Langsamer Abschied von der Solaris-Ausschließlichkeit

Auch Sun kommt an Linux nicht vorbei

15.02.2002
MÜNCHEN (ls) - Deutlicher als bisher geht Sun Microsystems auf Linux-Kurs. Allerdings beschränkt sich die Zuwendung zum quelloffenen Betriebssystem auf den Lowend-Bereich Intel-basierender Systeme.

Die Telefonkonferenz am 7. Februar 2002 war kurzfristig anberaumt, wenige Stunden vor der alljährlichen Sun-Konferenz mit Analysten. Edward Zander, Suns President und Chief Operating Officer, wartete mit einer Überraschung auf: "Sun wird eine eigene Linux-Version auf den Markt bringen." Die bisherige durch den Kauf von Cobalt erhaltene Reihe der Intel-basierenden Linux-Rechner wird im Lauf des Jahres um Mono- und Multiprozessor-Computer erweitert und als Allround-System vertrieben. Bisher hat Sun die Cobalt-"Cubes" als Appliances positioniert, für die das Betriebssystem nicht so wichtig ist.

Ob Sun mit der Linux-Ankündigung die Portierung der kommenden Version 9 des eigenen Unix-Derivats "Solaris" auf Intel überflüssig machen will, bleibt Spekulation. Zander bestritt diese Option jedenfalls. Sun wird dem COO zufolge mehr Programme Linux-fähig machen. So will das Unternehmen seine Infrastruktur-Softwaresuite "Open Net Environment" (ONE) nicht wie bisher in Teilen, sondern komplett auf Linux portieren. Das Unix-Derivat Solaris soll in der Version 9 so weit Linux-kompatibel sein, dass Anwender auf ihm auch Linux-Programme fahren können.

Vorerst ist aber nicht daran gedacht, umgekehrt auch Solaris-Applikationen auf Linux-Systemen betreiben zu können. Das sei, so Zander, nicht nötig, weil Solaris das bessere, vor allem skalierbarere System sei, wodurch er implizit Linux als Einstiegssystem klassifizierte. Sun werde die Kompatibilität durch ein "Linux Compatibility Assurance Tool" (Lincat) sicherstellen.

Die Linux-Benutzeroberfläche "Gnome" wird ab der bevorstehenden Version 2.0 der Desktop der Wahl für Solaris. Sun will das Angebot an Support und Services für seine bisherigen Linux-Produkte wie die "Iplanet"-Server, Java, "Forte for Java", das Büropaket "Star Office" etc. verbessern. Die Speichersysteme und -software der "Storedge"-Reihe werden künftig Linux unterstützen.

Sun wird Bemühungen von Linux-Companies, das quelloffene Betriebssystem für Sparc-Rechner anzupassen, durch intensivere Partnerschaften fördern. Das Unternehmen will zu Open-Source-Entwicklungen wie dem Linux-Kernel durch Offenlegung von Solaris-"Schlüsseltechnologien" stärker beitragen. Sun hat das aus der Solaris-Welt stammende Tool "Abicheck", das die Kompatibilität zwischen verschiedenen Releases sicherstellen hilft, auf Linux portiert und quelloffen vorgelegt. Man will auch Kerntechnologien der Liberty Alliance als Open Source herausgeben.

Noch vor einem Jahr hatte Zander IBMs Linux-Orientierung als "Modetorheit" bekrittelt und einer Verwendung des Betriebssystems über die Cobalt-Appliances hinaus keine Chance gegeben. Den neuen Kurs begründet er mit einer veränderten Marktsituation. "Die Kunden haben mehr gewollt", erklärt Zander. "Ich bekomme eine Menge Fragen über Linux im Lowend." Das dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass Anbieter wie Dell, Compaq und HP massiv mit kostengünstigen Linux-basierenden Intel-Maschinen um Kunden buhlen.

Solaris bleibt das Betriebssystem der WahlZander widersprach gleichwohl der Interpretation, dieser Wettbewerbsdruck sei Motiv des Linux-Kurses im Lowend-Bereich. Er schloss auch aus, dass Sun im Highend, wo IBM den Sparc-Servern mit Linux-fähigen Mainframes Konkurrenz macht, das quelloffene Betriebssystem einführen möchte. Solaris werde keineswegs an Bedeutung verlieren, so Zander: "Solaris wächst weiter."

Der Sun-President hält nichts von der verbreiteten Ansicht, dass Linux nach und nach die verschiedenen Unix-Derivate in sich vereint und obsolet macht. "Es geht nicht um Linux gegen Solaris oder ein anderes Unix." Vielmehr betont Zander die Gemeinsamkeiten: "Die Linux- und die Unix-Communities müssen sich vereinen."

Die Angesprochenen reagieren höflich. "Willkommen auf der Party", begrüßte Mike Evans, Vice President des Distributors Red Hat, Suns Eintritt ins Linux-Geschäft. "Dies ist ein guter Tag für Linux." HPs Linux-Manager Mike Balma hob hervor, dass "Sun endlich Linux als tragfähige Business-Plattform anerkannt" habe. "Besser jetzt als nie", hieß es auch in den meisten der zahlreichen Kommentare aus der Open-Source-Gemeinde.

Martin Häring, Marketing-Direktor bei Sun Deutschland, zufolge ist das Wichtigste an der Linux-Ankündigung, dass Sun sich für die Linux-Community geöffnet habe und dadurch mehr Unterstützung für Java und die .NET-Alternative ONE gewinne. "Jeder Linux-Entwickler ist ein Microsoft-Entwickler weniger." Linux brauche "noch ein oder zwei Jahre Reife", bis es Features wie Solaris habe. Danach könne man diskutieren, ob das quelloffene System auch für umfassende unternehmenskritische Anwendungen im Highend geeignet sei.