbeitsplätze zu bekommen, so Geisler.

Es dauerte allerdings ein halbes Jahr, bis der Münchner in San Jose endlich die gewünschten Kontakte bekam. Dazwischen lagen unzählige Telefonate und E-Mails mit Personen, die vielleicht jemanden kannten, der an ihm interessiert sein könnte. Eine schriftliche Bewerbung verfasste Geisler jedoch nie: "Man muss sich über die Hintertür bewerben. Die Vordertür benutzen die anderen." An die ihm wichtig erscheinenden Leute schickte er seinen Lebenslauf und umging so die Personalabteilungen, bei denen sich in dieser Zeit die Bewerbungsunterlagen stapelten. "Nur wer Engagement zeigte, wurde belohnt", betont Geisler. Als er sein erstes Gespräch hatte, überlegte er sich vorher genau, wie die Firma strukturiert war und wo er sich selbst einordnen würde.

Das Interview begann damit, dass der deutsche Informatiker erzählte, welchen Tätigkeiten er bis jetzt nachgegangen war und warum er sich nun für die Firma interessierte. Am Ende des kurzen Gesprächs erhielt er einen Gehaltsvorschlag, was allerdings noch keine Zusage bedeutete. Nun war Geisler wieder am Zug. Per E-Mail bewarb er sich ausdrücklich und wurde zu einem zweiten Gespräch eingeladen. Schließlich wurde ausführlich über das Gehalt gesprochen. Geisler: "Jetzt hatte ich plötzlich die höchste Verhandlungsmacht, weil das Unternehmen mich wirklich haben mochte."

Da der Informatiker inzwischen drei Jobangebote auf ähnliche Weise bekommen hatte, konnte er sich aussuchen, wo er am liebsten hinwollte. "Die Bezahlung war für mich nie so wichtig gewesen. Aber nun konnte ich meinen Marktwert ermitteln und sagen: ,Bei Firma X bekomme ich die Summe, warum bei Ihnen weniger?´

Mit dieser aggressiven Strategie, welche nicht nur der Marktdynamik des Silicon Valley entspricht, sondern dort auch erwartet wird, konnte Geisler sein Gehalt um 50 Prozent in die Höhe treiben. Pan Dao.com stellte ihn als Interim Director of Engineering ein. Er assistierte dem Chief Executive Officer (CEO) bei der Aufstellung eines Business-Plans und entwarf sowie implementierte für ein Portal die Front- und Backend-Infrastruktur.

Aber es war noch eine weitere Hürde zu bewältigen: Er musste eine eigene Unterkunft finden, denn bisher hatte er bei Freunden gelebt. Doch der Wohnungsmarkt war völlig überlastet. Viele Menschen kamen aus allen Orten der Welt in die Stadt, und die Mieten stiegen ins Unermessliche. Nicht selten stand Geisler mit bis zu 100 anderen Leuten in einem Zimmer am Stadtrand, um sich an der Auktion zu beteiligen. Man begann bei umgerechnet 2000 Mark und war schnell 20 bis 30 Prozent über der ursprünglich geforderten Miete angelangt. Auch hier half Geisler wieder der persönliche Kontakt. Durch Zufall geriet er auf der Straße mit einer Frau ins Gespräch, die er eigentlich nur nach der Uhrzeit fragen wollte. Sie erzählte ihm, dass in ihrer WG gerade ein Zimmer frei geworden war. Nach kurzer Zeit konnte er dort einziehen.

Als er sich im Mai des Folgejahres bei der Firma Gigabeat in Palo Alto, dem Herzstück des Silicon Valley, bewarb, hatte er bereits eine kleine Wohnung. Gigabeat war ein typisches Beispiel für eine Startup-Firma. Sie wurde direkt auf dem Campus der Stanford University von drei Absolventen gegründet, die ihren Abschluss für Computer Science und Wirtschaft in der Tasche hatten. Beteiligt hatte sich die im Silicon Valley führende Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins. Hier arbeitete Geisler als Produkt-Manager und koordinierte die "Backend-Entwicklung" mit dem Chief Technical Officer (CTO) und dem Director of Pro Management, Strategy und Business Development. Er entwickelte neue Produktkonzepte für das Peer-to-Peer-Computing und leitete in diesem Bereich auch Forschungsversuche. Wahrscheinlich hätte er das noch einige Zeit tun können. Doch nur ein paar Monate später, im Oktober 2000, begannen die ersten Aktienkurse an der Börse nach unten zu rutschen. Geisler: "Aber noch war alles obenauf, und nur wenige Leute ahnten etwas von dem Zusammenbruch, der später folgen sollte."

Als Gigabeat Anfang des Jahres in Verkaufsverhandlungen mit Napster trat, hatte sich die Situation bereits verschärft. Geisler, der inzwischen seinen dreimonatigen Jahresurlaub in Nepal verbracht hatte, war fortan als Consultant für seine Firma tätig und damit ausschließlich mit dem Verkauf der Technologie beschäftigt. "Als ich tagsüber in ein Café in San Francisco gehen wollte, fand ich keinen Platz mehr, so voll war es", erzählt er. "Viele beugten sich über ihre Laptops und suchten fieberhaft nach Jobs, Geldgebern oder neuen Ideen für das nächste Startup."

Die ganze Stadt begann ihr Gesicht zu verändern. Werbeflächen waren von einem Tag auf den anderen übersät mit Plakaten der Online-Jobbörse Monster.com und Angeboten von Reiseveranstaltern. Schließlich hatten die Gefeuerten jetzt endlich Zeit, in den Urlaub zu fahren. Auch große Buchhändlerketten wie Barnes and Nobles reagierten sofort: Palettenweise wurde der schon vor 30 Jahren geschriebene Bewerbungsklassiker von Richard Nelson Bolles "What Color is your Parachute?" wieder in die Läden gekarrt. Die ersten Pink-Slip-Partys fanden statt, jeder Dritte aus Geislers Freundes- und Bekanntenkreis stand plötzlich auf der Straße. Viele Leute gingen wieder in ihre Heimatländer zurück.

Geisler wurde klar, dass er sich einen neuen Arbeitgeber suchen musste. Es war Mitte April, Gigabeat war an Napster verkauft, und er hatte inzwischen Kontakte zu anderen großen Firmen aufgenommen. Doch auch dort hatte die Rezession bereits ihre Spuren hinterlassen. Ein Unternehmen nach dem anderen verhängte Einstellungsstopps. Geisler hatte zwar Angebote von kleineren Firmen, wollte sich aber nicht unter Wert verkaufen. Zum ersten Mal überlegte er, ob er nicht das Silicon Valley verlassen sollte. Vier Jahre war er jetzt schon in den Staaten und bemerkte, wie sehr er sich den amerikanischen Gepflogenheiten angepasst hatte.

"Ich hatte dort wenige gute Freunde, dafür aber umso mehr sympathische Kollegen", beschreibt er die Situation. Sein Bekanntenkreis im Silicon Valley war zwanzigmal so groß wie zu seinen Studienzeiten in München, die Kontakte jedoch kürzer und oberflächlicher. Geisler: "Ich konzentrierte mich zunehmend auf mich selbst und hatte nur noch die Arbeit im Kopf." Dabei ging das "tiefe Gefühl von Leben" ein bisschen verloren, sagte er. Schließlich fühle er sich immer noch als Europäer mit europäischen Werten. Deshalb fiel ihm die Entscheidung, Anfang Mai wieder nach Deutschland zu kommen, nicht besonders schwer.

Ob er jemals wieder in die USA gehen würde, weiß er noch nicht: "Amerika ist interessant, aber im Augenblick würde ich eher abraten, dort eine IT-Karriere anzustreben." Im Moment herrsche im Silicon Valley eine hohe Arbeitslosigkeit. Zudem seien Ausländer meistens "second choice", besonders diejenigen ohne sonstige Auslandserfahrungen oder mit mangelnden Sprachkenntnissen. Vor allem an der Schnittstelle von Informatik zum Business seien exzellente Englischkenntnisse unentbehrlich. Im Übrigen existiere eine Alternative: "Um in einem internationalen Umfeld zu leben und Sprachkenntnisse zu erwerben, halte ich London im Moment für geeigneter", empfiehlt Geisler. Dort gebe es nicht nur die höchsten Gehälter in Europa, die britische Metropole bilde traditionell auch den Draht zwischen Amerika und Europa und eigne sich dadurch hervorragend als Sprungbrett.

Auf dem japanischen Arbeitsmarkt laufen die Dinge derzeit ähnlich verhalten wie in Amerika. Für Geisler, der 1999 als Stipendiat einige Monate am dortigen Kanazawa Institute of Technology und später am National Institute of Advanced Industrial Science and Technology in Tsukuba war, ist dieser Arbeitsmarkt der geschlossenste, den er jemals kennen gelernt hat: "Hier läuft alles über Kontakte, so dass man ohne Referenzen anderer japanischer Arbeitgeber kaum die Chance hat, eingestellt zu werden." Offener sind Unternehmen in Taiwan, Südkorea oder Hongkong. Brasilien, wo sich Geisler innerhalb eines Forschungsprogramms 1998 aufhielt, biete gute Einblicke in den südamerikanischen Markt.

Vor allem ist es wichtig, sich in dem jeweiligen Land auch Kultur und Alltag anzusehen, damit man besser versteht, wie die Menschen über ihre Lebensweisen und Produkte denken, meint Geisler. Auch wenn man nicht die neuesten Kenntnisse der IT-Branche vermittelt, ist es gut, in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen tätig zu sein, um zu begreifen, wie dort an Probleme herangegangen wird. Auf einem Assessment-Center bei dem Mobilfunkgeräte-Hersteller Nokia in Helsinki konnte er durch seine Internationalität viele Pluspunkte sammeln. Seitdem er wieder in München ist, hatte er sich unter anderem bei dem skandinavischen Telekommunikationskonzern als Projekt-Manager beworben. Geisler: "Hier werden sehr viele Leute mit internationalem Background gesucht."

Dass er mit seiner Entscheidung für das Land der tausend Seen voll im Trend liegt, zeigen die überwiegend positiven Nachrichten aus der dortigen Wirtschaft. Ein zweites Silicon Valley wird es in Espoo, dem Sitz der meisten IT-Unternehmen nahe bei Helsinki, zwar nicht geben, aber die Erfahrungen hat Geisler ja schon gemacht.